Mutter und Tochter Gottes, Braut des Geistes

Zum Abschluss unserer Fatima-Serie: Der dreifaltige Gott als Zielpunkt der Marienerscheinungen vor den Seherkindern. Von Manfred Hauke

Die Madonna von Fatima. Foto: Archiv
Die Madonna von Fatima. Foto: Archiv

Maria hilft uns, mit größerem Eifer den einen und dreifaltigen Gott anzubeten. Sie selbst ist aufgrund der Menschwerdung des Sohnes Gottes untrennbar mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit verbunden. „Im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst und mit ihm in enger und unauflöslicher Verbindung geeint, ist sie mit dieser höchsten Aufgabe und Würde beschenkt, die Mutter des Sohnes Gottes und daher die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das Heiligtum des Heiligen Geistes zu sein“ (Zweites Vatikanum, Lumen gentium 53). Schon im lukanischen Bericht von der Verkündigung des Engels an Maria offenbart sich das Wirken des dreifaltigen Gottes: Der Vater sendet den Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes (Lk 1,26–38). Maria verkörpert in ihrer Beziehung zu den drei göttlichen Personen die Berufung aller Glieder der Kirche, nämlich Tempel des dreieinigen Gottes zu sein. Gleichzeitig sind ihre persönlichen Beziehungen zu den göttlichen Personen einzigartig: sie „Mutter Gottes“, „bevorzugt geliebte Tochter des Vaters“ und „Braut“ des Heiligen Geistes. „Darin zeigt sich die authentische Bedeutung der Vorzüge Mariens und einer einzigartigen Beziehungen zur Dreieinigkeit: Sie haben das Ziel, ihre Mitwirkung an der Erlösung des Menschengeschlechtes zu ermöglichen“ (hl. Johannes Paul II., Marianische Katechese Nr. 11, 10. Januar 1996).

Als Wegführerin zum dreifaltigen Gott erweist sich Maria auch in den prophetischen Ereignissen von Fatima. Bei der ersten Marienerscheinung, am 13. Mai 1917, spricht Maria von der „Gnade Gottes“, welche den Sehern im sühnenden Leiden für die Bekehrung der Sünder beistehen wird. „Als sie diese letzten Worte sagte (die Gnade Gottes et cetera), öffnete sie zum ersten Mal die Hände und übermittelte uns ein so starkes Licht, das wie ein Widerschein von ihren Händen ausging. Es drang uns in die Brust und bis in die tiefste Tiefe der Seele und wir erkannten uns selber in Gott, der dieses Licht war, viel klarer, als wir uns im besten Spiegel sehen konnten. Durch eine innere Anregung, die uns ebenfalls mitgeteilt wurde, fielen wir nun auf die Knie und wiederholten ganz innerlich: ,O Heiligste Dreifaltigkeit, ich bete Dich an. Mein Gott, mein Gott, ich liebe Dich im heiligsten Sakrament‘“ (Vierte Erinnerung III,3).

Das von Maria ausstrahlende „Licht“ ist eine mystische Gnade, welche die Seher sich selbst in Gott schauen lässt. Dadurch werden sie angeregt, sich dem dreifaltigen Gott zuzuwenden, dem Ursprung und Ziel unseres Lebens. Die Dreifaltigkeit wird dabei nicht einfachhin in ihrem ewigen weltenthobenen Dasein betrachtet, sondern in enger Verbindung mit der Menschwerdung des Sohnes, der mit Leib und Seele gegenwärtig ist im Allerheiligsten Sakrament. Maria vermittelt die Gnade, welche die Seher zur Anbetung des dreifaltigen Gottes führt und des eucharistischen Herrn.

Schon der Schutzengel von Portugal, der dreimal den Seherkindern im Jahre 1916 erscheint, führt zur Anbetung der Dreifaltigkeit und des Altarsakramentes. Der zweite Teil des von ihm gelehrten Gebetes beginnt folgendermaßen: „Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefer Ehrfurcht bete ich Dich an und opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwärtig in allen Tabernakeln der Erde …“.

Schon die Tatsache, dass zwei Zyklen von je drei Engelserscheinungen (in den Jahren 1915 und 1916) auf das Kommen der Gottesmutter vorbereiten, kann als diskreter Hinweis auf die Bedeutung der Dreifaltigkeit gesehen werden. Das gleiche gilt für den ersten Teil des Engelsgebetes, das die Kinder dreimal wiederholen: „Mein Gott, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich und ich liebe Dich. Ich bitte Dich um Verzeihung für jene, die an Dich nicht glauben, Dich nicht anbeten, auf Dich nicht hoffen und Dich nicht lieben.“

Am deutlichsten wird der trinitarische Bezug der prophetischen Botschaften in der nächtlichen Marienerscheinung in Tuy am 13. Juni 1929, während der „heiligen Stunde“, als die Seherin Jesus Gesellschaft leistet in seinem Leiden am Ölberg. Die drei göttlichen Personen werden dargestellt in ihrer heilsgeschichtlichen Verbindung mit dem Selbstopfer Jesu am Kreuz und dessen Vergegenwärtigung im Messopfer. Maria erscheint dabei, mit ihrem unbefleckten Herzen, unter dem Kreuz, ausgerichtet auf Vater, Sohn und Heiligen Geist: „Plötzlich erhellte sich die ganze Kapelle durch ein übernatürliches Licht, und auf dem Altar erschien ein Kreuz aus Licht, das bis zur Decke reichte. In einem klareren Licht sah man im oberen Teil des Kreuzes das Antlitz und den Oberkörper eines Menschen, über der Brust eine Taube, ebenfalls aus Licht, und an das Kreuz genagelt den Körper eines anderen Menschen. Ein wenig unterhalb der Taille, in der Luft schwebend, sah man den Kelch und eine große Hostie, auf die einige Tropfen Blut fielen, die vom Angesicht des Gekreuzigten und aus einer Brustwunde herabliefen. Von der Hostie herabgleitend fielen diese Tropfen in den Kelch. Unter dem rechten Arm des Kreuzes stand Unsere Liebe Frau. Es war Unsere Liebe Frau von Fatima mit ihrem Unbefleckten Herzen in der linken Hand ohne Schwert und Rosen, jedoch mit einer Dornenkrone und Flammen ... Unter dem linken Arm des Kreuzes bildeten einige große Buchstaben, die auf den Altar zuliefen, gleichsam als wären sie aus kristallklarem Wasser, die Worte: ,Gnade und Barmherzigkeit‘. Ich verstand, dass mir das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit gezeigt worden war, und empfing Erleuchtungen über dieses Geheimnis, die zu offenbaren mir nicht gestattet ist.“

Schwester Lucia beschreibt hier eine eindrucksvolle Gotteserscheinung (Theophanie), die sich auf die am Kreuz kulminierende Heilsgeschichte konzentriert. Die Symbolik der Theophanie von Tuy erinnert an die biblischen Szenen der Taufe Jesu und der Verklärung des Herrn, in denen sich ebenfalls der dreieinige Gott offenbart. Als Zielpunkt in der Höhe erscheint der himmlische Vater, während der Sohn dabei ist, sich am Kreuz dem Vater für das Heil der Welt darzubringen. An den Heiligen Geist erinnert nicht nur die lichtvolle Taube, sondern auch das kristallklare Wasser, das in der Offenbarung des Johannes für den Heiligen Geist steht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht: „Und er zeigt mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus“ (Offb 22,1; vgl. Joh 4,10–14; 7,37–39). Das „Wasser des Lebens“ gehört zum Bild des künftigen Paradieses.

Das Wirken der Dreifaltigkeit „nach außen“ zeigt sich in den Gaben von „Gnade und Barmherzigkeit“, während sich die Rückkehr des Menschen in der Bekehrung vollzieht. Unmittelbar im Anschluss an die trinitarische Vision spricht Maria von der Bekehrung Russlands, die dann geschehen wird, wenn es der Papst mit allen katholischen Bischöfen im Geiste der Sühne dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht hat. Erinnert sei hier an die große Bedeutung des dreifaltigen Gottes in der Frömmigkeit Russlands: Sein geistliches „Herz“ ist das Kloster des heiligen Sergius, das der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geweiht ist.

In den „Aufrufen“ der Botschaft von Fatima (veröffentlicht im Jahre 2000) widmet Schwester Lucia ein ganzes Kapitel der Betrachtung des Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit (Kap. 11). Nach dem Beispiel des Engels knieten die Seherkinder bei der Anbetung des dreifaltigen Gottes nieder und beugten ihr Gesicht bis zum Boden. Schon Abraham nahm diese Haltung ein, als er den geheimnisvollen drei Boten begegnete, in denen die geistliche Auslegung der Kirchenväter und die christliche Kunst oft einen alttestamentlichen Hinweis auf die Dreifaltigkeit sieht (etwa in der bekannten russischen Ikone von Rublev). Bei dieser Gebetshaltung spürt der Betende die Heiligkeit Gottes, die über das rein Menschliche hinausragt und ihn anzieht. Sie ahnen das Ehrfurcht erregende und faszinierende Geheimnis des dreifaltigen Gottes (mysterium tremendum et fascinosum).

Schwester Lucia spricht oft von der himmlischen Einladung, die göttliche Gerechtigkeit zu „besänftigen“. Daraus ergibt sich die Bedeutung der Sühne für die Sünden, um die Sünder zu bekehren. Gleichzeitig offenbaren sich in dem Ruf zur Buße die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, welche die trinitarische Vision von Tuy kennzeichnen. Die Sünde hat die Menschen vom Leben des dreifaltigen Gottes getrennt; Buße und Sühne führen wieder zur Gemeinschaft mit Gott zurück.

Nicht ohne Grund wurde am 12. Oktober 2007, zum 90. Jahrestag der Marienerscheinungen, in Fatima die Basilika der Allerheiligsten Dreifaltigkeit geweiht. Es ist die größte Kirche im portugiesischen Marienheiligtum. Im Mosaik des Chorraumes führt Maria die Schar der Heiligen an, die das „Lamm“ anbeten, den Mensch gewordenen Sohn Gottes. Sie ist Wegführerin zu Christus und zum dreifaltigen Gott.