„Mut zur Aufdeckung“

Der Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie, Manfred Hauke, spricht sich mit Blick auf den bosnischen Wallfahrtsort Medjugorje dafür aus, zuerst die Frage der Echtheit der Phänomene zu klären und dann pastorale Antworten zu geben. Von Regina Einig

Professor Manfred Hauke.

Herr Professor Hauke, der neue Apostolische Visitator von Medjugorje, Erzbischof Hoser, hat kürzlich festgestellt, dass das Pilgerwesen im bosnisch-herzegowinischen Wallfahrtsort den Vorgaben des Zweiten Vatikanischen Konzils entspricht. Was entnehmen Sie dieser Äußerung? Wie ist sie einzuordnen?

Bei seiner ersten Predigt als Apostolischer Visitator in Medjugorje am 22. Juli erwähnte Erzbischof Hoser, die in der Pfarrei vollzogene Marienverehrung stelle Christus ins Zentrum und entspreche von daher dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Zum Auftrag des päpstlichen Gesandten gehört es freilich nicht, sich über die Echtheit der angeblichen Marienerscheinungen auszusprechen. In seinem Interview vom 18. August 2017 betonte er, mit dem Inhalt der „Erscheinungen“ habe er sich nicht beschäftigt, denn das sei nicht seine Aufgabe. Eine solche Trennung von Wahrheit der Botschaften und Seelsorge kann nicht befriedigen: Zuerst muss die Frage der Echtheit gestellt werden, erst dann kann die pastorale Antwort erfolgen – wozu auch die Aufmerksamkeit für die Menschen gehört, die Medjugorje besuchen.

Warum muss die Frage der Echtheit zuerst gestellt werden?

Nach dem Konzil sind die Formen der Marienverehrung zu fördern, die „vom Lehramt empfohlen wurden“ (Lumen gentium 67). Dazu gehört zweifellos nicht, am kommenden 5. August wiederum ein Jugendfestival zu feiern, das sich auf die Botschaft beruft, die Gottesmutter habe am 5. August 1984 ihren 2000. Geburtstag gefeiert (und wäre demnach im Jahre 16 vor Christus geboren, was bedeuten würde, dass sie in dem historischen Jahr der Geburt Jesu, also um 7 v. Chr., neun Jahre alt gewesen wäre). Verbreitet hatte diese absurde Botschaft der 2009 laisierte Pater Tomislav Vlasic OFM, dem die Glaubenskongregation zuvor unter anderem fragwürdigen Mystizismus und Vergehen gegen das sechste Gebot vorgeworfen hatte. Dass die echte Gottesmutter auf diese Weise nahelegt, das liturgische Datum ihres Geburtsfestes am 8. September zu ändern und demgemäß auch das Fest der Unbefleckten Empfängnis vom 8. Dezember zu verlegen, ist lächerlich. Das Zweite Vatikanische Konzil betont außerdem sehr deutlich die Verantwortung des Bischofs für sein Bistum und den ihm gebührenden Gehorsam von Seiten der Gläubigen (Lumen gentium, Kap. III). Der Ortsbischof beklagt sich hingegen über die Errichtung von Niederlassungen religiöser Gemeinschaften in Medjugorje ohne seine schriftliche Erlaubnis.

Seit mehr als dreißig Jahren strömen Menschen nach Medjugorje. Erzbischof Hoser verweist auf die Christussuche als Leitmotiv der Pilger. Erübrigt sich damit die Frage nach der Echtheit der Erscheinungen? Wem nützt die Veröffentlichung von Untersuchungsergebnissen der Kommission derzeit noch, wenn doch die Kirche dem Pilgerbetrieb de facto Unbedenklichkeit bescheinigt?

Die gegenwärtige Handhabung des Problems wäre vom Kopf auf die Füße zu stellen: Zunächst müsste der Heilige Stuhl eine Verlautbarung veröffentlichen, die sich – von geschichtlichen Fakten und theologischen Klärungen gestützt – über das Phänomen der angeblichen Erscheinungen äußert; kompetent dazu wäre die Glaubenskongregation. Erst dann wären die pastoralen Fragen zu regeln, die sich nach einer Enthüllung der zugrunde liegenden Fakten und Skandale wahrscheinlich nach und nach von selbst lösen würden.

Der Visitator soll nach dem Willen des Papstes den Pilgern und ihren Seelsorgern Stabilität und Anleitung geben. Warum besteht da überhaupt Bedarf, wenn doch die religiöse Praxis in puncto Gebet und Sakramentenempfang in Medjugorje wesentlich intensiver ist als in den meisten Pfarreien?

Vielleicht zählt zu dem Bedürfnis nach Führung das Problem von fünf Franziskaner-Pfarreien in Bosnien, das Erzbischof Hoser selbst im August 2017 erwähnte. Der Ungehorsam der Franziskaner gegenüber dem Bischof kann sich freilich auf die „Gospa“ selbst berufen, die sich nach den Aussagen der Seher mehrere Male gegen die Versetzung zweier franziskanischer Kapläne wandte und dabei den Bischof kritisierte.

Bischof Ratko Peric von Mostar-Duvno hält die Erscheinungen für durchgehend unglaubwürdig – einschließlich jener vom Juni 1981, die 2015 von einer vatikanischen Kommission positiv beurteilt worden waren. Wie bewerten Sie diese Einschätzung? Was spricht für/ gegen die Haltung des Bischofs von Mostar?

Bischof Peric kennt die mit den „Erscheinungen“ verbundenen Ereignisse von Anfang an bis hin zu zahlreichen Details, die der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Nachdem durch vom Vatikan nicht dementierte Pressemeldungen behauptet wurde, die Kommission Ruini hätte die ersten sieben Erscheinungen der ersten zehn Tage als echt beurteilt, hat der Bischof eine eigene Untersuchung dazu der Öffentlichkeit bekannt gemacht (2017). Das Ergebnis entspricht der Untersuchung, die aufgrund der von Franziskanern vorgenommenen Tonbandinterviews vom 27.–30. Juni 1981 von mehreren wissenschaftlichen Studien unternommen wurde. Offensichtlich hat die Ruini-Kommission diese Interviews, die bislang nur in englischer und französischer Übersetzung schriftlich vorliegen, gar nicht studiert. Schon die Abgrenzung von „sieben“ ersten Erscheinungen in „zehn“ Tagen, von denen ein Mitglied der Kommission sprach, widerspricht den geschichtlichen Vorgängen. Je nachdem, wie man sie zählt, gab es in den ersten zehn Tagen 17–18 „Erscheinungen“ mit höchst seltsamen Vorgängen. Diese Fakten zugunsten der Pilgerindustrie zu „übersehen“ ist ebenso schwerwiegend wie der Mantel des Schweigens über die sittlichen Skandale, die mit den „Erscheinungen“ verbunden sind. Diese skandalösen Tatsachen sind durchaus vergleichbar mit den Missbräuchen in Chile: Der Heilige Stuhl griff erst dann ein (2018), als die Wahrheit nicht mehr zu verbergen war, weil die nichtkirchliche Presse auf Weltebene Interesse zeigte. Um Ähnliches im Fall von Medjugorje zu verhindern, braucht es den Mut zur Aufdeckung zahlreicher für die Kirche unbequemer Tatsachen.

Sind die Erscheinungen vom Juni 1981 mit der zitierten Einschätzung der Kommission formal anerkannt worden?

Die Kommission Ruini hat ihren Bericht vorgelegt auf Bitten der dafür zuständigen Glaubenskongregation, die dem Interview des Papstes vom 13. Mai 2017 zufolge weitere Gutachten erbeten hat und die Einschätzung der Kommission nicht teilt. Papst Franziskus selbst hat im Mai 2017 auf dem Rückflug von Fatima seine persönliche, sehr negative Einschätzung der „Marienerscheinungen“ von Medjugorje geäußert, aber gleichzeitig der Glaubenskongregation das Dossier entzogen. Dies scheint ein „pastoraler“ Weg zu sein auf Kosten der Wahrheitsfrage, voll tiefreichender Widersprüche. Der Glaubwürdigkeit der Kirche und den zweifellos echten Marienerscheinungen (Guadalupe, Lourdes, Fatima) schadet ein solches Vorgehen ganz gewaltig.