Muslimisches Bekenntnis zur Koranexegese

„Denken Muslime anders?“ – Eine Diskussion über die Regensburger Vorlesung des Papstes

Darmstadt (DT) Die Rede von Papst Benedikt XVI. in der Regensburger Universität im September 2006 liegt anderthalb Jahre zurück, doch die Diskussionen, die sie angestoßen hat, sind noch nicht abgeebbt. Eines ist deutlich geworden bei der Aufregung um die Papstrede: Der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen ist schwierig und noch in den Anfängen. Und gleichzeitig ist er eminent wichtig angesichts der grauenhaften Terroranschläge fundamentalistischer Fanatiker, die meinen, einen „heiligen Krieg“ (Dschihad) gegen die „Ungläubigen“ führen zu müssen.

Auch das katholische Bildungswerk Darmstadt/Dieburg nahm gemeinsam mit der evangelischen Erwachsenenbildung in den vergangenen Monaten die Regensburger Rede zum Anlass, um sich mit dem spannungsgeladenen Verhältnis von Religion und Vernunft aus christlicher und muslimischer Sicht zu beschäftigen. Zum letzten der sechs Abende hatten die Veranstalter am vergangenen Mittwoch einen prominenten Koran-Experten eingeladen: Ömer Özsoy, der seit 2006 eine Stiftungsprofessur für islamische Religion an der Universität Frankfurt innehat. Von ihm erhofften sich die Veranstalter und die Zuhörer eine Antwort auf die Frage „Denken Muslime anders?“ Doch schnell wurde das grundsätzliche Problem der Suche nach „der muslimischen Sicht“ deutlich. Der 48 Jahre alte Özsoy ist der erste muslimische Theologieprofessor auf einem deutschen Lehrstuhl und gehört einer bedeutenden reformislamischen Denkschule – der sogenannten Ankaraschule aus der Türkei – an. Aber: „Was ich sage, ist nicht mainstream“, fügte der freundliche Professor immer wieder seinen Erläuterungen hinzu. Eine einzige verbindliche Auslegung des Korans gibt es im Islam nicht, vielmehr gibt es unterschiedliche „Schulen“, die aber eher Lehrmeinungen als Glaubensrichtungen markieren. Für Özsoy ist der Koran stets im historischen Kontext zu begreifen und zeitgemäß zu interpretieren. Von buchstabengetreuer, traditioneller Auslegung des Korans hält er nichts. Gerade die Aussagen zum Krieg seien daher in ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu verstehen. Özsoy: „Gott hat sich in die damalige Aktualität hinein geäußert.“ Ähnlich wie die biblische Aussage „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in ihrer Zeit fortschrittlich war, da damals die Rachegelüste der Menschen häufig mehr als ein Auge für ein Auge forderten, so seien auch Aussagen des Koran, dass Männer ihre Frauen schlagen dürfen, aus dem Kontext zu verstehen. Nach Özsoys Ansicht war „einfaches Schlagen“ zur Entstehungszeit des Korans schon ein humaner Fortschritt. Anders verstehen dagegen moderne islamistische Fundamentalisten entsprechende Textpassagen: Für sie ist der Koran zeitlos und universell gültig. Für sie gelten alle Handlungsanweisungen des Korans grundsätzlich auch heute noch.

Gerade in dieses Dilemma stoße die vieldiskutierte Papstrede. Zur Erinnerung: „Glaube, Vernunft und Universität“ lautete der Titel der Regensburger Vorlesung, in der der Papst den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaelogos vom Ende des 15. Jahrhunderts zitiert hatte: „Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von ,Schriftbesitzern‘ und ,Ungläubigen‘ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer Form“, so der Papst in seiner Rede, „ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: ,Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.‘“

Nachdem die Passage Wellen der Entrüstung in der islamischen Welt hervorgerufen hatte, ließ der Papst über seinen Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone klarstellen, dass er nicht die Absicht hatte, sich das Zitat in irgendeiner Weise zu eigen zu machen, sondern es ihm vielmehr darum ging, grundsätzliche Reflexionen zum Verhältnis von Religion und Gewalt zu entwickeln. „Diese Überlegungen mündeten in eine entschiedene Zurückweisung von religiösen Motivationen von Gewalt, woher auch immer sie kommen“, schloss die Erklärung.

Entscheidend aber und bisher wenig beachtet – so Özsoy – sei jedoch, welche Vorstellung über den Koran die umstrittene Papstrede transportiere. Seiner Ansicht nach ist für den Papst die Bibel das Wort Gottes, das angepasst werden kann an die jeweilige Zeit, der Koran dagegen „vom Himmel gefallen“. Der Papst, so Özsoy, vertrete die Meinung, dass der Islam festgefahren und der Koran ein Text sei, der nicht angepasst werden könne. „Hier muss ich Professor Ratzinger respektvoll widersprechen“, sagt Özsoy. „Auch wir kennen die Koranexegese und interpretieren den Koran.“ Offen blieb jedoch, ob mit „wir“ lediglich die liberale Ankaraschule oder auch andere Strömungen des Islam gemeint waren.

So beruhigend die Ausführungen Özsoys für Christen sind, so deutlich ist an dem Vortragsabend in Darmstadt auch geworden: Was Özsoy sagt, ist nicht „der Islam“, sondern die Meinung eines Vertreters einer sehr liberalen Schule. „Ich persönlich sehe Christen nicht als Ungläubige an“, sagt er. Und auf die Frage, ob „die Entschuldigung des Papstes“ in der islamischen Welt angenommen worden sei, gab er nur schulterzuckend zur Antwort: „Das weiß ich nicht.“