Monastische Tugenden: Jungfräulichkeit: Verfügbar und doch ganz bei sich

Von Barbara Stühlmeyer

Jungfräulich zu leben, verfügbar für Gott zu sein, war für Bernhard von Clairvaux eine natürliche Lebenshaltung. Nirgendwo in seiner Vita ist überliefert, dass er sich schwer damit getan hätte, auf die Beziehung zu einer Frau, auf Ehe und Familie zu verzichten. Gleichzeitig pflegte er brieflich oder persönlich gute Kontakte zu Frauen und setzte seinen Charme und sein Chrisma gezielt ein, wenn er um Unterstützung für ein Projekt oder einen Menschen warb. So überzeugte er beispielsweise eine reiche Adelige davon, auf ihrem Gut eine Klause für eine junge Frau zu errichten, die Prostituierte gewesen und von Bernhard davon überzeugt worden war, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Ob Jungfräulichkeit als Lebenshaltung umsetzbar sei, wurde im zwölften Jahrhundert genauso unterschiedlich diskutiert wie heute. Hildegard von Bingen lässt in ihrem den Fragen der Ethik gewidmeten zweiten Visionswerk die Wollust zu Wort kommen: „Wenn die Natur des Fleisches Gott wirklich so lästig wäre, dann hätte Er es schon so eingerichtet, dass sich das Fleisch nicht so bequem befriedigen ließe. Wenn ich ein so winziges Teilchen meiner Natur zur Reife bringen möchte, soll das schon eine besondere Schuld sein?“

Die Argumentationsstrategie, die Hildegard, mit der Bernhard von Clairvaux ebenfalls in brieflichen Kontakt stand und die er ermutige, ihre Visionsgabe zu entfalten, hier, die geistliche Fehlhaltung zu Wort kommen lassend, entwickelt, ähnelt verdächtig den allgegenwärtigen Sprüchen über Vertreter des sogenannten starken Geschlechts, die angesichts der Versuchung „nun einmal schwach geworden sind“.

Die Inkonsequenz in Fragen der Geschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft ist durchaus bemerkenswert. Ein Vergleich mit der Kindererziehung macht dies deutlich. Obwohl viele Eltern angesichts der geschickt an der Kasse aufgebauten Quengelware schwach werden und ihren lautstark nach einem Lolli verlangenden Kindern den begehrten Süßkram spendieren, würde wohl kein Vater und keine Mutter dieses Verhalten als unvermeidlich hinstellen. Alle wissen, dass es weit besser ist, dem Kind klarzumachen, dass man sich mit Geschrei nicht durchsetzt und dass es Sinn hat, statt der teuren Einzelstücke lieber eine kostengünstigere Tüte zu kaufen, deren Inhalt man dann zu gegebener Zeit genießt. Seltsamerweise wird aber genau dieses Verhaltensmuster außer Kraft gesetzt, wenn es um Fragen der Sexualität geht. Es scheint ebenso unmöglich wie sinnlos zu sein, den Verlockungen zu widerstehen.

Doch welches Bild von unserem Körper malen wir da wie den Teufel an die Wand? Ist unser Leib der Tempel Gottes, wie der Apostel Paulus betont, oder das Zelt der Seele, wie Hildegard schreibt? Oder ist er vielmehr ein machtvolles Kleinkind, das seine Bedürfnisse gegen alle Vernunft zielbewusst durchzusetzen versteht? Wer den Freiraum im Zelt seiner Seele genießen möchte, tut gut daran, Abstand zu gewinnen von Bildern, Worten und Begegnungen, die besetzend wirken und ihre bezwingende Kraft auch dann entfalten, wenn wir das eigentlich gar nicht wollen.

Hildegard schreibt, dass die Wollust im Gehör der Ohren bei Adam und Eva gewachsen ist, als der Gehorsam aus ihnen entschwand. Wer das Verlangen mächtig werden lässt, verringert seine geistliche Hörfähigkeit. Er beschmutzt das Zelt seiner Seele und verbannt das fröhliche Leben, das in ihr herrscht. Denn die Wollust ist die Sünde derjenigen, die an Gottes Barmherzigkeit zweifeln. Deshalb lädt die Keuschheit die Wollust ein, aus dem Quell des Segens zu schöpfen. Segnen aber heißt im Lateinischen benedicere – Gutes sagen und genau mit dieser aufbauenden Haltung kann es gelingen, die Wollust zu entmächtigen.