Würzburg

Modernisierung der Moral?

Ein kritischer Blick auf die moraltheologischen Ansichten Eberhard Schockenhoffs und deren Einfluss auf die synodalen Prozesse.

Eberhard Schockenhoff
Läuft Eberhard Schockenhoffs (im Bild) Abhandlung auf eine sophistische Rechtfertigung der von der Kulturrevolution vertretenen Werte hinaus? Nach Ansicht des irischen Moraltheologen Vincent Twomey ja. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Bei der Lektüre von Schockenhoffs Ansprache an die in Lingen versammelte deutschen Bischöfe wird klar, dass die Maximen der sexuellen Revolution in den sechziger Jahren in der deutschen Moraltheologie mittlerweile die Norm geworden sind. Den „Synodalen Weg“ der Kirche in Deutschland dürften sie prägen. Jene Revolution wurde großteils durch die wirksamen technologischen Mittel geschürt, die die moderne Wissenschaft in den fünfziger Jahren ersonnen hatte, um den Vollzug des sexuellen Akts von der Fortpflanzung zu trennen. Die Zeugung wurde dadurch zu einem fakultativen Extra im Ermessen eines verheirateten oder unverheirateten Paares, das durch technische Mittel die Zahl ihrer Kinder sowie den zeitlichen Abstand zwischen ihnen „kontrollieren“ konnte.

"In der Tat läuft Schockenhoffs Abhandlung
auf wenig mehr hinaus, als eine sophistische
Rechtfertigung der von der
Kulturrevolution vertretenen Werte"
Pater Vincent Twomey

Das führte seinerseits zur öffentlichen Akzeptanz sexueller Aktivitäten, die von ihrer Natur her unfruchtbar waren, wie Masturbation oder gleichgeschlechtliche Akte, oder von der Ehe getrennt, wie die Menschheit sie seit Urzeiten verstanden hat: die lebenslange Vereinigung von Mann und Frau mit dem wesenhaften Zweck, neues Leben zu zeugen und somit die Zukunft der Gesellschaft zu gewährleisten. Dass die empirischen Verhaltenswissenschaften solche Aktivitäten jetzt als „normal“ – die statistische Norm – untersuchen und so zu Schlussfolgerungen kommen, die der traditionellen Moral widersprechen, sollte uns nicht überraschen. In der Tat läuft Schockenhoffs Abhandlung auf wenig mehr hinaus, als eine sophistische Rechtfertigung der von der Kulturrevolution vertretenen Werte.

Sexualität wird auf eine Abstraktion reduziert

Am auffälligsten an seiner Rede ist – abgesehen von einem Zerrbild der augustinischen Lehre über die Ehe und einer knappen Zurückweisung der Theologie des Leibes von Johannes Paul II. und seiner angeblichen historischen Genealogie der kirchlichen Sexuallehre –, wie Sexualität auf eine Abstraktion reduziert wird. Dies ist bedingt durch Schockenhoffs Anlehnung an die Erkenntnisse der empirischen Verhaltens- und Humanwissenschaften: „Die gegenwärtige Sexualwissenschaft unterscheidet verschiedene Sinndimensionen der Sexualität. Näherhin ist in ihr von der Lustfunktion, der Beziehungsfunktion, der Identitätsfunktion und der Fortpflanzungsfunktion die Rede.“ Das ist vielleicht die zentrale Aussage seiner Abhandlung.

Die Sexualität wird auf vier verschiedene „Funktionen“ reduziert, die praktisch unabhängig voneinander zu sein scheinen. „Gemäß dem Axiom bonum ex integra causa, malum ex quolibet defectu (= Das Gute verlangt die vollständigen Bestandteile, das Schlechte geht aus jedem beliebigen Mangel hervor) ging die traditionelle Sichtweise davon aus, dass eine einzelne sexuelle Handlung nur dann vorbehaltlos gebilligt werden kann, wenn sie für die Verwirklichung aller denkbaren Sinnwerte offen ist.“ Das ist natürlich eine falsche Anwendung des Axioms, das besagt, dass wenn ein menschlicher Akt gut sein soll, jeder Aspekt davon gut sein muss: der Akt selbst, die Motivation und die Umstände. Nur der tugendhafte Mensch kann so handeln – und tut dies aus eigenem Antrieb, prompt und mit Freude (Sth. I–II, 18, 4 ad 3). Die falsche Anwendung des alten Axioms zeigt, wie weit Schockenhoff von dem Paradigmenwechsel in der zeitgenössischen moralischen Reflexion entfernt ist, die auf der Wiedergewinnung einer aristotelisch/thomistischen Moralvorlage beruht, welche auf der Tugend gründet.

"Bei der sexuellen Begegnung eines Paares
können einmal mehr die Wünsche des Einen,
das andere Mal mehr die Erwartungen des Anderen
den Ausschlag geben; nicht jeder
Sexualakt muss zeugungsoffen bleiben"
Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe

Hervorzuheben ist, dass Schockenhoffs im Wesentlichen funktionalistische Annäherungsweise an die Sexualität ihm erlaubt, jede Ausübung von Sexualität zu rechtfertigen, solange sie die eine oder andere der vier Funktionen der Sexualität „verwirklicht“, die nach der neuesten Sexualwissenschaft ihre verschiedenen Dimensionen definiert. „Das bedeutet: Bei der sexuellen Begegnung eines Paares können einmal mehr die Wünsche des Einen, das andere Mal mehr die Erwartungen des Anderen den Ausschlag geben; nicht jeder Sexualakt muss zeugungsoffen bleiben; auch das lustvolle Erleben des eigenen Körpers (heute oft ,self sex‘ genannt) kann einen verantwortlichen Umgang mit der eigenen Sexualität bedeuten, dann nämlich, wenn jemand allein lebt oder Rücksicht auf den Partner nehmen möchte. Schließlich verwirklichen auch gleichgeschlechtliche Handlungen positive Sinnwerte, insofern sie ein Ausdruck von Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue und Hilfestellung im Leben sein können.“

Mit anderen Worten: man kann zeigen, dass jede Form der Ausübung von Sexualität moralisch zu rechtfertigen ist, vorausgesetzt, dass sie ein Ausdruck der einen oder anderen der Funktionen ist, die sich aus der eigenen Sexualität ergeben, oder einen damit im Zusammenhang stehenden wesentlichen Wert zum Ausdruck bringt – sofern der sexuelle Drang „verantwortlich“ genutzt wird.

Liebe wird auf einen Wert unter anderen reduziert

Seine Rede endet mit einem Abschnitt, der sich mit der „anthropologisch-ethischen Begründung der Sexualethik“ befasst. Statt die Liebe als Ausgangspunkt zu betrachten, berührt Schockenhoff hier schließlich die Beziehung zwischen Sexualität und Liebe. Hier fällt auf, dass die Liebe auf einen Wert unter anderen reduziert wird, genauer gesagt auf einen Wert innerhalb der Beziehungsfunktion der Sexualität, einen Wert unter anderen, der ihr ihren ethischen Wert verleiht und dessen Fehlen diesen unterminiert: „Beziehungsformen, in denen Werte wie Liebe, Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue, gegenseitiges Für-einander-Einstehen und Solidarität gelebt werden, verdienen in moralischer Hinsicht Anerkennung und Respekt – unabhängig davon, unter dem Vorzeichen welcher sexuellen Orientierung sie gelebt werden. Umgekehrt gilt: Promiskuität, offene Mehrfachbeziehungen, Untreue und von vornherein unter Vorbehalt eingegangene Beziehungen sind moralisch fragwürdig, und dies ebenfalls unabhängig von der sexuellen Orientierung der Betroffenen.“

Es ist von Interesse, dass Schockenhoff an dieser Stelle einer Aussage am nächsten kommt, irgendeine Form der Ausübung von Sexualität als unmoralisch zu beschreiben – und doch beschränkt er sich darauf, solche Handlungen „moralisch fragwürdig“ zu nennen. Das ist natürlich verständlich, da die proportionalistische Schule der Moraltheologie, der er angehört, nicht akzeptiert, dass Handlungen an sich unmoralisch sein können. Der Grund dafür ist, dass ihre moralischen Überlegungen abstreiten, dass es etwas wie eine unveränderliche menschliche Natur gibt, die zum Naturrecht führt. Diese Denkschule ist einer der Hauptfaktoren, die zur Entwicklung einer sogenannten Sexualmoral beigetragen hat, die in den Seminaren weit verbreitet war und zu dem dramatischen Anstieg des sexuellen Missbrauchs durch Priester in den siebziger und achtziger Jahren geführt hat.

Schockenhoff erwähnt "Humanae vitae" an keiner Stelle

Im Gegensatz zu Schockenhoffs eröffnender Zurückweisung dieser Tatsache besteht eine intrinsische Verbindung zwischen der Ablehnung der traditionellen Sexualmoral als dem Ergebnis einer weit verbreiteten Abweichung von der Lehre in Humanae vitae und der Krise des sexuellen Missbrauchs durch Priester.

Es ist interessant, dass Schockenhoff die Enzyklika von Paul VI. an keiner Stelle erwähnt, obwohl seine ganze Erörterung auf einer Zurückweisung ihrer Lehre beruht, wenn er den Grundsatz bekräftigt, dass „nicht jeder Sexualakt zeugungsoffen bleiben muss“. Es sollte beachtet werden, dass Humanae vitae nicht auf Augustinus basiert, sondern auf einer eigenständigen auf dem Zweiten Vatikanum begründeten Analyse des Wesens der ehelichen Liebe und der zweifachen Bedeutung des ehelichen Akts beruht: der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung. Sie wird nicht ohne Grund fünfmal in Amoris Laetitia zitiert.

Deutsche Bischöfe offenbar von Schockenhoff beeinflusst

Die Enzyklika von Paul VI. beruht auf einem Moralverständnis vermittels der Tugenden – namentlich der Tugend der Keuschheit. Tugend wird natürlich als der Weg sowohl zu menschlicher Erfüllung (Integrität), sittliches Verhalten aus eigenem Antrieb, als auch zum ewigen Heil (Heiligung) verstanden. Nichts davon findet in Schockenhoffs Abhandlung einen Widerhall, die, wie es aussieht, die deutschen Bischöfe veranlasst hat, einen synodalen Prozess in Gang zu setzen, um die kirchliche Sexuallehre zu modernisieren. Wenn der Prozess durch eine Wiederentdeckung der Tugend der Keuschheit als Vorbedingung echter Liebe zu einer Modernisierung der deutschen Moraltheologie führt, dann wird aus Bösem Gutes erwachsen.

Aus dem Englischen von Claudia Reimüller