„Mitte ist kein Ort, sondern eine Person“

Die Diözese Graz feiert ihren emeritierten Bischof Kapellari mit einem neuen Buch

Graz (sb) Gegen eine Tabuisierung von Problemen im Zusammenhang mit dem Islam und seiner durch den Flüchtlingszustrom wachsenden Präsenz in Europa hat sich der emeritierte Bischof von Graz-Seckau, Egon Kapellari, ausgesprochen. Es bringe nichts, Probleme zu tabuisieren oder mit Sprachverboten zu belegen. Es brauche vielmehr einen realistischen Idealismus, sagte Kapellari bei der Präsentation seines neuen Buches „Schritte zur Mitte“ am Donnerstagabend in Graz. „Wir sind als Christen verpflichtet, zu helfen, bis es weh tut. Es sollte auch keiner mitreden dürfen, der nicht selbst Gutes tut“, so Kapellari. Gleichzeitig sollten Christen mit Blick auf die Problemlagen differenzieren, um bestehende Spaltungen in der Gesellschaft nicht noch größer werden zu lassen.

Anlass der Buchpräsentation war der 80. Geburtstag von Egon Kapellari, der von 1982 bis 2001 Diözesanbischof in Kärnten und anschließend bis 2015 in der Steiermark war. Die Diözese Graz machte ihrem emeritierten Bischof die nun erschienene Sammlung seiner ausgewählten Texte zum Geburtstagsgeschenk. Das im Styria-Verlag erschienene Werk enthält Predigten, Interviews und Ansprachen Bischof Kapellaris seit 2011.

Sein Nachfolger auf der Grazer Kathedra, Wilhelm Krautwaschl, sagte bei der Buchvorstellung in Anspielung auf den Buchtitel, Bischof Kapellari habe „zeit seines Lebens Schritte zur Mitte hin nicht nur bedacht, sondern er ist sie gegangen. Diese Mitte ist kein geografischer Ort, sondern eine Person: Jesus Christus.“ Krautwaschl referierte damit die Sicht seines Vorgängers, der im neuerschienenen Buch schreibt: „Die Mitte, von der ich spreche, ist kein bequemer Ort, kein Ort eines billigen Ausgleichs, sondern ein Ort einer immer neu versuchten und oft nicht gelingenden Synthese der Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens inmitten der Kirche und der ganzen Zivilgesellschaft. Die Mitte, von der ich spreche, ist zuerst und zuletzt Jesus Christus selbst.“

Kapellari mahnte in einem Statement am Donnerstag an, immer so von Gott zu sprechen, „dass es nicht peinlich ist“. Seine Warnung lautete zugleich: „Wenn die Gottesfrage weggeschoben oder mit Hass zugedeckt wird, dann nimmt etwas Schaden.“ Nach seiner Beziehung zu den Päpsten der vergangenen Jahre gefragt, meinte Bischof Kapellari, Papst Franziskus verkörpere „den Typos des biblischen Propheten“, während Papst Benedikt eher dem „Typos des biblischen Weisheitslehrers“ entspreche. Das Werk des emeritierten Papstes sei „wie ein Sauerteig, der weiter wirkt“.