Mit römischer Dispens ins Präsidentenamt

Paraguay: Für Rom ist die Laisierung Lugos eine Entscheidung „zum Besten des Landes"

Rom (gho) Diese Entscheidung sei „zum Besten des Landes“, heißt es in dem Dekret der vatikanischen Bischofskongregation, mit dem der im April gewählte Präsident Paraguays und ehemalige Bischof von San Pedro, Fernando Lugo, in den Laienstand zurückversetzt worden ist. Der Apostolische Nuntius in Paraguay, Erzbischof Orlando Antonini, hatte die Dispens des Papstes dem 58 Jahre alten Politiker am vergangenen Mittwoch in Asunción übergeben. Der schrittweise Karrierewechsel Lugos ist damit vollzogen.

Zunächst hatte Lugo Ende 2004 dem Papst aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt von der Leitung der Diözese San Pedro angeboten, zu deren Bischof er 1994 ernannt worden war. Mit Wirkung vom 11. Januar 2005 nahm Johannes Paul II. den Amtsverzicht an, Lugo war ab sofort emeritierter Bischof. Körperlich geschwächt durch insgesamt fünf Thrombosen zog er sich in seine Gemeinschaft der Steyler Missionare zurück und arbeitete in der ordenseigenen Schule in Asunción.

Den Weg in die Politik fand er dann 2006, als er eine landesweite Demonstration gegen die verfassungswidrige Wiederwahl von Präsident Nicanor Duarte anführte. Charismatisch im Auftritt und organisatorisch begabt wurde er schnell zu einer Führungsfigur der Opposition, die breite Bevölkerungsschichten zu mobilisieren wusste. Lugos „Patriotische Allianz für den Wandel“ gehören Landlose ebenso an wie Fabrikarbeiter und Intellektuelle. Aber Lugo ist kein Sozialrevolutionär. Um realistische Chancen auf einen Wahlsieg zu erlangen, ging Lugo eine Koalition mit den Liberalen ein, einer traditionellen Partei, die einen Teil der Unternehmer und Großgrundbesitzer vertritt.

Im Dezember 2006 wandte sich der emeritierte Bischof dann mit der Bitte um die sogenannte „Laisierung“ an den Vatikan. Er wolle bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im April 2008 als Kandidat antreten, so seine Begründung. Der Vatikan zögerte zunächst und versuchte, ihn umzustimmen, aber Lugo blieb bei seinem Wechsel in die Politik. Daraufhin suspendierte ihn der Vatikan im Februar 2007. Nach dem Kirchenrecht darf ein Bischof nicht für weltliche Wahlämter kandidieren, da er das geistliche Amt auf Lebenszeit angenommen hat.

Bei den Wahlen am 20. April trug der frühere Bischof dann tatsächlich den Sieg davon und brach die Vorherrschaft der konservativen Colorado-Partei, die Paraguay in den vergangenen sechs Jahrzehnten dominiert hatte. Schon in der ersten Runde schaffte Lugo mit über vierzig Prozent der Stimmen den Aufstieg an die Spitze Paraguays. Kurz danach bat Lugo den Vatikan öffentlich um Entschuldigung für seinen Wechsel in die Politik.

Für die Kirche in Paraguay, aber auch für Rom war der Schritt Lugos eine heikle Angelegenheit. Um nicht in den Wahlkampf hineingezogen zu werden, hatte die Bischofskonferenz auf eindeutige politische Stellungnahmen verzichtet. Dass die Bischöfe keine aktive Wahlkampfhilfe für ihn betrieben, hält auch ihr ehemalige Mitbruder Lugo für richtig: „Das war nicht notwendig. Ich bin für eine klare Trennung zwischen kirchlichen und tagespolitischen Aufgabenbereichen“, erklärte er nach seiner Wahl.

Andererseits sieht sich die katholische Kirche in der Pflicht, den Prozess der Demokratisierung zu unterstützen. Traditionell spielt sie in Paraguay eine aktive gesellschaftliche Rolle und genießt gerade deshalb hohes Ansehen. So riefen die Bischöfe die landesweite Initiative „Paraguay wie wir es wollen“ ins Leben. Sämtliche Pfarreien und kirchliche Gruppierungen wurden darin gestärkt, mit ihren Bürgermeistern und Gouverneuren zu verhandeln, um konkrete Verbesserungen in der Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsplatzpolitik zu erwirken.

Im Dekret der vatikanischen Bischofskongregation über die Rückversetzung in den Laienstand heißt es, das Amt des Staatschefs sei nun einmal „mit den Pflichten des Bischofsamtes und des Klerikerstandes nicht zu vereinbaren“. Benedikt XVI. dispensiere den Steyler Missionar Lugo auch von seinem Ordensgelübde, bitte ihn aber, „dem katholischen Glauben treu zu bleiben“ und „ein Leben zu führen, das dem Evangelium entspricht“. Nuntius Antonini erklärte gegenüber Journalisten, dass der Vatikan „bis zum letzten Tag des Wahlkampfes“ versucht hatte, Lugo von der Kandidatur abzubringen. Da er nun von der Mehrheit gewählt sei, garantiere ihm der Papst den Laienstatus, um einen weiteren Konflikt zu vermeiden. Antonini versicherte, dass Lugo nicht exkommuniziert sei. Er verbleibe Katholik, wenn auch nicht im priesterlichen Dienst.

Lugo steht der Befreiungstheologie nahe, ist aber selber kein scharfer Ideologe, sondern sucht pragmatische Lösungen. Er steht für viele Geistliche im lateinamerikanischen Klerus, die an der Seite der verarmten Massen stehen, denen – wie auch in Paraguay – eine kleine Elite von Mächtigen und Reichen gegenübersteht, die jedoch über einen Großteil des Produktivvermögens des Landes verfügen. Als Missionar war Lugo Ende der siebziger Jahre nach Ecuador gegangen, wo er mit Leonidas Proano zusammenarbeitete, der als „Bischof der Armen“ bekannt war. 1983 von der Stroessner-Diktatur aus Paraguay ausgewiesen, lebte er vier Jahre im Exil in Rom, bevor er in seine Heimat zurückkehrte.

Schon sein Onkel war einer der ersten Oppositionellen, die unter Stroessner das Land verlassen mussten. „Im Priesterseminar war ich für alle der ,Neffe des Kommunisten‘“, erinnert sich Lugo. „Wir waren geprägt von den Aufbrüchen unserer Zeit, vom Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Widerstand gegen die Diktatur“, schildert sein ehemaliger Kommilitone Pablo Cáceres die bewegten Studentenzeiten der frühen siebziger Jahre. Mit 44 Jahren zum Bischof von San Pedro ernannt, einer armen Landregion im Osten Paraguays, verteidigte Lugo vehement die Anliegen der Landlosen und Kleinbauern, stärkte die christlichen Campesino-Bewegungen und fand deutliche Worte gegen Großgrundbesitzer, Drogenbarone und korrupte Provinzpolitiker.

Als Präsident, dessen Amtszeit am 15. August beginnt, will Lugo jetzt den Kleinbauern zu ihrem Recht verhelfen. Er verspricht Sozialprogramme für die Armen und bessere Bedingungen für ausländische Investoren. Seine Allianz versteht sich als Bürgerplattform, die allen gesellschaftlichen Strömungen Platz bieten soll. „Ich trete nicht mit einem fertigen Programm an, sondern will alle Bürger dazu einladen, die Zukunft Paraguays zu gestalten“, so der neue Präsident. Diese Ankündigungen klingen etwas vage. Darum befürchten Beobachter, dass sich die Berufspolitiker der Liberalen Partei schon in Stellung gebracht haben, um Lugo von innen heraus zu schwächen und die eigene Machtposition auszubauen.