Mit jungen Menschen beten – gewusst wie

Eine kleine Schatzkammer des Heiligen Geistes: Guido Erbrich hat Module und Impulse für Jugendandachten zusammengestellt. Von Klaus-Peter Vosen

Die Veröffentlichung des neuen „Gotteslob“ hat andere Publikationen im Gefolge, die das Gebet- und Gesangbuch unter verschiedenen Aspekten fruchtbar machen wollen. Das ist ein löblicher Ansatz. Aber „Jugendandachten zum neuen Gotteslob“? Geht das nicht am Verbraucher vorbei? Wo gibt es überhaupt noch „Jugendandachten“? Es soll ja Gemeinden geben, in denen eher Pfarrgemeinderatsmitglieder in mittlerem oder höherem Alter regelmäßig Jugendmessen für wichtiger halten als der eigentliche Adressatenkreis der Heranwachsenden. Und nun gar Jugendandachten? In welcher Gottesdienstordnung scheinen sie auf?

Trotz allem muss man sich vor Fehlschlüssen hüten. Das gemeinschaftliche Gebet junger Menschen findet statt – im Ferienlager, vor einer Jugendleiterrunde, im Rahmen von Früh- und Spätschichten in der Advents- und Fastenzeit, vielleicht bei einer Jugendbetstunde im Rahmen des Ewigen Gebetes. Es ist auch wichtig, Jugendliche selbst zu „Akteuren“ des Gebetes zu machen, das heißt, sie zur Vorbereitung und Durchführung von „Andachten“ anzuleiten. Selbstverständlich dürfen sie dabei nicht sich selbst überlassen bleiben, sondern sie brauchen den Rat, die Begleitung, auch die Korrektur von Seiten des Jugendseelsorgers. Aber aufgrund von Taufe und Firmung sollen sie sich hier durchaus auch selbst verantwortlich fühlen. Im Zuge der Vergrößerung von Seelsorgebereichen kann auch mit der Präsenz eines Priesters und Diakons nicht immer gerechnet werden.

Letzteres spricht für eine gewisse Bandbreite der gottesdienstlichen Formen. Nicht immer ist ein „Nightfever“-Abend mit eucharistischer Anbetung und sakramentalem Segen möglich, und manchmal scheint eine „niedrigerschwellige“ Andachtsform angesichts des quasi-katechumenalen Zustandes, in dem sich junge Menschen heute befinden, geradezu eher angezeigt. Guido Erbrich hat als Vater und Referent in der Jugendpastoral die Situation von Menschen erlebt, die heute jung sind und weiß, wo sie „spirituell“ vielfach stehen.

Lebensnotwendige Kommunikation

Das gibt den praxiserprobten Andachten, die sein Buch als Vorschläge zur Verwendung und Adaptierung enthält, eine große Nähe zur jüngeren Generation. Gebetsvorschläge, Geschichten, Lieder, aus denen die Andachtsmodule bestehen, sind mit guter Überlegung ausgewählt. Die Geschichten, öfter etwas provokativ, bieten gute Denkanstöße durchaus auch für Erwachsene, die Gebete gehen zuweilen zu Herzen, so das „Gottes Name: Jahwe – Ich bin da!“. Insofern darf man die Publikation nicht allein als eine Werkstatt, sondern als eine kleine Schatzkammer ansprechen. Die Materialien im „Werkzeugkasten“-Teil des Büchleins geben wertvolle Hinweise zur Gestaltung von Andachten. Im übrigen aber hat der Titel von Erbrichs Handreichung offenbar auch etwas Programmatisches: „Atme in uns, Heiliger Geist“ – das ist nicht nur der Titel eines religiösen Liedes (Gotteslob 346), vielmehr drückt sich in dieser Wortverbindung auch die richtige Überzeugung aus, dass jegliches Gebet des Menschen über alle Gestaltungsgrundsätze und -vorschläge hinaus vom Heiligen Geist getragen ist. Ihm gilt es sich zu öffnen. Solche Öffnung geschieht da, wo man bereit ist, zum nahen Gott in wirkliche, existenzielle Kommunikation zu treten.

In diesem Sinne ist es überaus ermutigend, das Erbrich sein kleines Werk mit dem wunderbaren Wort Papst Johannes Pauls I. schließt: „Beten bedeutet mit dem Herzen zu sprechen, nicht nur über den Himmel oder über die Seele, sondern mit Jesus über alles plaudern, wie man es mit einem Freund tut. Man kann mit ihm reden über den Vater oder die Mutter, von der Arbeit oder vom Spiel. Er ist uns nicht fern, sondern ganz nahe. Er hört uns zu und ist sehr froh, wenn wir mit ihm sprechen. Man betet nicht nur in der Kirche, sondern überall und immer. Wir können uns einen Augenblick konzentrieren, um Jesus zu grüßen, ihm zu danken oder ihn um Verzeihung zu bitten, ohne dass jemand es merkt.“

Guido Erbrich ist für sein Büchlein zunächst einmal herzlich zu danken, das sich übrigens auch optisch ansprechend gestaltet zeigt und zu einem so günstigen Preis angeboten wird, dass sich sicher mancher Seelsorger eingeladen fühlt, es „seinen“ aktiven Jugendlichen, Firmlingen oder Ferienlagerteilnehmern zu schenken. Das bevorstehende Weihnachtsfest bietet hierzu nur eine Gelegenheit.

Die Bedeutung des Neuen Testamentes berücksichtigen

Freilich bleibt auch die ein oder andere Kritik anzubringen. Wäre es nicht wichtig und notwendig, dem Wort Gottes einen stärkeren Raum in „Jugendandachten“ einzuräumen, als es bei Erbrich geschieht? Im „möglichen Ablauf einer Andacht“ ist zwar ein festes Element der Psalm, doch nach dem Dafürhalten des Rezensenten sollte man die Jugendlichen auch zur Entdeckungsreise durch die Schriften insbesondere des Neuen Bundes noch stärker motivieren. Was dort geboten wird, ist schließlich noch um einiges bedeutsamer als die beste und spannendste außerbiblische Beispielgeschichte! Vielleicht könnte bei einer künftigen Neuauflage eine Art Register mit einer Auswahl von NT-Stellen angefügt werden, die thematisch zu den einzelnen Andachten passen. Ferner wäre es auch kein Fehler, wenn der eine oder andere mehr traditionelle Liedvorschlag gemacht würde. Das würde Jugendlichen helfen, sich auch in der sonntäglichen Messfeier der Gemeinde, die ja doch durch keine noch so stimmungsvolle „Jugendandacht“ ersetzt werden kann, besser zu beheimaten. Damit zusammenhängend ist folgendes: Sicher ist dem Verfasser zuzustimmen, wenn er schreibt: „Beten kannst du überall“.

Wenn Erbrich dann aber hinzufügt: „Dabei ist kein Ort besser oder schlechter als der andere“ (ebd.), ist die Gefahr eines Missverständnisses gegeben. Kein Ort auf dieser Erde ist so „schlecht“, dass man dort nicht beten könnte.

Andererseits wird man doch in einer würdig gestalteten persönlichen Gebetsecke mit Kreuz und einem guten religiösen Bild günstigere Bedingungen zum Beten finden wird als in der Straßenbahn. Und ferner gibt es sehr wohl einen Ort, der alle anderen möglichen Gebetsorte qualitativ unüberholbar hinter sich lässt – Gottes heiliges Haus, die Kirche, in der der Sohn Gottes im Tabernakel in der Brotsgestalt wirklich und wahrhaft gegenwärtig ist. Diesen Aspekt fände man bei Guido Erbrich gern stärker betont und für das Beten junger Menschen fruchtbar gemacht. Ermutigend aber bleibt, dass der Autor nicht jener tödlichen Resignation verfällt, die manchen Seelsorger heute denken lässt, dass er es Jugendlichen kaum mehr zumuten könne zu beten. Jugendliche sehnen sich in Wahrheit nach tragfähigem, religiösem Input. Für viele dürfte es eine Überlebensfrage sein, dass ihnen ein solcher in guter Weise erschlossen wird.

Guido Erbrich: Atme in uns, Heiliger Geist. Jugendandachten zum neuen Gotteslob. St. Benno Verlag, Leipzig, ISBN: 978-3-7462-3812-8, 128 Seiten, EUR 6,95