Mit der Benediktsregel dem Glaubensabfall widerstehen

Was den amerikanischen Publizisten Rod Dreher und Autor des Buchs „The Benedict Option“ für die westliche Welt hoffen lässt. Von Tobias Klein

Rod Dreher. Foto: T. Klein
Rod Dreher. Foto: T. Klein

In den USA zählt Rod Dreher seit dem Erfolg seines im März erschienenen Buches „The Benedict Option“ zu den profilierten christlich-konservativen Publizisten. Sein Blog auf der Website des Magazins „The American Conservative“ erreicht täglich gut eine Million Leser. Aber auch in Europa wächst das Interesse an Drehers Thesen zur Zukunft des Christentums in der westlichen Welt. In der zweiten Juniwoche nahm Dreher auf Einladung der katholischen Laienapostolats-Initiative „Tipi Loschi“ („Die üblichen Verdächtigen“), deren Arbeit er in der „Benedict Option“ gewürdigt hat, an einem Kongress zur Rolle der Tradition in den Gesellschaften der USA, Europas und Russlands im norditalienischen Trient teil.

„In Amerika hört man wenig über christliches Leben in Europa“, sagt Dreher; „außer, dass das Christentum hier auf dem absteigenden Ast sei.“ Umso wichtiger sei es ihm gewesen, sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. „Wem die westliche Kultur und Tradition am Herzen liegt, den kann es nicht kalt lassen, was aus Europa wird“, betont er. „Europa ist das Herz des Westens. Und die Entwicklungen in der europäischen Gesellschaft werden früher oder später auch die übrige westliche Welt betreffen. – Ich habe Michel Houellebecqs ,Unterwerfung‘ gelesen“, fügt der Blogger und Buchautor hinzu. „Als literarisches Werk fand ich das Buch nicht besonders gut, aber als soziologische Analyse ist es hoch bemerkenswert. Ich denke, auch ohne die Konfrontation mit dem radikalen Islam würde der Verlust des christlichen Glaubens Europa schon genug Probleme bereiten; aber die Migrationskrise verstärkt diese Probleme. Die säkularisierte, dem Relativismus verfallene europäische Gesellschaft bekommt es plötzlich mit Menschen zu tun, die ihre Religion ernst nehmen – und hat diesem Glaubenseifer nichts entgegenzusetzen.“

In allen westlichen Gesellschaften, so Dreher, vollziehe sich seit Jahrzehnten ein schleichender Glaubensabfall, der allmählich ein bedrohliches Ausmaß erreicht habe: „Die jungen Erwachsenen driften einfach vom Glauben weg, ohne dass man es richtig bemerkt. Es gibt – scheinbar – keine große Erschütterung, kein Drama. Das macht es so leicht, das Problem zu ignorieren.“ Deshalb, so räumt der Autor ein, seien die ersten Kapitel seiner „Benedict Option“, in denen er einen rapiden gesellschaftlichen Bedeutungsverlust des Christentums in der westlichen Welt diagnostiziert, bewusst „alarmistisch“ geraten: „Wenn man zu tauben Ohren spricht, muss man eben manchmal schreien.“

Seine in der „Benedict Option“ erhobene Forderung nach einem „Rückzug“ gläubiger Christen aus einer ihrem Glauben zunehmend feindselig gegenüberstehenden Gesellschaft sei allerdings vielfach missverstanden worden, stellt Dreher fest – besonders in evangelikalen Kreisen, was ihn zunächst enttäuscht habe. „Mir war nicht klar gewesen, dass viele junge Evangelikale aus einem extrem fundamentalistischen Hintergrund kommen, von dem sie sich gerade erst frei gemacht haben und zu dem sie nicht zurückwollen“, erklärt er. „Wenn diese Leute von ,Rückzug‘ lesen, denken sie, die dürften nicht mehr ins Kino gehen oder keine nichtchristlichen Freunde mehr haben. Aber so ist es natürlich nicht gemeint – im Gegenteil.“ Er habe Schwierigkeiten gehabt, sich in die evangelikale Mentalität hineinzuversetzen, da sein eigener Glaubensweg völlig anders verlaufen sei.

Dreher, geboren 1967, stammt aus einer methodistischen Familie im amerikanischen Bundesstaat Louisiana und wurde „nicht besonders religiös erzogen – in der Kirche waren wir vielleicht zwei-, dreimal im Jahr“. Im Alter von 17 Jahren habe er die Kathedrale von Chartres besucht, „und die Schönheit und Harmonie dieses Sakralbaus war für mich ein intensives Gotteserlebnis“. In der Folge wandte sich Dreher dem Katholizismus zu; allerdings geriet sein Glaube in eine Krise, als er als Journalist über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zu berichten hatte. „Das Ausmaß des Bösen, mit dem ich da konfrontiert wurde, hat mich tief erschüttert“, bekennt er. „Möglicherweise hätte mein Glaube diese Krise überstanden, wenn er nicht so sehr eine reine Kopfsache gewesen wäre – und wenn ich schon damals stärker in religiösen Praktiken verwurzelt gewesen wäre“, merkt er an.

Inzwischen hat Dreher seine geistliche Heimat in der Orthodoxie gefunden. Der Katholizismus hat ihn dennoch stark geprägt. „Besonders die geistige Tiefe und Klarheit der theologischen Werke Benedikts XVI. hat mich sehr beeindruckt.“

In seinem Blog und in anderen Publikationen befasst er sich mit der Frage, wie der im Schwinden begriffene christliche Glaube in den westlichen Gesellschaften von der Basis her neu belebt und gekräftigt werden kann. Sein Kerngedanke ist, dass gläubige Christen angesichts des immer stärkeren Säkularisierungsdrucks enger zusammenrücken müssen, um sich gegenseitig zu stützen und zu stärken. „Wir brauchen Netzwerke, die eine Einheit von Glauben und Leben ermöglichen.“ Wichtige Impulse für den Aufbau solcher intensiv christlichen Lebensgemeinschaften sieht er in der Ordensregel des heiligen Benedikt. Auf den Mönchsvater bezieht sich auf der Titel seines Buchs. „Selbstverständlich ist die Ordensregel für das klösterliche Leben konzipiert“, schreibt er im dritten Kapitel der „Benedict Option“; „aber ihre Lehren sind einfach genug, dass Laienchristen sie für ihren eigenen Gebrauch adaptieren können. Die Ordensregel bietet Richtlinien für ein ernsthaftes und nachhaltiges christliches Leben, in einer Weise, die uns innerlich neu ordnet, das, was in unserem Herzen zerstreut ist, zusammenfügt und auf das Gebet hin ausrichtet. Wenn man sie auf effektive Weise anwendet, diszipliniert die Regel das Leben, das wir mit anderen teilen, baut Barrieren ab, die die Liebe Gottes davon abhalten, unter uns zu wirken, und macht uns widerstandsfähiger, ohne unsere Herzen zu verhärten.“