Mit Mut und Munition

Internationales Symposion in Rom befasst sich mit der Begegnung der Kulturen im Horizont von Augustins „Vom Gottesstaat“. Von Regina Einig und Claudia Kock

Das Monumentalwerk „Vom Gottesstaat“ in den Händen: Plastik des heiligen Augustinus im Innenhof des Augustinanums in Rom. Foto: reg
Das Monumentalwerk „Vom Gottesstaat“ in den Händen: Plastik des heiligen Augustinus im Innenhof des Augustinanums in Rom... Foto: reg

Rom (DT) Kampf oder Dialog? Mit dieser Frage befasste sich das Internationale Symposion, das bis Samstag vom Zentrum für Augustinus-Forschung (ZAF) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, der Villanova University in Pennsylvania sowie dem „Augustinianum“ über die philosophisch-theologische Abhandlung „ De ciuitate dei (Vom Gottesstaat)“ des heiligen Augustinus (354–430) im Augustinianum in Rom veranstaltete wurde. Sie fügt sich mühelos in den zeitgenössischen multikulturellen Diskurs ein. 22 Bände umfasst die Verteidigungsschrift „De ciuitate dei“, die, wie James O'Donnell von der Georgetown University unterstrich, „organisch aus der antiken Kultur heraus gewachsen“ sei. Der zum Christentum bekehrte Augustinus entlastet darin die Christen vom Vorwurf, den Untergang des römischen Reichs verschuldet zu haben. Christian Tornau (Würzburg) verwies darauf, dass Augustinus seine Sprechsituation in „De ciuitate dei“ analog zu einer Gerichtsrede verstanden habe. Als Verteidiger der christlichen Lehre habe sich Augustinus vor allem gegen die Platoniker gewandt, weil deren Lehre vom Christentum weniger leicht abzugrenzen gewesen sei. Dreh- und Angelpunkt der Argumentation in Augustins Monumentalwerk ist die Schrift: In Anlehnung an die moderne Sprachtheorie sprach Therese Fuhrer (Berlin) von der „performativen Kraft“ der Bibelauslegung: „Die augustinische Exegese will also nicht bloß beweisen, dass jedes theologische Konzept im Bibeltext seine Grundlage hat, sondern auch deutlich machen, dass der Bibeltext eine Interaktion und Kommunikation des Interpreten anregt.“ Die Heilige Schrift ist für den Bischof von Hippo eine unerschöpfliche Quelle des Dialogs über Zeiträume und Kulturkreise hinweg gewesen, durch die Gott selbst spricht.

Wie zeitlos aktuell die literarische Gratwanderung Augustins bleibt, veranschaulichte der Würzburger Theologe und Herausgeber des Augustinus-Lexikons Christof Müller in seinem brillanten Vortrag über die apologetischen Ansätze in dem Werk. Betrachtete Augustinus die Heiden als Gegner oder als wertvolle Adressaten für die Evangelisierung? Die Kontrahenten der Christen im Römischen Reich übten Einfluss auf Politik und Bildungswesen aus – mühelos lassen sich die Linien von hier aus in die Gegenwart ausziehen. Dass sich Augustinus virtuos auf ein weltanschaulich gemischtes Publikum einzustellen wusste, machte Müller anhand der Korrespondenz der Bildungselite Karthagos deutlich. Zum apologetischen Kern von „De ciuitate dei“ zählen demzufolge vor allem Fragen der Heilsgeschichte, der Inkarnation und der politischen Ethik. Sparsame Polemik und werbende Darstellung der Grundzüge des christlichen Glaubens setzt Augustinus ein, um den einen Briefpartner aus dem heidnischen Milieu herauszulocken und den anderen zu ermutigen, sich als Christ in demselben Milieu zu behaupten.

Das Werk richtet sich nicht vorrangig an heidnische Kreise. Diese Einsicht hat sich Müller zufolge in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit gefestigt. Zwar wird in „De ciuitate dei“ nicht selten gespottet und gehetzt, „noch weit häufiger und wohl auch grundlegender aber werbend argumentiert wird“, so Müller, und zwar nach den Prinzipien Vernunft und Glaube. Der augustinische Appell, nicht wie die Heiden in bequemer Skepsis zu verharren, paart sich mit Ausführungen über die Angemessenheit der Inkarnation.

Müller unterstrich, welche Dialogpartner sich in Augustins Augen disqualifzierten: jene, die das Wirken einer Vorsehung in der Welt grundsätzlich abzulehnen. Philosophie, Sozialethos und politische Kultur boten dem Bischof von Hippo ein weites Feld, um altrömische und christliche Tugenden und Traditionen zu analysieren, miteinander zu vergleichen und gegeneinander abzugrenzen. Das Leitmotiv Augustins bleibt dabei der Glaube an Christus als den wahren Erlöser: „Während heidnisches Bemühen, in heilvolle Gemeinschaft mit dem Göttlichen zu treten, aus eigener Kraft den Weg nach oben sucht und aufgrund der Endlichkeit und Sündenverfallenheit des Geschöpfs dabei notwendig scheitern muss, kommt Gott in der ,via‘ Christus seinerseits den Menschen entgegen“ fasste Müller Augustins Ansatz zusammen. Augustins Gesamtkonzept umfasst dabei Liebe und Polemik, Drohen und Strafen – eine wohlwollende Härte, die das Heil der Seelen im Blick hat.

Aus den einzelnen Vorträgen kristallisierte sich ein Punkt ganz deutlich heraus: Augustinus setzte sich ernsthaft mit der traditionellen römischen Kultur auseinander, jedoch als gläubiger Christ und in der Überzeugung der Überlegenheit des Gottesstaates über den Weltstaat. Dialog bedeutete für ihn nicht die Suche nach einem Kompromiss, sondern die Hinführung zum christlichen Glauben, die verbal bei ihm durchaus kämpferische Formen annehmen konnte.

Nur die christliche Kultur, so der Altphilologe Hans Armin Gärtner, habe für Augustinus ewigen Bestand; alle weltlichen Kulturen seien vergänglich und vorläufig. Die christliche Kultur könne positiv auf diese einwirken und einen fruchtbaren Dialog hervorbringen. Stelle die weltliche Kultur dagegen Ansprüche an die Christen, die diese an der Verehrung des wahren Gottes hinderten – wie die römische gloria-Kultur, die von den Römern verlangt, durch grausame Kriege andere Völker blutig zu unterdrücken, um die eigene Herrlichkeit unter Beweis zu stellen – so müssen diese bekämpft werden. Michael Erler (Würzburg) zeigte Augustins – ganz modern anmutende – Strategie auf, den nichtchristlichen Dialogpartner „dort abzuholen, wo er ist“, um ihn dann zur christlichen Position hinzuführen.

Augustins Methode erläuterte der Präsident des Patristischen Instituts Augustinianum, Robert Dodaro OSA: Der Kirchenvater greift traditionelle römische Konzepte wie virtus und decorum auf, hinterfragt ihre tragenden Prinzipien aus christlicher Sicht und wandelt sie um. So schafft er die Grundlagen für ein neues, christliches Verständnis dieser Konzepte. Die antiken Tugenden müssen durch christliche Tugenden – wie Glauben und Demut – geläutert werden, um wahre Tugenden zu sein.

Nello Cipriani OSA zeigte auf, dass Augustinus Argumente des römischen Historikers Varro heranzieht, um die Gotteserkenntnis nicht nur der Seele, sondern auch dem Leib zuzuschreiben: Er bedient sich eines vorchristlichen anthropologischen Modells, um eine christliche Alternative zur philosophischen Kultur der Platoniker zu entwerfen. Trotz aller kulturellen Differenzen gibt es für Augustinus jedoch auch das Verbindende, das der gesamten Menschheit zu eigen ist: die Vernunft mit ihrem Zugang zu unveränderlicher Wahrheit, eine einheitliche „lingua mentis“, eine Art göttlicher Ursprache, die auch nach dem Auseinanderfallen der Sprachkulturen im Menschen präsent geblieben ist (Christoph Horn) oder das „unruhige Herz“, das Streben nach Gott in einer gefallenen Welt (Miles Hollingworth).

Als zukunftsweisend bezeichnete der Präsident des „Augustinianums“ die Arbeit des Würzburger Zentrums für Augustinusforschung (ZAF), dessen verschiedene Projekte – das seit 1986 erscheinende Augustinus-Lexikon, das Internetportal www.augustinus.de, das digitalisierte Gesamtwerk Augustins, das als Corpus Augustinianum Giessense (CAG) online in Kürze im Internet verfügbar sein wird, sowie ein geplantes Großprojekt zur Kommentierung sämtlicher epistulae des Kirchenvaters – von den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Instituts Andreas Grote und Guntram Förster vorgestellt wurden. Dodaro würdigte die Arbeit des wissenschaftlichen Leiters Christoph Müller ebenso wie die der Augustiner Petrus Cornelius Mayer und Adolar Zumkeller – letzterer ist 2011 verstorben – und des ehemaligen Redaktors des Augustinus-Lexikons, Karl Heinz Chelius.

Einen sehr aktuellen Bezug stellte Winfried Böhm (Würzburg) her, der auch das Libretto der Kirchenoper „Augustinus“ verfasst hatte, die im Rahmen des Symposiums im Innenhof des Apostolischen Palastes für Papst Benedikt XVI. aufgeführt wurde (Die Tagespost berichtete in der Ausgabe vom 29. September).

Auf dem Hintergrund von Augustins Zweistaaten-Lehre stellte er die Frage: Für welchen Staat soll der Mensch erzogen werden – für den Weltstaat oder für den Gottesstaat? In einer Zeit, die „immer mehr von einem unbegrenzten Kapitalismus beherrscht wird“, so Böhm, werde die Erziehung nahezu ausschließlich als Vorbereitung auf das Leben in der Welt verstanden. Sie werde auf „brauchbares und nützliches Lernen“ und den möglichst schnellen und effizienten Erwerb von Kompetenzen – Stichwort Abiturverkürzung – reduziert, um „in dieser erbarmungslosen Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaft erfolgreich zu sein, alle Konkurrenten schonungslos aus dem Feld zu schlagen und den größten zählbaren Gewinn einzuheimsen“.

Die „materielle Abrechnung“ erfolge nicht mehr mit dem Tod, sondern schon früher, „bei Beendigung unserer Berufstätigkeit“. Um dieser „Verkümmerung“ der pädagogischen Kultur entgegenzuwirken, müsse man die Dimension des Sterbens zurückgewinnen, die Augustinus in die Geschichte hineingebracht hat. Wenn Erziehung zugleich als die Vorbereitung auf das Leben und auf das Sterben begriffen würde, relativiere sich die einseitige Orientierung auf die Welt – und mit ihr eine mögliche einseitige ideologische Ausrichtung auf einen Gottesstaat mit illusionärem und weltfremdem Charakter.

In angeregten Diskussionen kamen Parallelen zu katechetischen Werken Augustins zur Sprache. Das Christentum wird „nach allen Regeln rhetorischer, philosophischer und theologischer Kunst verteidigt“ (Müller). Zugleich bleibt das Buch ein Giftschrank: Wer Zitate aus dem Zusammenhang herausreißt, spielt mit dem Feuer.

Unverändert aktuell für bleibt die christliche Sorge um das Heil des Anderen, die aus dem Monumentalwerk spricht. Ergebnisoffene Dialoge gibt es nicht für den, der unsterbliche Seelen für Christus gewinnen will. Konsequenzen für die eigene Lebensführung zu ziehen – dazu ermutigt „De ciuitate dei“ den Leser heute wie damals. Als Resümee sagte Tübinger Patrologe Volker Drecoll am Rande der Tagung, das Symposium habe gezeigt, „wie stark sich Augustin auf die Auseinandersetzung mit der nichtchristlichen Kultur eingelassen hat und wie er zugleich versucht, daraus eine Theologie zu entwickeln, die für die Christen interessant ist. Die christliche Perspektive schien mir hier sehr deutlich geworden zu sein – rhetorisch wie inhaltlich. Das scheint mir das wichtigste Resultat zu sein.“