Mit Gottvertrauen in eine unsichere Zukunft

Hunderte Anglikaner wollen zu Ostern katholisch werden – Zu den aktuellen Entwicklungen im Personalordinariat. Von Hinrich E. Bues

n die Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen zu werden, ist vielen Anglikanern beträchtliche Opfer wert. Zu Ostern sind neue Übertritte angekündigt. Foto: dpa
n die Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen zu werden, ist vielen Anglikanern beträchtliche Opfer wert. Zu Os... Foto: dpa

Hamburg (DT) In den Reihen der Anglikaner verlagern sich die Gewichte zusehends in Richtung Rom: Eine Gruppe von dreihundert Gemeindemitgliedern und sieben anglikanischen Priestern hat nach Angaben der englischen Tageszeitung „The Telegraph“ ihren Übertritt in das neu errichtete anglokatholische Personalordinariat „Unserer Liebe Frau von Walsingham“ von England und Wales angekündigt. Damit wird es zu Ostern zum ersten Massenübertritt in diese neue kirchliche Struktur der katholischen Kirche kommen. Die anglikanischen Christen kommen aus insgesamt sechs Gemeinden in Essex und Ost-London.

Der katholische Bischof von Brentwood, Thomas McMahon, bezeichnete den erwarteten Übertritt als „sehr groß“ und begrüßte die neuen Gläubigen. Gegenüber dem staatlichen Radiosender BBC äußerte er sich anerkennend, dass die betreffenden Pfarrer und Gläubigen sehr viel zurückließen, was vielen sicher „Herzensschmerzen“ verursachen würde. Er würdigte, dass die Übergetretenen sich auf eine „ziemlich unsichere Zukunft“ eingelassen hätten, da das Ordinariat ja erst kürzlich gegründet worden sei. So erfordere ihr Schritt „einen großen Glauben und ein großes Vertrauen“.

Das erste Personalordinariat auf der Grundlage der Apostolischen Konstitution „Anglicanorum coetibus“ (4. November 2009) war am 15. Januar durch die römische Kongregation für die Glaubenslehre durch ein Dekret des Heiligen Stuhles für das Territorium von England und Wales errichtet worden. Vorausgegangen war eine sorgfältige Konsultation der katholischen Bischofskonferenz für dieses Gebiet der britischen Inseln.

Die Initiative zur Errichtung ging von einer Anzahl verschiedener anglikanischer Gruppen aus, die ihre Übereinstimmung mit dem katholischen Glauben erklärt hatten, wie er im Katechismus der Katholischen Kirche enthalten ist. Auch das innerhalb der evangelischen Christenheit umstrittene Petrusamt hatten diese Gruppen als etwas akzeptiert, was Christus für die Kirche wolle. Daher wollte Papst Benedikt nun eine Form schaffen, in der die „implizite Einheit“ in der sichtbaren Form der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche zu verwirklichen wäre. Dass dieses in der Kirchengeschichte neue Instrument des Personalordinariats nun im Mutterland des Anglikanismus erstmalig realisiert wird, wird von kirchlichen Beobachtern mit Spannung verfolgt.

Der Errichtung vorausgegangen war der Übertritt von drei aktiven anglikanischen Bischöfen – Andrew Burnham, Keith Newton und John Broadhurst – am 1. Januar dieses Jahres. Sie wurden am 15. Januar, gleichzeitig mit der Errichtung des Ordinariats, von Erzbischof Vincent Nichols in der Westminster Kathedrale (London) zu katholischen Priestern geweiht. Alle drei Neupriester sind verheiratet und Väter mehrerer Kinder. Bereits verheiratete anglikanische Pfarrer können im Rahmen des Ordinariats wohl zu katholischen Priestern, aber aus doktrinellen Gründen nicht zu Bischöfen geweiht werden. Das Errichtungsdekret des Heiligen Stuhles bestimmte Hw. Newton zum neuen Ordinarius des Ordinariats, das unter dem Patronat des im September 2010 seliggesprochenen John Henry Kardinal Newman steht. Der neue Ordinarius ist gemeinsam mit den Neu-Priestern Burnham und Broadhurst für die katechetische Vorbereitung der ersten Gruppen von Anglikanern in England und Wales zuständig, die zusammen mit ihren Pfarrern zu Ostern in die Katholische Kirche aufgenommen werden sollen. Zu ihren Hauptaufgaben gehört die Begleitung des anglikanischen Klerus, der sich auf die katholische Priesterweihe am Pfingstsonntag, den 12. Juni, vorbereitet. Unter ihrer Leitung absolvieren derzeit auch die sieben ehemaligen anglikanischen Pfarrer aus Chelmsford, Hockley, Benfleet und Ost-London die theologische Vorbereitung auf ihre Diakonen- und Priesterweihe.

Die Konstitution Anglicanorum coetibus versucht einen Ausgleich zwischen der Sorge um die Bewahrung der wertvollen anglikanischen liturgischen, geistlichen und pastoralen Traditionen einerseits und zwischen der Sorge um die volle Integration dieser Gruppen und ihres Klerus in die Katholischen Kirche andererseits zu verwirklichen. Daher wird in den neuen Ortsgemeinden des Ordinariats das liturgische Erbe der „High Church“, das dem Römischen Ritus nahe verwandt ist, weiterhin praktiziert werden.

Für die lange offen gebliebene Frage, wo die neuen katholischen Christen in Zukunft ihre heiligen Messen feiern können, scheint nun eine Klärung in Sicht. Ordinarius Newton deutete schon Mitte Januar an, dass die Heiligen Messen in Zukunft wohl in den angestammten Kirchengebäuden stattfinden können. Er hoffe, dass die Kirchen zwischen verschiedenen christlichen Konfessionen geteilt werden können, es zu keiner „Verbitterung“ zwischen Anglikanern und Konvertiten komme. Der anglikanischen Weltgemeinschaft kommt dies insoweit entgegen, als ihre Gottesdienste – ähnlich wie in deutschen Landeskirchen – nur noch von wenigen Menschen besucht werden. Viele Anglikaner tendieren zu evangelikalen und charismatischen Freikirchen oder Gemeinschaften und nehmen daher nicht mehr am aktiv am anglikanischen Kirchenleben teil. Daher sind eine Reihe von anglikanischen Kirchengebäuden bereits an Baptisten, Pfingstgemeinden und andere protestantische Konfession oder auch an säkulare Eigentümer verkauft worden.

Die ökumenischen Beziehungen zwischen Katholiken und Anglikanern dürften in Zukunft durch das neue Römische Ordinariat vor einige Herausforderungen stellen. Wie zu erfahren ist, wollen sich bis zu sechzig anglikanische Pfarrer zu Pfingsten zu katholischen Priestern weihen lassen. In den Vereinigten Staaten und Australien werden nach Errichtung der dortigen Personalordinariate noch weit größere Gruppen von Priestern und Gläubigen erwartet. Das römische Errichtungsdekret betont in weiser Voraussicht die Verpflichtung zum ökumenischen Dialog als „einer Priorität für die katholische Kirche“.

Der anglikanische Bischof von Chelmsford, Stephen Cottrell, äußerte in einer Stellungnahme über den Weggang seiner drei Pfarrer und der Gemeindemitglieder in Essex ausdrücklich sein Bedauern. Er wolle aber ihre Entscheidung „respektieren“ und zudem seien die Übertretenden nur eine „kleine Gruppe von Menschen“. Die „Kirche von England“ wolle ihrem universellen Anspruch weiter treu bleiben und „eine Kirche für alle“ sein.