Mit Christus unterwegs

Ein orthodoxes Schulbuch bietet aus ökumenischer Perspektive Lesenswertes. Von Barbara Wenz

Die orthodoxen Kirchen bilden mit etwa 1,3 Millionen Gläubigen die drittgrößte christliche Konfession in Deutschland. Darunter haben vor allem die Griechen mit rund 450 000 Gläubigen, die Russen und Rumänen mit jeweils etwa 400 000 und die Serben mit annähernd 350 000 Gläubigen den höchsten Anteil. In vielen Gemeinden erhalten die Kinder katechetischen Unterricht, häufig auch in der Muttersprache. Offiziellen schulischen Religionsunterricht gibt es in Österreich schon seit der Kaiserzeit, in Deutschland gibt es seit 1956 gemeinsame Bemühungen, diesen einzuführen – vor allem in Bayern –, mit zunehmendem Erfolg: Mittlerweile ist es sogar, wo es eingerichtet werden kann, möglich, das Fach als Abiturfach zu wählen. Inzwischen ist das lang erwartete Schulbuch für den deutschsprachigen orthodoxen Religionsunterricht erschienen, welches sich an Schüler der beiden ersten Grundschulklassen richtet.

In einem angekündigten zweiten Folgeband sollen die Klassenstufen 3 und 4 angesprochen werden, ergänzend wird in diesem Jahr noch ein Lehrerband dazu erscheinen. Herausgegeben wird das ganze Projekt von Kerstin Keller im Kösel Schulbuchverlag. Bevor es mit dem Lernen losgeht, erteilen die Vorsitzenden der orthodoxen Bischofskonferenzen von Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Beneluxstaaten ihren Segen und verleihen ihrer Freude über das Projekt Ausdruck.

Schon damit wird deutlich, dass die Aussage, bei den orthodoxen Kirchen handle es sich um „Nationalkirchen“, nicht allzu eng geführt werden sollte. Noch vor der ersten Lektion stellen sich unter der Überschrift „Wir sind verschieden“ fünf Kinder vor, die alle dem orthodoxen Glauben angehören: Samira aus dem Libanon, Natalija, die mit ihren Eltern vor dem Krieg aus Jugoslawien fliehen musste, Maria aus Rumänien, Niko mit griechischen Großeltern und Sascha, der aus Russland kommt. Sie sprechen die Lebenswirklichkeiten der Schüler an – man ist verschieden, kommt aus vielen fremden Ländern, erzählt voneinander und teilt etwas Gemeinsames – die Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche, die viele Sprachen spricht. Ihnen gesellt sich noch ein ebenso liebevoll illustrierter Priester, Vater Simeon, hinzu, der allen Kindern zu Beginn des neuen Schuljahres den Segen erteilt.

In der ersten Lektion geht es um die Erschaffung der Welt – wenn es um die göttlichen Dinge, um die Heilige Schrift, die Liturgie und das Brauchtum geht, hat man sich bei der Gestaltung des Buches auf Ikonendarstellungen oder Fotografien traditioneller Wandmalereien, etwa aus griechischen oder slawisch-orthodoxen Kirchen entschieden; so erhalten die Kinder spielerisch einen Zugang zu den Wandmalereien in den Gotteshäusern oder lernen, die für westliche Christen zum Teil fremdartig anmutenden Bilder zu „lesen“ und zu „verstehen“: „Wenn wir die Ikonen unserer Heiligen küssen, unsere guten Freunde wir begrüßen“, reimt Väterchen Simeon als Merksprüchlein dazu.

Dazwischen findet man zur Illustration immer die bezaubernden Grafiken von Daria Naumez. Die Kinder lernen Gebete und deutsche Lieder kennen, den eigentlich serbisch-orthodoxen Brauch der Feier des Familienheiligen, die Bedeutung von Maria, der Verkündigung, von Weihnachten und Taufe, sowie was Fasten bedeutet, nämlich unter anderem auch Teilen wie der heilige Martin und Verzeihen wie der Vater dem verlorenen Sohn. Dabei gibt es zu jedem Thema zahlreiche Arbeitsanregungen, welche die Kinder zum selbstständigen Erfahren und Erfragen sowie zur kreativen Bearbeitung durch Collagen oder Malereien anleiten möchten. Eines der Schulbücher, die man gerne in die Hand nimmt und das Kindern wie Erwachsenen hoffentlich viel Freude am Glauben bereiten wird.

Kerstin Keller (Hrsg.): Mit Christus unterwegs. Das orthodoxe Schulbuch. Kösel, 2016, ISBN 978-3-06-065397-3, EUR 15,99