Mit Blick auf Christus unterwegs

Liturgiereform und Traditionsbewusstsein bei den syro-malabarischen Christen Von Christoph Hämmelmann

Dirmstein (DT) Diese Messe ist außerordentlich, und das in mehrfachem Sinne. Sie ist es im Sinne der offiziellen Terminologie, der zufolge sie in der außerordentlichen Form des römischen Ritus gefeiert wird. Sie ist es aber auch im weniger präzisen Sinne der Alltagssprache, denn schließlich ist ein Bischof dabei, was bei dieser Form in Deutschland nach wie vor selten vorkommt. Und der gehört noch dazu einem orientalischen Ritus an: Er leitet eine syro-malabarische Diözese in Indien. So eine exotische Kombination war hierzulande selbst in jenen Zeiten außerordentlich selten, in denen der überlieferte lateinische Ritus noch der ordentliche war.

George Punnakottil ist Bischof von Kothamangalam, einer Stadt mit knapp 40 000 Einwohnern im indischen Bundesstaat Kerala. Eigentlich besucht er gerade Priester seiner Diözese, die in Deutschland wirken. Doch hier ist er der einzige indische Geistliche weit und breit. Er steht im Altarraum der Kirche von Dirmstein, einer ehemaligen Sommerresidenz der Wormser Bischöfe. Beschaulich liegt das Weindorf am Rande der Pfälzer Rheinebene, dort, wo die Industrieschlote von Ludwigshafen nur noch aus der Ferne zu sehen sind, wo sanfte, rebenbestandene Hügeln das Bild einer Landschaft prägen, die schließlich in die von Bäumen bestandenen Berge des Pfälzerwalds übergeht.

Hierher gebracht haben den Bischof persönliche Beziehungen: Die Frau des Hauptorganisators der Messen in der älteren Form, eines Polizeikommissars und stimmgewaltigen Vorsängers der „Missa de angelis“, kommt aus seinem Bistum. Hierher gebracht hat den Bischof aber auch eine inhaltliche Verbindung: die Präferenz für eine Liturgie, die der Zelebrant nicht zum Volk hin feiert. Dass er dafür „kämpfe“, will Bischof Punnakottil nicht unbedingt über sich sagen lassen. Martialische Worte würden zur verbindlichen Art dieses schmächtigen Herrn mit den schütteren, beinahe weißen Haaren und der großen Brille auch nicht recht passen. Aber dass er sich dafür einzusetzen weiß, das will er dann doch nicht bestreiten.

Auch in seinem Ritus begannen Priester in den späten 1960er-Jahren, die Messe zum Volk hin zu feiern. Obwohl das so nie beschlossen worden war. Aber dass es so nie beschlossen wurde, gilt ja auch für den lateinischen Ritus, indem aus einer im Messbuch eher indirekt genannten Möglichkeit auf einmal eine Pflicht geworden schien. Mit einem Unterschied: Den orientalisch-katholischen Kirchen hat das nachkonziliare Rom immer nahegelegt, bei ihrer alten Tradition zu bleiben. Und so hat für den syro-malabarischen Ritus schließlich auch eine Synode beschlossen: Wortgottesdienst mit Blick zum Volk, aber bei der Eucharistie bleibt der Blick zum Altar.

Eschatologischer Charakter der Liturgie verdunkelt

So werde es jetzt auch gemacht, berichtet Punnakottil. Außer in fünf oder sechs von 30 syro-malabarischen Diözesen. Für die Abweichler hat der Bischof wenig Verständnis. Nicht nur, weil sie einen verbindlichen Synodenbeschluss ignorieren. Sondern auch, weil sie die Tradition ihres eigenen Ritus nicht achten. Und weil die Feier im geschlossenen Kreis den eschatologischen Charakter der Liturgie verdunkle: Das Volk Gottes sei immer gemeinsam auf den Weg in eine Richtung – auf Christus hin. Dabei ist dem Bischof bewusst, dass sich Argumente wie das letztere nicht nur auf seinen eigenen Ritus anwenden lassen. Und deswegen windet er sich auch nicht lange: Ja, er halte den nachkonziliaren Wechsel der Zelebrationsrichtung auch im römischen Ritus für einen Fehler.

Im Altarraum der von Balthasar Neumann entworfenen Dirmsteiner Pfarrkirche hat der Fehler keine so deutlichen Spuren hinterlassen wie anderswo. Hier gibt es keinen zusätzlichen, freistehenden Volksaltar. Denn der Hochaltar stammt trotz seiner barocken Anmutung aus den 1960er-Jahren. Da hatte man seine Mensa schon ein wenig nach vorne gerückt, sodass der Priester mit Blick zum Volk stehen kann. Aber umgekehrt ist eben auch eine Feier in der traditionellen Weise problemlos möglich. Das ist auch der Hauptgrund, warum sich nach dem päpstlichen Motu proprio „Summorum pontificum“ hier eine Gruppe von Anhängern der alten Form angesiedelt hat. Obwohl sie vor Ort nicht besonders willkommen war. Ein recht deutlich formulierter Brief aus dem Ordinariat hatte schließlich die Kirchentüren geöffnet.

Unterzeichnet hatte ihn der Speyerer Generalvikar Norbert Weis. Mittlerweile ist der Domherr Offizial und stellvertretender Generalvikar – und einer der Zelebranten, die sich in Dirmstein bei den Messen in der außerordentlichen Form abwechseln. Auch der 1936 geborene Bischof Punnakottil hat schon so zelebriert. Vor der Reform, als Doktorand in Rom. In Dirmstein allerdings nimmt er eine passivere Rolle ein. Die Messe orientiert sich an einer Zelebration „coram episcopo“ – „vor ausgesetztem Bischof“, wie es humorbegabte Anhänger der alten Form bisweilen übersetzen. Das war angesichts des hohen Aufwands für Pontifikalämter früher nicht unüblich, brachte nicht nur eine Vereinfachung, sondern erlaubte eine zusätzliche Differenzierung bei der Bedeutung von Ereignissen.

Dabei gab es mehrere Varianten: Der Bischof konnte in einfacher Chorkleidung teilnehmen. Oder, zumindest in der eigenen Diözese, mit der meterlangen Schleppe, der Cappa magna. Oder mit Stola, Chormantel und den Pontifikalien. Auf einen syro-malabarischen Würdenträger lassen sich solche Abstufungen allerdings nur schwer übertragen. Schon die Unterscheidung zwischen Chormantel und Kasel kennt sein Ritus nicht. So verzichtet Punnakottil nun zwar auf die Mitra, nimmt aber in einem Gewand an der Messe teil, das er so auch als Zelebrant tragen würde. Dessen leuchtende Gold- und Rosatöne lassen jede noch so prächtige Barockkasel blass aussehen. Dafür tut er längst nicht alles, was ein Bischof in den feierlicheren Varianten der Messe „coram episcopo“ dürfte. Ihm wird das Messbuch nach dem Evangelium zum Kuss gereicht, und er spendet den Schlusssegen. Dass er zum Beispiel auch den Weihrauch segnet, wäre da ebenfalls vorgesehen, findet aber nicht statt.

Dass der Bischof auch noch von Ehrendiakonen flankiert und ihm die Kerze gehalten würde, daran ist in Dirmstein angesichts beschränkter Mittel ohnehin nicht zu denken. Er habe nicht extra die Bücher gewälzt, sondern sich aus der Erinnerung heraus an dem orientiert, was er aus den päpstlichen Liturgien in Rom, aber auch aus dem Speyerer Dom kannte, gesteht Zelebrant Weis unumwunden ein. Und das sei wohl auch nicht immer ganz genau das gewesen, was in den Büchern stand. Heute dagegen werde die außerordentliche Form der Liturgie bisweilen exakter gepflegt als zu jener Zeit, als sie noch die ordentliche war. „So wie – verzeihen Sie den Vergleich – der Barock bei Ludwig II. viel perfekter ist als im Original“, sagt der Domkapitular, der dazu steht, dass er sein Birett bei den Dirmsteiner Messen bisweilen vergisst. Und zwar praktischerweise im Sommer deutlich häufiger als im Winter.

Weis ist im alten Ritus groß-, aber schon im neuen Ritus geweiht worden. Die Liturgiereform sei ein zu großer Bruch gewesen, meint er im Rückblick. Ein zu großer Bruch, den man dann „verniedlicht“ habe. Mit großen Brüchen hat auch die syro-malabarische Kirche ihre Erfahrungen. Sie führt sich auf die Mission des Apostels Thomas zurück und stand jahrhundertelang unter ostsyrischem Einfluss, akzeptierte aber zunächst recht problemlos die lateinische Oberhoheit, die mit den portugiesischen Kolonisatoren kam – bis sie in der Folge des Konzils von Trient einem massiven Latinisierungsdruck ausgesetzt war. Es folgten Spaltungen, die dazu führten, dass es in Indien nicht nur nicht-katholische Christen verschiedenster Traditionen gibt, sondern auch verschiedene katholische Diözesen verschiedener Ritus-Kirchen, deren Gebiete sich überschneiden.

Gottesdienste dennoch in den Volkssprachen

Auch wenn die Zeiten römischen Latinisierungsdrucks längst vorbei sind, in einem Punkt hat sich die Liturgiereform dann doch recht deutlich bei den Syro-Malabaren ausgewirkt: Auch sie feiern heute kaum noch in ihrer alten, syrischen Liturgiesprache, sondern in Volkssprachen wie Malayalam, Tamil oder Hindi. Und das findet Bischof Punnakottil auch richtig so, schon mit Blick auf Neubekehrte, denen sich ihr Glauben so besser erschließe. Er leidet weniger unter Latinisierungs-, sondern vor allem unter Bollywoodisierungs-Druck. Nicht zuletzt aufgrund der Konkurrenz evangelikal-charismatischer Gruppen werde die Musik in der syro-malabarischen Liturgie immer lauter, immer rhythmischer, kurz: „Schlecht. Sehr schlecht.“ Unmengen von Liedern mit unglaublich nichtssagenden Texten seien so schon entstanden, sagt der Bischof seufzend. Und dankt nach der Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus vor allem für ordentlich gesungene Gregorianik, bevor er sich in der Gaststätte neben der Kirche der ordentlichen Form der Pfälzer Küche zuwendet. Er bestellt Saumagen – für ihn ein außerordentlich exotisch anmutendes Gericht.