Missionsstation Europa

Liturgie als Weg der Neuevangelisierung: Jubiläumskongress der Vereinigung Heiliger Benedikt Patron Europas in Padua. Von Regina Einig

Kloster San Giorgio Maggiore in Venedig
Höhen und Tiefen der Zeitläufte haben den Geist des heiligen Benedikt in Europa nicht auslöschen können. Ein Symbol dafür ist das Kloster San Giorgio Maggiore in Venedig. Foto: IN

Hat Europa sein geistliches und kulturelles Erbe für ein Linsengericht verkauft? Pater Cassian Folsom OSB aus dem Kloster St. Benedikt in Nursia bejahte diese Frage kürzlich beim Jubiläumskongress der Associatio Sancti Benedicti Patroni Europae in Padua und verwies vor etwa 90 Teilnehmern aus vier Nationen auf den grassierenden Glaubensabfall. Kennzeichen der gegenwärtigen Kultur sei eine Zivilisation von Technologie und Kommerz. Ihr bescheinigte der Benediktiner, zukunftsfeindlich zu sein und nannte als Symptome innerer Leere den Zusammenbruch der Familie, die Ablehnung von Kindern als Bedrohung der persönlichen Bequemlichkeit und die Akzeptanz der Euthanasie. Damit der Patient Europa geheilt werden könne, brauche er die Antikörper des christlichen Glaubens: Engagierte Christen, die als Sauerteig im Teigklumpen wirken, verkörpern aus Sicht Pater Cassians die eigentlichen Hoffnungsträger Europas.

Als der selige Paul VI. Benedikt von Nursia am 24. Oktober 1964 zum Patron Europas erhob, zeichnete sich das Wetterleuchten der radikalen Aufklärungskultur des modernen Europa auch in der Kirche bereits ab. Bedeutete das Zweite Vaticanum einen Bruch mit der Tradition oder Kontinuität? Vertreter der Hermeneutik der Kontinuität besannen sich auf das benediktinische Erbe des alten Kontinents. 1967 riefen die Bischöfe Jean Rupp (Monaco) und François Charriere (Fribourg) mit neun Benediktiner- und des Zisterzienseräbten die Vereinigung Heiliger Benedikt Patron Europas (ASBPE) ins Leben. Der emeritierte Abt von Fontgombault, Dom Antoine Forgeot OSB, zeichnete in einem in Abwesenheit verlesenen Grußwort ein düsteres Bild des gegenwärtigen Europa und erinnerte an die lebensfeindliche staatliche Gesetzgebung in den meisten europäischen Ländern. Die Zukunft der jungen Generation erscheine mehr als dunkel. Jeder könne zur Rückkehr Europas zu seinen christlichen Wurzeln beitragen durch gelebte Treue in den Alltagspflichten und im beständigen Gebet. Eine solide geistliche und intellektuelle Ausbildung schaffe „die Voraussetzung für die Heranbildung einer neuen Elite“. Insbesondere in der Politik fehlten Christen, so Dom Antoine. Grund genug, sich auf die eigene Sendung zu besinnen. Die Präsidentin der Vereinigung, Margit Maria Weber, beschrieb die Aufgabe der Mitglieder, Ferment für die Gesellschaft zu sein, als „Bindung an Christus, um in die Welt auszustrahlen“.

Pater Cassian verwies auf den missionarischen Auftrag der Mitglieder. Den katholischen Glauben in einer ihm gegenüber indifferenten oder feindseligen Kultur zu bezeugen bezeichnete er als Ziel, Liturgie als Quelle der Mission und das monastische Gebet als wichtigstes Werkzeug des Evangelisierens. Monastizismus, Liturgie, Ehe und Familie bleiben Schlüsselelemente des derzeit durchaus angefochtenen Auftrags der Vereinigung. „Sogar in der Kirche wird die herrliche Lehre Johannes Pauls II. über die Ehe ignoriert“, kritisierte Pater Cassian und sprach wörtlich von einer „Vergeudung unseres Erbes“.

Bewahren will die ASBPE jedenfalls den gregorianischen Choral und die lateinische Sprache. Der Präfekt der römischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Kardinal Robert Sarah, würdigte diesen Einsatz in seinem schriftlich zugesandten Grußwort: Der gregorianische Choral mache die erfahrbaren Wirklichkeiten geistlich und die geistlichen Wirklichkeiten erfahrbar. Dass über die Kirchenmusik hinaus eine differenzierte Sichtweise auf die liturgische Ästhetik nottut, veranschaulichte der Fuldaer Liturgiewissenschaftler Cornelius Roth an einer Fülle von Riten und architektonischen Beispielen. Der Neffe des verstorbenen Fuldaer Erzbischofs Johannes Dyba stellte die Frage, ob sich die Gläubigen in der Liturgie immer bewusst seien, dass beziehungsweise wann sie mit Gott kommunizierten. Eine Schlüsselrolle für die Bewusstseinsbildung spielen Roths Darstellung zufolge die Gebetsrichtung des Priesters und der Gemeinde sowie eine geistlich und theologisch sinnvolle liturgische Raumgestaltung. Einig waren sich die Mitglieder der Vereinigung in der Einschätzung der Bedeutung des Motu proprio Summorum pontificum von Benedikt XVI., der selbst langjähriges Mitglied der ASBPE ist. Martin Mosebach zollte in einem Grußwort vor allem den Benediktinern der altrituellen Abtei Fontgombault höchstes Lob: Ohne das Wirken der Benediktiner der von Fontgombault gegründeten Klöster und das Kloster Sainte Madeleine von Le Barroux hätte Benedikt XVI. nicht den Mut gefunden, sein Motu proprio zu erlassen.

Der Theologe Ralph Weimann, der über Joseph Ratzinger promoviert hat, bescheinigte Summorum pontificum „eine nicht zu unterschätzende Sprengkraft“. Es lasse nicht nur die jahrhundertelang gefeierte Liturgie lebendig werden und erschließe das Zweite Vaticanum, in dessen Verlauf diese Liturgie gefeiert wurde, sondern es stelle auch einen Kontrast zur postmodernen Prämisse der Machbarkeit dar, indem es dem Primat des Gemachten und Machbaren den Primat Gottes entgegensetze und damit das Dogma der Moderne in Frage stelle. „Es geht um eine veränderte Blickrichtung“, unterstrich Weimann: „Das Licht Christi kommt durch die lebendige Tradition zum heutigen Menschen in der Liturgie, die dadurch gefeiertes Dogma wird.“ Er forderte einen Perspektivwechsel, „der den Schwerpunkt wieder auf eine Hermeneutik des Glaubens setzt“. Von einer wohlwollenden Anwendung des Motu proprio erwartet der Theologe die Überwindung der Spaltung in eine vor- und nachkonziliare Kirche. Es müsse immer ein Anliegen der Kirche sein, den Glauben gemäß den Erfordernissen der Zeit zu verkünden. Das wird Weimann zufolge „aber nur dann gelingen können, wenn der Glaube wächst“.

In diesem Erneuerungsprozess spielen die geistlichen Bewegungen aus Sicht des vormaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates Cor Unum, Kardinal Paul Josef Cordes, eine unverzichtbare Rolle als Korrektiv zu einer verkopften Theologie. Zu den 120 vom Dikasterium für die Laien anerkannten Vereinigungen gehört auch die ASBPE. Als gemeinsamen Nenner apostrophierte der Kardinal „Lebensnähe“. Das Apostolat der geistlichen Bewegungen beachte, dass die Glaubenswahrheit die Menschen auf zwei Ebenen erreichen müsse: auf der der Intuition und der der Reflexion. Ihre Pastoral „wechselt ab zwischen Erleben und Bedenken“; sie vermieden die Falle, die intellektuelle Seite der Wahrheit durch die emotionale zu ersetzen.

Nur unkonventionelle Lösungen mögen in vielen Fällen der Wahrheit des Evangeliums wieder zum Durchbruch verhelfen. Die auf die antiken Künste des Trivium und des Quadrivium gegründete Erziehung stellt aus Sicht Marco Semarinis, Präsident der Italienischen Chesterton-Gesellschaft eine „Einführung in die Wirklichkeit“ dar, die die Perspektive auf den Schöpfer eröffne. Konkret umgesetzt wird diese Pädagogik an der von ihm vor zehn Jahren mitbegründeten Freien G.K. Chesterton-Schule in San Benedetto del Tronto. Der Familienvater brach eine Lanze für den Glauben an Wunder. „Wir sollen neu erkennen, dass wir Besitzer eines enormen Schatzes an Gaben und Traditionen sind.“ Aus seiner Sicht braucht es dazu den Mut zu alternativen Lebensweisen: „Wir müssen jenes bürgerliche Lebensmodell ablehnen, das wir heute als das einzig vorstellbare betrachten, nur weil ein Großteil der Menschen in den westlichen Ländern es übernimmt. Es braucht Vorstellungskraft, wir müssen davon ausgehen, dass man anders leben kann, denn wir haben jahrhundertelang auf andere, und ganz bestimmt auf bessere Weise gelebt“.

Messfeiern in beiden Formen des römischen Ritus bildeten das geistliche Gerüst des Jubiläumskongresses. Musikalische Glanzlichter setzten eine deutsche und eine polnische Schola mit gregorianischem Choralgesang.

Kunstgenuss, Liturgie und Volksfrömmigkeit paarten sich bei Besuchen der Benediktinerabteien Santa Giustina in Padua, Santa Maria Assunta in Praglia und San Giorgio Maggiore in Venedig – letztere wurde 1957 von Mönchen aus Praglia wiederbesiedelt – und bei einer Wallfahrt zum Marienheiligtum der Abtei Praglia auf dem Monte della Madonna in Teolo. Eine Bildkatechese höchster Qualität boten die Giotto-Fresken in der Arenakapella in Padua. Wie weit das Spektrum monastischer Marienverehrung ist, bewies Altabt Antoine mit seinem persönlichen Bekenntnis zur Botschaft von Fatima und der darin verheißenen Macht des Gebets. Der von Margit Maria Weber souverän moderierte Kongress war sowohl ein Appell für ein verstärktes Engagement in puncto Neuevangelisierung als auch ein Fest für Geist und Sinne. In Zukunft will die Vereinigung die Weichen gemeinsam mit den Pfadfindern Europas stellen: Martin Hafner, Leiter der Internationalen Union der Pfadfinder Europas und frisch ins ASBPE-Komitee berufen, verbürgte sich für die gemeinsame Vision einer geistlichen Erneuerung Europas. 2019 werden 3 300 Jugendliche mit der KPE nach Rom pilgern und unter anderem den Spuren des heiligen Benedikt folgen. Monastisch geprägt wollen sie Pilgerschaft als Gegenakzent zu einer hektischen und lärmenden Zeit erleben. Täglich stehen die Feier der heiligen Messe, das Stundengebet und die tägliche Schriftbetrachtung auf dem Programm. Die Quintessenz der Bibelmeditationen wird dem Heiligen Vater in Schriftform bei einer Privataudienz überreicht. Man nahm es Hafner ab, „dass Europa eine Hoffnung hat“.

Französische ASBPE-Mitglieder können diese Hoffnung sogar konkret verorten: Dom Hervé Coureau, Abt der französischen Benediktinerabtei Triors, einer Tochtergründung von Fontgombault, unterstrich im Gespräch mit dieser Zeitung die Leuchtturmfunktion der Abtei Fontgombault. Dort zieht die außerordentliche Form des römischen Ritus seit Jahrzehnten viele Berufungen an. Werbung in eigener Sache zu machen erübrigt sich aus Sicht Dom Hervés: „Wir nehmen die Gäste auf, die kommen, wie es die Benediktsregel vorsieht“. Darin bestehe das Paradox klösterlicher Ausstrahlung: „Die Mönche sind da und Gott tut das Übrige.“ Zuversichtlich sieht der Abt die Rolle der Benediktinerklöster in Frankreich. Beispiel gregorianischer Choral: Nach einem Einbruch in den Jahren nach dem Zweiten Vaticanum entdecken die Gläubigen den traditionellen lateinischen Choralgesang wieder und lassen sich von der Tradition der Benediktiner von Solesmes inspirieren. Trotz unterschiedlicher Interpretationen und Interessen an der Erforschung des Chorals stehe der liturgische Gebrauch unangefochten an erster Stelle. „Die meisten, die sich dafür interessieren, wollen den Choral selbst in der Liturgie singen“. Dom Hervé räumte ein, dass viele Benediktinerklöster im deutschsprachigen und angelsächsischen Raum den liturgischen Weg Fontgombaults nicht teilen mochten und die Kontakte schwächer geworden sind. Doch nach wie vor stehe man in Verbindung mit vielen Klöstern außerhalb Frankreichs. Er setzt für die Zukunft auf ein Patentrezept von Papst Franziskus: persönliche Begegnung.