„Mission ist keine Einbahnstraße“

Ein Podium zum Thema „Mission – ein Menschenrecht“ beim Ökumenischen Kirchentag in München

München (DT) „Was ist Mission?“ – an einer klaren, eindeutigen Bestimmung dessen, was unter Mission zu verstehen ist, fehlt es heute nicht nur im allgemeinen, sondern auch im theologischen Sprachgebrauch. Dies zeigte sich bei einem Podium während des Zweiten Ökumenischen Kirchentags in München: „Mission ein Menschenrecht – Über Mythen und Wirklichkeit“. Vorbereitet wurde die Veranstaltung vom Deutschen Katholischen Missionsrat, dem Evangelischen Missionswerk in Deutschland und den Steyler Missionaren.

Wie hat sich das Verständnis von Mission im Laufe der Zeit, vor allem in den vergangenen hundert Jahren, verändert? Diese Frage zog sich als roter Faden durch das Podiumsgespräch. Mission wird heute aus europäischer Sicht als problematisch angesehen. Schon der Begriff „Mission“ für sich wird assoziiert mit der negativen Kolonialgeschichte. In den Köpfen vieler Europäer steckt noch immer die Vorstellung vom Missionar, der aus Europa nach Afrika oder Asien geschickt wurde, um den armen „Heidenkindern“ Taufwasser über den Kopf zu gießen, während in seinem Gefolge die Kolonisatoren darangingen, die von den Europäern eroberten Gebiete wirtschaftlich auszubeuten.

In diesem Bild von Mission, so der Leiter der Deutschen Missionsgesellschaft in Sinsheim, Detlef Blöcher, stecke einerseits ein großer Teil an europäischem Schuldgefühl. Andererseits stecke in dieser Vorstellung auch die Idee einer Über- und Unterordnung: die automatisch vorhandene Überordnung der europäischen Missionare im Verhältnis gegenüber den – zu missionierenden – Afrikanern oder Asiaten. Anders ausgedrückt: Hinter dieser Vorstellung verberge sich genaugenommen noch immer ein gutes Stück europäischer Überheblichkeit.

Zusammen mit der Missionierung kolonialisierter Regionen, so die heutige Vorstellung, wurde die europäische Kultur nach Afrika, Asien und Lateinamerika transportiert und der dortigen Bevölkerung aufoktroyiert. Christliche Mission wird von daher zwangsläufig als schädlich und zerstörerisch für einheimische Kulturen angesehen. Mission aus dieser Sicht also: Ausdruck eines auch kulturellen Imperialismus der Europäer.

Der Ritenstreit und die jesuitische China-Mission

Im Laufe der europäischen Missionsgeschichte lassen sich durchaus Beispiele dafür finden, dass sich europäische Missionare teilweise schwertaten, Elemente fremder Kulturen, denen sie begegneten, zu respektieren und in ihre Verkündigung des Evangeliums zu integrieren. Das seien aber auch die Beispiele, wo eine Verwurzelung des Christentums weitgehend gescheitert sei, unterstrich der Missionstheologe, Pater Franz Heim, von den Steyler Missionaren. Er nannte als Beispiel den sogenannten „Ritenstreit“ in China. Dort kam es im 18. Jahrhundert zur Auseinandersetzung zwischen Jesuiten auf der einen und dem Vatikan und den übrigen Ordensgemeinschaften auf der anderen Seite: Anlass war die Frage, ob die in der chinesischen Tradition fest verwurzelte konfuzianische Ahnenverehrung mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren sei. Die Jesuiten vertraten die Auffassung, den zum Christentum Konvertierten solle die Beibehaltung äußerer Riten ihrer tradierten Religionen gestattet bleiben.

1742/44 aber setzte Papst Benedikt IV. dem „Ritenstreit“ ein Ende und verbot die sogenannte „Akkommodation“ (die Integrierung einheimischer Riten). In der Folge geriet die jesuitische China-Mission zunehmend unter Druck des Kaisers Quianlong. Viele Missionare wurden ausgewiesen. „Heute müssen wir erkennen“, lautete Pater Heims Fazit, „dass die katholische Kirche damals China weitgehend verloren hat, eben weil sie es nicht vermochte, das Evangelium wirklich zu inkulturieren.“

Über ein Beispiel gelungener Inkulturation des Christentums berichtete Hofago Kaia vom Nordelbischen Zentrum für Weltmission und Kirchlichen Weltdienst in Hamburg aus ihrem Heimatland Papua-Neuguinea. 96 Prozent der Bevölkerung dort seien heute Christen, Katholiken und Protestanten, erläuterte sie. Und die Verkündigung des Evangeliums zum großen Teil durch deutsche Missionare werde von den Menschen noch immer als Segen empfunden. „In unserem Land haben wir viele verschiedene Volksgruppen, aber einen, uns alle verbindenden Glauben.“ Das Christentum habe auf Papua-Neuguinea die einheimische Kultur keineswegs zerstört, sondern sogar bereichert und neue Zugänge eröffnet, betonte die evangelische Christin. „Auch in der Tradition unseres Volkes ist die Verehrung der Ahnen tief verwurzelt. Die christlichen Missionare haben uns gezeigt, wie wir unsere Beziehung zu denen, die vor uns gelebt haben, aus der Hoffnung des christlichen Auferstehungsglaubens neu deuten können.“

Islamistische Mörder sind nicht im Recht

Mission in christlicher Perspektive knüpft zunächst einmal an den Verkündigungsauftrag Jesu im Evangelium an. Das grundsätzliche Recht zu missionieren, das heißt: seinen Glauben zu bekennen und auch zu versuchen, andere davon zu überzeugen, bejahte beim Podium der frühere Menschenrechts- und jetzige Afrikabeauftragte der Bundesregierung, Günther Nooke (CDU): „Der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zufolge beinhaltet die Religionsfreiheit auch das Recht, über seinen Glauben öffentlich zu reden und ihn zu lehren. Religion ist eben keine bloße Privatangelegenheit.“

Zur Kritik in Medien, etwa im ZDF-Magazin „Frontal 21“, nachdem im Juni 2009 zwei junge deutsche Pflegehelferinnen und Missionarinnen im Jemen entführt und ermordet wurden, meinte Günther Nooke: „Es ist eine völlige Verkehrung der Realität, wenn die als islamistisch einzustufenden Mörder plötzlich hingestellt werden, als seien sie im Recht.“ Zur Religionsfreiheit, unterstrich er, gehöre nun einmal das Recht, seinen Glauben zu verkündigen und auch das Recht, seine Religion zu wechseln. Für einen modifizierten Begriff von Mission warb der katholische Missionswissenschaftler Jürgen Lohmeyer aus Würzburg: „Neue Ansätze im Missionsverständnis nehmen den ganzen Menschen in den Blick, auch seine leibliche, soziale und rechtliche Situation. Das spezifisch Christliche ist ja gerade die Option für den Einzelnen, die Option für die Armen. Wir Christen wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Unterdrückung beseitigt wird – auch das gehört zu einer ganzheitlichen Auffassung des Missionsgedankens.“ Pater Heim ergänzte aus der Perspektive seiner Ordensgemeinschaft: „Mission sehen wir Steyler als einen prophetischen Dialog an – einen Dialog mit Menschen anderer Religionen, Menschen anderer Kulturen, mit Menschen, die arm und ausgegrenzt sind, und auch mit Menschen, die einfach religiös auf der Suche sind.“

Einen Perspektivwechsel brachte der nigerianische Pater Erneka Nzeadibe CSSp, Jugend- und Studentenseelsorger in Mecklenburg, in die Diskussion ein: In der Vergangenheit sei Missionierung nur in eine Richtung – von Norden nach Süden – gesehen worden. „Mission ist aber längst keine ,Einbahnstraße‘ mehr. Heute schicken die Kirchen in den Ländern des Südens Pfarrer und Ordensleute nach Europa, auch nach Deutschland, damit sie die Pastoralarbeit in den deutschen Gemeinden unterstützen.“ Verkündigung des Evangeliums – so die Erfahrung des nigerianischen Priesters – sei gerade in einer weitgehend säkularisierten Umwelt wie der deutschen Gesellschaft nur möglich in der zwischenmenschlichen Begegnung – durch Glaubensverkündigung von Mensch zu Mensch und durch christliche Präsenz in der Gesellschaft.