Mission als gemeinsame europäische Aufgabe

Zwanzig Jahre Mauerfall: Beim Domforum Regensburg zieht Kardinal Erdö eine Bilanz der Wende

Regensburg (DT/pdr) Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist im Westen immer häufiger von der nahezu sprichwörtlichen Unzufriedenheit der Bevölkerung in den ehemaligen Ostblockländern die Rede. Freude und Bangen der späten achtziger und frühen neunziger Jahre sind vielerorts einer resignativen Stimmung gewichen.

Das sechste Regensburger Domforum setzte vergangene Woche in der Kathedrale St. Peter einen überzeugenden Gegenakzent. Als Gastredner zog Péter Kardinal Erdö, Erzbischof von Budapest, Primas von Ungarn und Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, vor mehr als 400 Gästen zum Thema „West und Ost – das ganze Europa“ eine ausgewogene und bestechend klare Bilanz der vergangenen zwanzig Jahre. Nicht die Völker hätten die Wende erkämpft, lautete Erdös bemerkenswerte These zum Auftakt des Abends. Abstriche an dem aus seiner Sicht nachvollziehbaren heroischen Bild von der verfolgten Kirche im Osten machte er deswegen nicht. Als überragendes Moment jener Zeit rückte der Erzbischof jedoch das Eingreifen Gottes in die Geschichte in den Vordergrund: „So groß ist die göttliche Vorsehung“. Das historische Geschehen beantworteten die Zeitgenossen allerdings jedoch nicht unbedingt mit mehr Gottvertrauen, sondern mit überzogenen Erwartungen an menschliche Institutionen: „Kaum jemand, der von den westlichen Demokratien nicht die Lösung aller oder fast aller Probleme erwartet hätte“.

Naivität gab es auch im Westen

Das Schema „Ost und West“ sei oberflächlich und zu politisch inspiriert gewesen, so Erdö. Die kulturelle Grenze zwischen den mitteleuropäischen Völkern lateinischer Kultur und der byzantinisch geprägten Bevölkerung Ost- und Südosteuropas stand nur wenigen westlichen Beobachtern klar vor Augen. Auch die Christen seien nicht frei von romantischen Vorstellungen gewesen. Erdö verwies auf die Begeisterung vieler West-Katholiken für byzantinische Spiritualität, Ikonenmalerei und die hohen Erwartungen an eine tiefe traditionelle Religiosität. Auch wenn letztere tatsächlich partiell vorhanden gewesen sei: In manchen Ländern„war die Säkularisierung sogar viel größer als im Westen“, stellte der ungarische Primas nüchtern fest. Auch heute verortet er im Osten „ein moralisches Vakuum“, weil „die vom Staat verordnete Säkularisierung noch nachwirkt“.

Die katholische Kirche sah von Anfang an die Chancen der Wende. Erdö erinnerte an Johannes Paul II., der mit Blick auf die Neuevangelisierung Europas einen „Austausch der Gaben“ zwischen beiden Teilen des Kontinents anregte. Diesem Wunsch stand Erdö zufolge nicht zuletzt das Selbstbewusstsein vieler osteuropäischen Katholiken entgegen. Geld aus dem Westen sei zwar willkommen gewesen, aber „in den Ländern, die nicht zur Sowjetunion gehörten, war die Vorstellung ziemlich weit verbreitet, dass unser kirchliches Leben irgendwie noch immer gesünder, also besser ist als die kirchliche Praxis der westlichen Länder“. An Nachrichten aus dem Westen über innerkirchliche Zerwürfnisse in der nachkonziliaren Zeit nahmen fromme Osteuropäer Anstoß. Christen, die Diskriminierungen und Demütigungen durch den ideologischen Gegner als Preis des Glaubens „für natürlich“ gehalten hatten, fürchteten nach der Wende das Spannungsfeld mit dem westlich geprägten Katholizismus. Oberflächlichkeit und Kalkül führten zu Missverständnissen: Bei Bekenntnissen gegenüber Katholiken aus dem Westen, man schätze deren Erfahrungen der Erneuerung der Kirche im Westen hoch, spielten nach Aussagen Erdös auch Unkenntnis und die Hoffnung auf weitere finanzielle Unterstützung eine Rolle. Die Gemeinschaften in der ehemaligen Sowjetunion und diejenigen, die in ihrer Heimat gänzlich verboten gewesen waren, nahm der Kardinal davon insofern aus, als sie bei Ausländern in die Schule gehen mussten, um ihre Glaubenspraxis wieder aufrichten zu können. Erdö verwies auf das Beispiel griechisch-katholischer Priester, die sich von einem italienischen Theologen in ihrer eigenen Liturgie unterrichten ließen.

Erfahren im Ausnahmezustand

Zu den wertvollen Erfahrungen der verfolgten Kirche zählte der Kardinal die Versuche, Ausnahmezustände rechtlich zu regeln: „Rechtsvermutungen, Dispensen oder Anwendung der allgemeinen Prinzipien des Kirchenrechts, die in schwierigen Situationen eine Lösung ermöglichten“. Die Neugestaltung der Diözesangrenzen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und die Neugründung von Bistümern und Kirchenprovinzen hätten die Lebenszentren der Menschen berücksichtigt: „In diesem Sinne hat die Kirche in Ost-Mitteleuropa die Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils viel gründlicher und konsequenter befolgt, als anderswo, wo Konkordate und gesellschaftliche Traditionen die Durchführung der pastoralen Sichtweise des Konzils nicht in solchem Umfang ermöglichten“, so Erdö wörtlich.

Als Stärken der Kirche im Westen bewertete er die Erfahrungen in Kultur, Wissenschaft und Organisationen, „gute und schlechten Entwicklunge seit dem letzten ökumenischen Konzil“ und insbesondere die geistlichen Bewegungen als „verbindende Kräfte des Kontinents. Das Christentum in Westeuropa habe dazu beigetragen, dass die Marktwirtschaft einen „stärkeren sozialen Charakter“ habe, der im Osten nicht existiere. Zu den „schönsten gemeinsamen Erfahrungen“ der europäischen Katholiken rechnet der Kardinal die Stadtmissionen. Wien, Paris, Lissabon, Budapest und Brüssel hätten die Großveranstaltungen nicht nur nacheinander organisiert, sondern viele Programmpunkte gemeinsam gemacht.

Lobende Wort fand der Kardinal für das Bistum Regensburg, das im Mai die erste Stadtmission in Deutschland veranstaltet hatte: „Es ist eine reale Möglichkeit, dass wir europaweit vieles gemeinsam tun und nicht nur gemeinsam besprechen“. Die Mission bleibe eine dringende Aufgabe. Dabei zähle die Stimme des Einzelnen. „Im Kommunismus haben wir erlebt, dass es auch anders sein kann.“