Mein junger Glaube im Alltag: Glaube braucht die Schönheit: Auch Gott hat Pausen gemacht: In der Welt, aber nicht von ihr

Von Joseph von Ketteler

Mein junger Glaube im Alltag: Wecke, was in sich erstarrt: Dieser Glaube ist mein Leben

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Vergangene Woche unterhielt ich mich mit einer Lehramtsstudentin. Ich wollte wissen, warum sie die Studienrichtung gewählt hat. Sie hielt mir gleich entgegen, dass katholische Religion oder gar Theologie nichts für sie gewesen wäre. Das verwunderte mich, da sie seit mehreren Jahren ganz aktiv in einem kirchlichen Verband mitarbeitet und dort sogar im Vorstand ist. Der ganze Goldschmuck und Reichtum der Kirche störe sie. Gott würde sich nie in eine prachtvolle Kirche hineinbegeben, war sie sich sicher.

Ich hielt ihr dann gleich entgegen, dass vielleicht ihre Vorstellung von Gott nicht die richtige ist. Zudem gab ich zu denken, dass ein Verkauf allen Reichtums und ein Einschmelzen allen Goldes die Armut in der Welt nicht auslöschen würde. Das verstand sie auch, nur wäre das Zeichen der Kirche dann eindeutiger, entgegnete sie. Ich wollte sie in ihrem Fragen nicht vor den Kopf stoßen, weshalb ich nicht näher auf die Konsequenzen für den kirchlichen Verband im Fall ihres finanziellen Ausstiegszenarios einging.

Stattdessen fragte ich, warum Menschen in der Geschichte überhaupt Kirchen gebaut haben. Sie wusste keine Antwort. Mir fielen spontan nur zwei Gründe ein: die bleibende Gegenwart Jesu in der Eucharistie und die Verehrung von Märtyrern. Mit beiden Gedanken hatte sie ihre Probleme. Damit sei aber, so sagte ich ihr, der Kern ihres Glaubens betroffen, der Goldschmuck sei dagegen nur vordergründig. Kirche, so ihre Antwort, sei für sie nur wegen der Gemeinschaft wichtig. Ich machte klar, dass diese sich von Jesus und letztlich aus der göttlichen Dreifaltigkeit begründet, die wir in der Eucharistie feiern. Wenig später war das Gespräch zu Ende.

Im Rückblick bin ich dankbar für den Heiligen Geist, den ich in der Gesprächsatmosphäre spüren konnte: Die Fragen, die mir „spontan“ geistgelenkt einfielen, die Tiefe und Ehrlichkeit des Gespräches und irgendwie auch die Lockerheit und Freiheit, die ich ihr ließ und sie auch mir. Ich hoffe und bete, dass der Heilige Geist sie weiter führt, so wie mich die Sache weiter begleitete. Einige Tage später sprach ich mit einer Freundin darüber.

Und sofort waren wir – obwohl ich auf dem Heimweg im Zug saß – ganz bei der Sache. Sie gab mir zu bedenken, dass niemand aus Kostengründen eine Sack Kartoffeln zum Geburtstag schenken würde, nur weil es praktisch ist und der Rest vom Geschenke-Geld an die Armen geht. Schenken ist ein Zeichen der Wertschätzung. Das blieb mir hängen. Seitdem gehe ich aufmerksamer durch Kirchen und versuche, mir die Ausschmückung wegzudenken. Immer wieder komme ich aber zum Schluss: Es würde etwas Entscheidendes im Glauben fehlen – etwas, was auch Kinder spüren, wenn sie einen solchen Raum betreten und Fragen stellen.

Wir Menschen brauchen Bilder voller Erhabenheit und Schönheit, weil sie uns letztlich zur Herrlichkeit Gottes führen. Gläubige wollen aber auch ihre Wertschätzung und Dankbarkeit vor Gott zum Ausdruck bringen, genauso wie sich liebende Menschen Schmuck schenken, der teuer und „nur“ schön ist. Wir brauchen also die Schönheit von Kirchen im Glauben. So Gott will, erkennt das auch die angehende Lehrerin noch.

Der Autor, 30, Schülerseelsorger im Bistum Fulda, verheiratet, drei Kinder

Die Schule hat wieder begonnen. Auf der letzten Etappe zum Abitur heißt es von Anfang an „Vollgas geben“. Die Lehrer beginnen mit vermeintlich harmloser Wiederholung und der Übergang zum neuen Stoff ist schnell und fließend. Referate und Hausaufgaben prasseln nur so auf uns ein. Oft stellt sich mir die Frage: wo soll ich nur anfangen? Woher kann ich mir die Zeit nehmen? Wie und wo genau muss ich nun die Prioritäten setzen? Abitur? Zu allgemein, denn jeder hat einen eigenen Weg und weiß es natürlich immer besser. Plötzlich wächst in einem das Gefühl von Überforderung. Für die volle Konzentration leider nicht wirklich hilfreich. Doch wie immer finden wir in Jesus einen Freund und Helfer. Direkt vor den Ferien lud er uns ein: „Kommt und ruht ein wenig aus.“ (Mk 6, 31). Also noch mal Zeit opfern?

Ganz im Gegenteil. Wir Menschen nehmen uns mittlerweile viel zu wenig Zeit für uns und unsere Mitmenschen. Gemeinsame Mahlzeiten und Gebete in der Familie sind leider die absolute Ausnahme. „Auch die Erholung ist vor Gott ein gutes Werk.“ Dieses Wort, das Don Bosco zugeschrieben wird, führt mir auch noch einmal vor Augen, dass sogar Gott selbst einen ganzen Tag lang geruht hat, nämlich am Sonntag und es für uns zum Gebot gemacht hat, sodass es in unseren Gesetzen verankert ist. Dennoch höre ich oft: „Das kann ich mir nicht leisten!“ oder „Ich muss jede Zeit nutzen!“. Der Grund ist schnell gefunden: „Die Anderen tun es auch nicht!“. Das ist allerdings bekanntermaßen einer der beliebtesten Sätze der Menschheit. Dann bleibt nur die Frage: „Wenn dein Freund aus dem Fenster springt, springst du dann auch hinterher?“

Der Autor, 18, besucht das Benediktinergymnasium in Ettal

Es gibt Orte und Gelegenheiten, an denen man nicht mit der Gegenwart eines katholischen Priesters rechnen würde. Schon gar nicht mit Priester- kragen erkennbar. Aber kürzlich habe ich auf einer Geburtstagsfeier einen Priester kennengelernt, der kein Problem damit hatte, unter hundert Jugendlichen als erkennbarer Priester aufzutreten und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Er erzählte mir von seinem Werdegang, von den Problemen und den Hoffnungen, die er in der Jugendarbeit erlebt hat und nicht zuletzt auch von der Lage der Kirche in Deutschland.

Was mir zuerst seltsam erschien, das habe ich auf den zweiten Blick als vorbildliches Handeln erkannt: Die Kirche kann sich nicht vor den Mittelpunkten des Lebens verstecken. Sie kann nicht nur versuchen, in den Kirchen und bei den Gottesdiensten auf Jugendliche und gerade auf ungläubige Menschen zuzugehen und sie für den Glauben zu begeistern. Sie darf sich nicht verstecken in einer heilen Welt, die es nicht gibt.

Vielmehr muss sie dort „missionieren“, wo Menschen zusammentreffen – auch wenn es die jugendliche Geburtstagsfeier ist. Wie er, so kann Kirche nicht mit der Welt leben. Sie darf sich nicht anbiedern und versuchen, so zu sein, wie alle anderen. Sie kann nicht „auf allen Hochzeiten tanzen“, muss aber versuchen, die Menschen gerade auf diesen „Hochzeiten“ anzusprechen und ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte zu haben. Sie muss in der Welt leben, weil sie nur in der Welt, zwischen den Menschen sozusagen, Frucht bringen kann. Ich denke, dass das ein gewaltiger Balanceakt ist: In der Welt zu sein, sich nicht in verkehrten und abgeschiedenen Dimensionen zu verstecken, trotzdem aber die Sprache der Menschen zu sprechen.

Es scheint so, als würden gegenwärtig viele Gläubige innerhalb unserer Kirche meinen, die Kirche könnte sich nur an die Menschen – gerade die Jugendlichen – wenden, wenn sie ihr eigentliches Wesen versteckt. Sie wollen Kirche attraktiv machen und übersehen, dass sich niemand von einer Kirche überzeugen lässt, die eine wandelbare Maske trägt. Gerade große Events wie der Weltjugendtag zeigen, dass Gebet und Eucharistiefeier auch junge Menschen begeistern können – wenn sie überzeugend wirkt.

Gerade das hat mich an dem Priester fasziniert, den ich kennenlernen durfte: Er war überzeugend. Jeder, mit dem er ein Gespräch führte, konnte vom ersten Augenblick an spüren, dass sein Einsatz und Engagement, sein Glaube und seine Überzeugung, keine aufgesetzte Maske, sondern tiefe Ehrlichkeit waren. Jeder wusste, dass die Offenheit des Gesprächs und die Ehrlichkeit seiner Worte nicht gewählt waren, um zu überzeugen, sondern aus Überzeugung gewählt waren.

Ich bin der Meinung, dass Kirche nur dann wieder jeden Einzelnen und so auch größere Massen überzeugen kann, wenn sie offen und ehrlich ist. Offen für andere Ansichten und Meinungen, Überzeugungen und Ideen. Aber sie muss auch ehrlich und ohne Verkleidung hinter ihrem zweitausend Jahre alten Glauben und hinter ihren gewachsenen Traditionen stehen.

Der Autor studiert ab Oktober Theologie in Regensburg