Mehr als exotische Aussteiger

Ein Buch gibt Einblicke in das Leben moderner Eremiten und radikaler Sinnsucher der Gegenwart. Von Barbara Wenz

An der Haustüre läutet der Postbote Sturm, das Telefon klingelt unaufhörlich, auf dem Handy pingt alle drei Minuten eine SMS ein und wir hetzen und jagen, um möglichst für alle erreichbar zu sein. Für Geschäftsleute, Manager und Firmeninhaber ist dies sogar existenziell notwendig – doch das Phänomen breitet sich in allen Schichten der Gesellschaft aus. Wer kennt ihn eigentlich nicht – den Gedanken, wenigstens für eine kurze Zeit dem Trubel und Lärm der Welt zu entfliehen: Auf eine einsame Südseeinsel, in eine Hütte im Gebirge, eine Kate im Wald, einen verlassenen Leuchtturm. Für zwei Wochen, einen Monat, ein Vierteljahr.

Viele Aussteiger auf Zeit sind recht schnell ernüchtert und kehren gerne wieder in die „Zivilisation“ zurück. Daneben gibt es auch heute noch Menschen, die sich, aus vielerlei Gründen, zu einem Eremitenleben auf Dauer berufen fühlen.

Ebba Hagenberg-Miliu hat sich in ihrem Buch mit über dreißig Einsiedlern und deren Lebensläufen, ihrer Motivation, ihrem Glück und ihren Schwierigkeiten mit dem Alleinsein befasst.

Es sind ganz unterschiedliche Charaktere, die in diesem Buch vorgestellt werden, darunter auch mittlerweile Verstorbene wie der Lebenskünstler Manfred Gnädinger. Sein tragischer Tod weist darauf hin, dass eine selbstgewählte Wüste, die auf den ersten Blick paradiesisch anmutet, zur tödlichen Falle werden kann.

Gnädinger lebte an der galizischen Küste in Camelle als Selbstversorger, Vegetarier und Bildhauer, der durch sein Freilichtmuseum ein kleines zusätzliches Einkommen erhielt: Seine Objekte aus natürlichen Werkstoffen wie angeschwemmtem Holz, Muscheln, flachgeschliffenen Felsen und Kieseln fügten sich harmonisch in die wildromantische Landschaft ein. Bis 2002 mit der Havarie des Öltankers „Prestige“ die galizische Küste verseucht wurde; betroffen waren auch Gnädingers Hütte, sein Gärtchen, seine Freiluftskulpturen.

Es war die bisher verheerendste Ölkatastrophe Europas: 64 000 Tonnen Öl verseuchten 2 900 km französische und spanische Küstenlinie – am schwersten traf es ausgerechnet jenen Streifen, an dem Gnädinger hauste. Einen Monat später fand man ihn tot in seiner Hütte – die Menschen von Camelle waren überzeugt, dass ihm dieses Unglück das Herz gebrochen hatte

Im Buch von Ebba Hagenberg-Miliu kommen noch weitere Lebenskünstler vor, denen ein weniger tragisches Schicksal beschieden war. Da ist Anthon Wagner, der in einem alten Schäferkarren auf der Schwäbischen Alb lebt und sich als Miniaturenmaler über Wasser hält, Gedichte schreibt und aus seiner Lebensform eine regelrechte Philosophie gemacht hat, die „Schäferkarren-Philosophie“. So lautet auch der Titel seines Buches.

Ein weiterer Eigenbrötler ist der Schweizer Christoph Trummer, der sogar Seminare für Manager gibt und in Talk-Shows auftritt; also durchaus noch Kontakt zur „Zivilisation“ hält.

„Christliche Einsiedler stehen ebenfalls

in einer sehr langen

Tradition“

Doch das Leben als Eremit hat seine Wurzeln weniger bei zeitgenössischer Lebenskunst oder einer philosophischen Komponente, sondern trägt seinen tiefsten Grund in der Spiritualität. Seit ein paar tausend Jahren schon zieht es indische Hindu-Asketen in Grotten oder Gebirgshöhlen.

Tatsächlich sind auch zwei deutsche Frauen in dem Buch vertreten, die jahrzehntelang in Indien ein solches Leben führten; eine davon, Rosa Schmitt, trat bereits 1959, im Alter von 23 Jahren, einem Shivaiten-Orden bei. Christliche Einsiedler stehen ebenfalls in einer sehr langen Tradition: Jesus Christus zog sich vor dem Beginn seines öffentlichen Wirkens vierzig Tag in die Wüste zurück, gemäß dem Vorbild der alttestamentarischen Propheten. Gottsucher in der Nachfolge Christi, die sich aus der Welt zurückziehen, sind aus allen Ländern bekannt, in die sich das Christentum ausbreitete.

Die modernen, vom christlichen Glauben geprägten Eremiten, die Hagenberg-Miliu mehrheitlich in ihrem Buch vorstellt, sind, sofern es sich um Katholiken handelt, Ordensangehörige oder, seit 1983, auch sogenannte Diözesaneremiten. Damals wurde im CIC 603 der römisch-katholischen Kirche ausdrücklich eine Möglichkeit geschaffen, um Berufenen, die nicht einem Orden angehören, diese Lebensweise zu ermöglichen. Sie unterstellen sich mit einem Gelübde oder einer „anderen heiligen Bindung“ direkt ihrem Bischof.

Beide Ausprägungen können ihre eigenen Schwierigkeiten bergen: Manche der Einsiedler, die im Buch vorgestellt werden, mussten bei ihren Oberen hartnäckig um eine Erlaubnis für diese Lebensform kämpfen. Als Ordensleute werden sie, auch materiell, von ihrer Gemeinschaft weitergetragen, während ein Diözesaneremit in puncto Lebensunterhalt, insbesondere wenn er sich nicht selbst im Garten versorgen kann, öfter mit finanziell prekären Situationen umgehen muss.

„Zähes jahrzehntelanges Ringen um seine

Berufung innerhalb

eines Ordens“

Das Buch ist sinnreich in Überkapitel gegliedert, welche die Titel „Der Aufbruch“, „Der Weg“, „Die Durststrecken“ und „Das Ziel“ tragen. Damit sind schon die wesentlichen Etappen eines Einsiedlerlebens umrissen, und die sehen für jede der dreiunddreißig vorgestellten Persönlichkeiten anders aus. Der Aufbruch kann für den einen zähes jahrzehntelanges Ringen um seine Berufung innerhalb eines Ordens sein, für den anderen ergab er sich spontan nach einem Leben ganz ohne Gott und der plötzlichen Anrührung durch ein unvermutetes spirituelles Erlebnis. Bei wieder anderen ging eine dramatische, fast vollständige Existenzvernichtung mit einher.

Der Weg ist nicht immer leicht, und die Durststrecken, von denen erfahrene Einsiedler berichten, sind zum Teil erschütternd. Immer wieder betonen vor allem die Angehörigen der katholischen Kirche, wie bestimmend doch das Stundengebet sei, um den Tag zu strukturieren und Kraft zu schöpfen. Wie wertvoll der regelmäßige Zugang zu den Sakramenten sei, um stets in der Herzmitte dessen zu bleiben, der sie zu diesem Leben berufen hat.

Das Material, das Hagenberg-Miliu zusammengetragen hat, lässt die vielfältigen Facetten der jeweiligen Charaktere aufleuchten. Gerade bei den Zeugnissen der christlichen beziehungsweise katholischen Einsiedler wird in der vollen Bandbreite klar, was die Aussage des Kanons 136 in Fleisch und Blut gelebt bedeutet: „In schweigendem Hinhören auf Gott wird er zu einer tieferen Verbundenheit mit Christus, der Kirche und den Menschen geführt. Das Gebet des Eremiten ist stellvertretendes Gebet, damit alle gerettet werden (1 Tim 2, 4). Dafür betet, kämpft und leidet der Eremit, und dadurch wird in seiner Lebensform deutlich, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zusammengehören.“

Das Buch ist nicht nur für jene interessant, die vielleicht eine Berufung zu dieser Lebensform verspüren, aber sich noch nicht im Klaren darüber sind, worauf sie sich damit einlassen, sondern auch für alle, die abseits des Klischees mehr darüber erfahren wollen, wie sich das Leben von Einsiedlern konkret gestaltet

Ebba Hagenberg-Miliu: Allein ist auch genug. Wie moderne Eremiten leben. Gütersloher Verlagshaus 2013,

ISBN: 978-3-579-06588-5, EUR 19,99