Mehr als eine Legende

Zum Gedenktag des heiligen Märtyrers Georg am 23. April

Die Reform des Heiligenkalenders in Zusammenhang mit der Liturgiereform hätte den heiligen Georg ebenso wie den heiligen Christopherus fast aus dem allgemeinen Gedenken gestrichen. Vielen anderen Heiligen, von denen historisch wenig bekannt ist, ist es so ergangen. Dennoch begehen wir am 23. April nicht nur den „Tag des Buches“ und den „Tag des Bieres“, sondern auch den Gedenktag des heiligen Georg. Ist aber der heilige Georg, der gewöhnlich als Drachentöter dargestellt wird, lediglich eine legendäre Gestalt?

Eusebius von Caeserea (260–339) berichtet ausführlich über die Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian im Jahr 303/304. Deren erster Märtyrer soll Georg gewesen sein. Wenn man in Betracht zieht, dass „ho georgos“ (griechisch) „der Bauer“ heißt, scheint es äußerst realistisch, dass dieser Märtyrer ein zum Militärdienst verpflichteter ehemaliger Bauer ist. Ferner spricht die sehr frühe und stark verbreitete Verehrung dieses Heiligen für die Historizität.

Doch der Grund, warum eine nüchtern-rationalistische Epoche mit dem heiligen Georg nichts mehr anfangen konnte, war seine untrennbare Verbindung mit dem Drachen, also einem Tier, das für gewöhnlich nur in Märchen vorzukommen pflegt. Ein solches Reptil, das die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt hat, soll der Soldat Georg getötet haben. Mit Sicherheit ist der Drachenkampf ein altes Symbol für den Kampf zwischen Gut und Böse und die 55 Drachenkämpferheiligen der Kirche können allegorisch gedeutet werden.

Aber es könnte doch noch mehr dran sein an dem Kampf mit dem Drachen, der von jeher die Ikonen sowie andere Darstellungen dieses Heiligen ziert. In Kleinasien, der Heimat Georgs, sowie in Palästina und Nordafrika gab es bis vor etwa 2000 Jahren Riesenechsen, die systematisch ausgerottet wurden. Die Befreiung von diesen Reptilien blieb bei der Bevölkerung jedoch noch lange in dankbarer Erinnerung. Über diese Tiere schreibt auch Boris Rothemund, einer der anerkanntesten deutschen Ikonen-Experten: „Die Auffassung der Wissenschaftler war lange Zeit, dass solche urzeitlichen Lebewesen ausgestorben seien. Jedoch gab es im 19. Jahrhundert immer wieder Berichte von Riesenechsen, welche auf ostasiatischen Inseln noch zu sehen waren.(...) Als feststand, dass der Komododrache, welcher früher als ausgestorben galt, doch noch existierte, wurde er unter Artenschutz gestellt und lebt jetzt, sogar relativ zahlreich, in einem Nationalpark auf der Insel Komodo.“ Ebenso kommt dieser Drache auf einigen indonesischen Inseln noch vor. Rothemund weist darauf hin, dass die meisten Drachendarstellungen auf Ikonen dem Komododrachen ähnlich sehen, der sechzig scharfe Zähne und eine lange, gespaltene Zunge hat und bis zu drei Metern lang und hundert Kilo schwer werden kann.

Im Juni 2007 brachten verschiedene Zeitungen die folgende Pressemeldung der dpa: „Bub von Drachen zerfleischt: Ein gefräßiger Komododrache hat in Indonesien einen kleinen Jungen angegriffen und zerfleischt. Das Tier, ein seltenes Exemplar der größten noch lebenden Echsen der Welt, überraschte den neunjährigen Mazur, als er auf der Insel Komodo kurz „in die Büsche“ gegangen war. Wie die Zeitung Kompas berichtete, schrie der Junge laut auf und alarmierte damit Erwachsene, die das Tier mit Steinen attackierten. Es ließ zwar von seinem Opfer ab, doch die Bissverletzungen waren tödlich.“

Der heilige Georg ist gewiss mehr als eine legendäre Gestalt. Er ist ein ehemaliger Bauer, der zum Soldaten und zum Märtyrer in der Diokletianischen Christenverfolgung geworden ist. Könnte es nicht auch sein, dass er auf Bitten der Bevölkerung eine schreckenverbreitende Echse getötet hat? Die nachhaltige Verehrung dieses Heiligen bis heute könnten dadurch erklärt werden.