Mehr als eine Kräuterkundige

Hildegard Strickerschmidt gelingt ein facettenreiches Porträt der heiligen Hildegard von Bingen. Von Klaus-Peter Vosen

Magistra Jutta von Sponheim nimmt die achtjährige Hildegard mit offenen Armen in Empfang: Kirchenfenster von B. Kraus in Bingen-Dietersheim (1911/12). Foto: KNA
Magistra Jutta von Sponheim nimmt die achtjährige Hildegard mit offenen Armen in Empfang: Kirchenfenster von B. Kraus in... Foto: KNA

Wer heute den Disibodenberg, in der Nähe des Zusammenfluss von Nahe und Glan gelegen, über grüne Wiesen und Felder hinaufsteigt, der sieht sich am Ziel seiner Wanderung in einem fast märchenhaft anmutenden Szenario aus Mauerresten und Trümmern. Fast verwundert es am Ende eines Sommers, dass das wuchernde Grün unter hohen Bäumen die alten Steine nicht völlig überwachsen hat. Aber diese Überreste werden wohl sorglich geschützt vor den Übergriffen der Natur, damit sie wenigstens grundrisshaft die Lage des einstmals bedeutenden Benediktinerklosters andeuten, das sich einst dort befand. Nichts lässt darauf schließen, dass in einer Klause bei diesem Kloster der geistliche Weg der heiligen Hildegard begann, die hier als Achtjährige in die Obhut Juttas von Sponheim gegeben wurde.

Seit geraumer Zeit erlebt man eine Hildegard-Renaissance in ihrem Geburtsland. Die Heilige, die für das Jahrhundert, in dem sie lebte, ein hohes Alter erreichte – sie lebte von 1098 bis 1179 – wird vor allem als kräuterkundige „Heilerin“ in den Blick genommen. Zwar besaß sie über die Kräfte der Natur bedeutende Kenntnisse, anderer-seits geht ihre Relevanz weit darüber hinaus. Sie ist eine Prophetin und Mystikerin von säkularer Bedeutung. In der Verkündigung kommt es darauf an, die Neugier, die Hildegard in ihrer Eigenschaft als Heilkundiger entgegengebracht wird („Hildegard-Medizin“) positiv aufzugreifen, den an ihr Interessierten dann aber den Blick für die umfassendere Dimension dieser Heiligen-Persönlichkeit zu öffnen. Dies muss mit Kenntnis und Geschick geschehen, damit man nicht beim Adressaten die Antwort erntet, die einst Paulus zuteil wurde, als er auf dem Areopag in Athen über die Auferstehung zu sprechen begann: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören!“ (Apg 17, 32).

Hildegard Strickerschmidt hat ihrer Namenspatronin ein „spirituelles Lesebuch“ gewidmet, das über die „Heilerin“ hinaus auch die Mystikerin und Prophetin beleuchtet. Das Buch bietet den Vorteil, dass Hildegard selbst immer wieder zu Wort kommt. Die Autorin stellt uns die Heilige des zwölften Jahrhunderts als Frau mit der „Gabe der inneren Schau“ vor, die von sich sagen konnte: „Von meiner Kindheit an, als meine Knochen, Nerven und Adern noch nicht erstarkt waren, bis heute habe ich diese Schau in meiner Seele … und mein Geist steigt, je nachdem, wie Gott es will, in die-ser Schau bis zur Höhe des Firmaments empor.“ Hildegard war eine Begnadete, der die Verfasserin überzeugend völlige geistige und seelische Gesundheit attestieren kann, gerade wegen der besonderen Art von deren Schauungen: „Im Gegensatz zu Hildegards Visionen kreisen die Halluzinationen von psychisch oder geistig Kranken immer nur um die eigene Person, wogegen Hildegard als Person in ihren Visionen nie erscheint. Sie schaut immer die Geheimnisse Gottes, des Menschen und der Welt.“ Ein Leben lang war sie hineingetaucht in das Gottesgeheimnis, das sie als überwältigendes Faszinosum „als das Licht, das Leben und die Liebe“ wahrnahm (ebd.). Von hierher wurde Hildegard zur Prophetin, gegen ihren eigenen Willen, von Gott geradezu gezwungen, den Menschen die frohmachende Kunde von ihm als Retter zu bringen und sie so zur Bekehrung herauszurufen. Zutiefst geht es Gott um den Menschen, weshalb Strickerschmidt die Heilige als „die menschliche Frau“ apostrophieren kann. An Abt Kuno von Disibodenberg lässt Hildegard Gott sprechen: „Du schlägst mir ins Gesicht, wenn du die Menschen mit ihren Wunden zurückstößt und nicht auf mich achtest, wo ich doch die Verirrten auf meinen Schultern zurücktrage.“ Gerade an dieser Stelle wird die Relevanz Hildegards auch für eine Kirche deutlich, die sich zur Stunde, im Pontifikat von Papst Franziskus und angesichts einer bedrängenden Flüchtlingsproblematik, in besonderer Weise zu sozialem Engagement gerufen fühlt. „In der Kirche“, so sagt Strickerschmidt unter Bezugnahme auf Hildegard, „hat die Frau eine wichtige Aufgabe als Mahnerin zur Menschlichkeit.“

Hildegard ist die Prophetin, die den Repräsentanten der Kirche immer wieder ins Gedächtnis ruft, sich auf den Spuren ihres Gottes in den Dienst der Menschen zu stellen, nicht nur in sozialer Hinsicht, sondern auch in der Sorge um deren ewiges Heil. Mutig tritt sie vor das kirchliche Leitungspersonal und sagt, was sie zu sagen hat, geißelt Missstände, ist wirklich Sachwalterin des Himmels, obwohl sie sich selber oft krank und schwach fühlte, eine sensible Persönlichkeit, an der sich die Geister schieden. Obwohl sie ihren Adressaten nichts schenkte, haben sie Päpste, Bischöfe, Kaiser, jene, die ihre Verantwortung für Gottes Reich ernst nahmen, hochgeschätzt und als Ratgeberin konsultiert. 1147 erkannte Papst Eugen III. die Echtheit ihrer Sehergabe an.

Sehr überzeugend stellt Strickerschmidt übrigens den Zusammenhang der „heilen-den“ mit der „prophetisch-verkündenden“ und „mystischen“ heiligen Hildegard dar: „Hildegard sieht Gott immer als Licht, Liebe und Leben“, dem Leben dient sie durch Verkündigung, Gott ist aber auch „der Ursprung allen Lebens, aller grünen Lebens-kraft“, die sie als Heilerin aufgrund wirklicher Intuition für ihre Brüder und Schwestern ganzheitlich, Leib und Seele umfassend, gleichsam aufdeckt.

Diese „spirituelle Lesebuch“ liest man mit geistlichem Gewinn. Es verbindet profunde Information, gründliche und liebevolle Kenntnis von Persönlichkeit und Werk der Heiligen mit hervorragender Lesbarkeit und ansprechender Gestaltung. Die vielen Hildegard-Zitate bewirken Lebendigkeit und Frische.

Papst Benedikt XVI., der Hildegard von Bingen als zweite Deutsche und als erste deutsche Frau zur Kirchenlehrerin erhob, hat noch als Kardinal geschrieben: „Heute steht Hildegard in ihrer ganzen kühnen Universalität vor uns. Wir fühlen uns angesprochen durch ihre liebevolle Zuwendung zu den heilenden Kräften der Schöpfung wie durch ihre vielseitige künstlerische Begabung, vor allem aber durch ihre eindringliche Glaubensverkündigung; sie ist uns daher nahe als eine Frau, die Christus in seiner Kirche liebte, aber nichts von Weltfremdheit oder Ängstlichkeit zeigt, sondern gerade von ihrer Berührung mit dem Geheimnis Gottes her ihrer Zeit das rechte Wort furchtlos und frei zu sagen vermochte. In der Krise des Menschenbildes, die wir durchschreiten, hat Hildegard Wesentliches zu sagen.“ Diese Einschätzung des emeritierten Papstes wird mit der Lektüre von Strickerschmidts Werk vollkommen verständlich.

Hildegard Strickerschmidt: Hildegard von Bingen – Prophetin, Mystikerin, Heilerin. St. Benno-Verlag GmbH, Leipzig, ISBN 978-3-7462-3782-4, 158 Seiten, EUR 5,–