Mediterrane Glaubensfreude in Berlin

Der Neokatechumenale Weg feiert das vierzigjährige Bestehen in Berlin - mit geistlichem und kulturellem Programm. Von Josef Bordat

Der Neokatechumenale Weg unterstützt die Seelsorge im Erzbistum Berlin
Weit offen sind die Arme des Berliner Erzbischofs Heiner Koch. Der Neokatechumenale Weg unterstützt die Seelsorge im Erzbistum. Links: Der Madrider Kardinal Antonio María Rouco Varela. Foto: Neokatechumenaler Weg
Der Neokatechumenale Weg unterstützt die Seelsorge im Erzbistum Berlin
Weit offen sind die Arme des Berliner Erzbischofs Heiner Koch. Der Neokatechumenale Weg unterstützt die Seelsorge im Erz... Foto: Neokatechumenaler Weg

Es kann einem schon manches spanisch vorkommen, im Gottesdienst des Neokatechumenalen Weges: Gitarre statt Orgel, sehr eng an der Bibel orientierte Liedtexte, der Friedensgruß an ungewohnter Stelle, die Kommunion unter beiderlei Gestalt. So geschehen im Dankgottesdienst zum 40-jährigen Bestehen der Gemeinschaft in Berlin am Samstag. Doch die Gewöhnung an die liturgischen Varianten fällt nicht schwer, wenn sie in so großer Würde dargebracht den Charakter der Eucharistiefeier als Sakrament unterstreichen.

Erzbischof Heiner Koch als Hauptzelebrant – Konzelebranten sind unter anderem Antonio María Kardinal Rouco Varela, der emeritierte Erzbischof von Madrid, und Berlins Weihbischof Matthias Heinrich – spielt ein wenig mit der biblischen Zahl vierzig. Nach drei Jahren Hirtenamt in Berlin weiß er, wie schwer es ist, Christliches in die Gesellschaft zu tragen. „Vierzig Jahre ging das Volk Israel durch die Wüste – und kam dann ins Gelobte Land.“ Die Gemeinde in der überfüllten St. Hedwigs-Kathedrale erkennt die leise Ironie – und lacht. Die Bischofskirche erlebt kurz vor ihrer temporären Schließung aufgrund von Umbaumaßnahmen noch einmal ein ganz großes Fest des Glaubens.

Diesen Glauben zu den Menschen zu bringen, in unverfälschter Botschaft, das sei, so der Erzbischof in der Predigt, der dankenswerte Beitrag des Neokatechumenalen Weges. Auf die Frage Gottes „Wo bist du?“ an Adam im Buch Genesis müsse zunächst jeder Einzelne antworten, bevor es an die Weitergabe der Botschaft gehe. Diese solle so vermittelt werden, dass die Menschen sie auch verstehen können, damit sie sich „aus dem Versteck“ herauswagen. In Berlin Familie sein – gerade auch mit den fremden Berlinern – und ihnen die Perspektive zeigen, die das Christentum für den Menschen bietet: „Heimat im Himmel“.

Es wurde viel gesungen, geklatscht, getanzt – auch nach dem Gottesdienst. Der Platz vor der Kathedrale wirkte – auch Dank des makellosen Sommerwetters – für eine halbe Stunde sehr mediterran. Auffallend viele junge Familien feiern das Jubiläum ihrer Gemeinschaft mit, die in Berlin auch in vierzig „Wüstenjahren“ schon die eine oder andere Oase geschaffen hat. In vielen Pfarreien gibt es Gruppen, die zu Beginn des Gottesdienstes einzeln vorgestellt wurden. Insgesamt ist der „Weg“ in der deutschen Hauptstadt mit fünfzehn Gemeinschaften in acht Pfarreien vertreten. Hinzu kommt das diözesane Priesterseminar „Redemptoris Mater“ in Berlin-Biesdorf, aus dem bislang 36 Priester und drei Diakone für die Erzdiözese hervorgegangen sind.

Kulinarisch führt der Weg an diesem Abend wieder nach Spanien: Beim Empfang im Bernhard-Lichtenberg-Haus wird Riojawein ausgeschenkt und es gibt Tapas mit Serrano-Schinken und Mini-Chorizos. In der Tat: Die Gitarrenklänge im Gottesdienst, die ausgelassene Stimmung, das Buffet – alles erinnerte an den Ursprung der Gemeinschaft in Spanien.

Der Neokatechumenale Weg ist ein pastoraler Aufbruch innerhalb der katholischen Kirche, der im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils in Madrid entstand. Gegründet hat den Neokatechumenalen Weg der 1939 geborene spanische Künstler Kiko Argüello, der ursprünglich erfolgreich als Maler tätig war. Kiko Argüello erfährt nach einer tiefen existenziellen Krise eine Bekehrung, die ihn dazu führt, sein ganzes Leben Christus und der Kirche zu widmen. Er zieht 1964 in ein Armenviertel der spanischen Hauptstadt Madrid, um in den Baracken den Menschen zu dienen. Dort stieß die Chemikerin Carmen Hernandez zu ihm.

Um die beiden Initiatoren des neuen Weges entstand die erste Gemeinschaft, die sich zu Wortliturgien und Eucharistiefeiern traf. 1968 gingen Argüello und Hernandez nach Rom und die erste römische Neokatechumenale Gemeinschaft entstand. Der Neokatechumenale Weg ist heute, nachdem dessen Statuten 2008 endgültig approbiert wurden, ein anerkanntes Charisma der Katholischen Kirche und ein Grundpfeiler der Neuevangelisierung. Papst Franziskus würdigte den Neokatechumenalen Weg zuletzt am 5. Mai, anlässlich einer Feier mit 150 000 Mitgliedern des „Weges“ in Rom, mit den Worten: „Euer Charisma ist ein großes Geschenk Gottes für die Kirche.“

Kiko Argüello ist nach wie vor künstlerisch tätig. Er gestaltet die Kapellen der Seminare und Einrichtungen des Neokatechumenalen Weges und schreibt Bücher. Sein zweites Buch mit dem Titel „Anotaciones“ (zu deutsch. „Notizen“) wurde am folgenden Tag in der Katholischen Akademie in Berlins wilder Mitte von Kardinal Rouco Varela gemeinsam mit dem Autor vorgestellt. Das Buch enthält Gedanken, Reflexionen und Gebete aus den Jahren 1988–2014 und ist wie sein erstes Werk („Das Kerygma“, 2013), in dem Argüello die Anfänge des „Weges“ in den Baracken von Madrid in den 1960er Jahren beschreibt, im eos-Verlag erschienen.

Eine Einordnung des neuen Werks fällt nicht leicht – Kardinal Rouco Varela entscheidet sich in seiner Vorstellung für „Bekenntnisschrift“. Zugleich ist es die Erzählung einer Reise durch die Welt und ins Innere Kiko Argüellos, einschließlich der Schattenseiten des Lebens eines Gemeinschaftsgründers heute: Anfeindungen und Verleumdungen. Trotz allem bereitet er dem Neokatechumenat den Weg.

Seit 40 Jahren gehen Menschen in Berlin diesen Weg mit. 40 Jahre – eine biblische Zeitspanne, die gebührend zu feiern ist. Und der Neokatechumenale Weg zeigte sich in Partylaune. Doch Gottesdienst, Empfang, Buchvorstellung – die Veranstaltungen sind in erster Linie ein Akt des Dankes, wie ihn auch Erzbischof Koch zum Ausdruck brachte: „Ich danke Ihnen für den Weg, den wir miteinander gehen. Gehen wir diesen Weg weiter.“