„Manchmal komme ich mir vor, als sei ich Bischof von Absurdistan“

Predigt von Bischof Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg, in der Schlussandacht der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda am 23. September 2010

Am 27. September 1990, also vor fast genau zwanzig Jahren – alle Bischöfe aus der noch bestehenden DDR waren erstmals hier in Fulda bei einer Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz mit dabei – gab deren Vorsitzender, Bischof Karl Lehmann, am Beginn der Schlussandacht bekannt: „Wir haben zusammen einen Antrag der Berliner Bischofskonferenz zur Kenntnis genommen, dass die Berliner Bischofskonferenz aufgelöst wird ... und künftig wieder eine einzige Deutsche Bischofskonferenz sein wird. Wir Bischöfe in der Deutschen Bischofskonferenz haben dies einstimmig und nachdrücklich von Herzen begrüßt.“ Und am Ende der Schlussandacht konnte er noch hinzufügen: „Soeben ist uns von Rom mitgeteilt worden, dass der Heilige Vater (davon) positiv Kenntnis genommen hat ... Wir werden noch unsere Statuten und unsere Satzungen, die wir bereits beschlossen haben, nachreichen und dürfen dann bald und rasch mit einer formellen Genehmigung rechnen. Ich ... danke dem Heiligen Vater, dass er uns noch vor dem 3. Oktober, dem Tag der Einheit Deutschlands, es ermöglicht hat, dies hier mitzuteilen.“

Damit war die Einheit der katholischen Kirche in Deutschland gewissermaßen schon vor dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zustande gekommen. Nunmehr aber drängte es, sie und den gesamten deutschen Vereinigungsprozess weiter zu gestalten und mit Leben zu erfüllen. Treffend – für Enthusiasten damals freilich zu nüchtern – bemerkte Bischof Karl Lehmann beim Ökumenischen Gottesdienst am 3. Oktober 1990 in Berlin dazu: „Wir brauchen ein neues Denken und Fühlen, um uns wirklich wechselseitig anzunehmen.“

Inzwischen sind schon wieder zwei Jahrzehnte vergangen. Dramatische Entwicklungen liegen hinter uns, mit großartigen Erfolgen, aber auch maßlosen Enttäuschungen. Einerseits erfüllt wohl die meisten immer noch Freude und Dankbarkeit, ist selbstverständlich zusammengewachsen, was willkürlich getrennt war, halten sich Solidarität und gegenseitiges Interesse; andererseits bleibt vieles kritisch anzufragen, erscheint die „Freiheit grauer als der Traum von ihr“, gelingt es zwischen Ost und West nicht immer, sich wirklich zu verstehen oder verständlich zu machen.

Inmitten dieser spannungsreichen Erfahrungen hören wir Paulus heute im Brief an die Römer (12,2) sagen: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist, was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ Was könnte das aus ostdeutscher Perspektive bedeuten, vor allem auf dem Hintergrund dessen, was wir „DDR-Katholiken“ mit in die deutsche Einheit eingebracht und was wir seitdem erlebt haben?

„widerständig“

Im Wort der Berliner Bischofskonferenz vom 18. September 1990 zur deutschen Wiedervereinigung hieß es dazu: „Wir haben versucht, an Gott und seiner Kirche in einer atheistischen Gesellschaft festzuhalten. Viele von uns haben Nachteile um des Glaubens willen auf sich genommen. Wir bringen mit unsere ökumenischen Erfahrungen, die uns als Christen in der Bedrängnis und Anfechtung geschenkt wurden.“ Tatsächlich galt es für bewusste Christen, mehr oder weniger widerständig zu sein, sich nicht der herrschenden Ideologie anzupassen und mit der Masse mitzuschwimmen. Eine solche Herausforderung brachte sowohl Gefahren als auch Chancen mit sich. Viele hatten nicht die Kraft und den Mut, lange dem marxistisch-leninistischen Druck zu widerstehen; sie sind aus der Kirche ausgetreten oder haben sie lautlos verlassen. Andere sind dadurch in ihrem christlichen Glauben und ihrer Treue zur Kirche gewachsen.

Und wie ergeht es uns heutzutage? Zahlreiche Erfahrungen mit unserer modernen Gesellschaft legen den Eindruck nahe: In diktatorischen Zeiten kann es manchmal leichter sein, sich deutlich beziehungsweise eindeutiger zu Jesus Christus und seiner Kirche zu bekennen. Schwieriger wird es da schon, wenn uns inmitten einer nicht mehr überschaubaren Meinungsvielfalt Gleichgültigkeit entgegenweht oder wir der Täuschung erliegen, es reiche für uns, nette und freundliche Menschen zu sein, sich eher mit der Welt zu arrangieren als ihr immer wieder auch den kritischen Spiegel christlicher Wahrheiten vor Augen zu halten.

Sich der Welt nicht anzugleichen, bedeutet für Paulus in erster Linie aber, sich selbst wandeln zu lassen und immer wieder zu prüfen, was Gott gefällt und für uns Menschen heilsam ist. Manche – so mein Eindruck – folgern daraus freilich, sich abkapseln und einschließen zu müssen. Dagegen war schon in einem ostdeutschen Predigtbuch von 1978 zu lesen: „Der Rückzug ins Getto ist verbunden mit der Ausrufung des Verteidigungszustandes für die angeblich reine, unverfälschte Lehre. Wer nicht mit ins Getto will, wer weiterhin prüfen will, wird zum Ketzer erklärt ... Die Frage nach Identität zwingt, alles in Paragrafen niederzulegen. Man gerät über ... Nebensächlichkeiten in Streit. Die wenigen noch vorhandenen Kräfte werden von innerbetrieblichen Querelen aufgezehrt.“

Und Kardinal Julius Döpfner warnte schon zuvor: „Christliches Selbstbewusstsein, das sich in pharisäischer Überheblichkeit und in der Verurteilung der ,bösen Welt‘ äußert, ist ein Zerrbild christlicher Berufung.“ Ohne Zweifel brauchen wir als Kirche und als einzelne Christen Profil, sollten wir erkennbar und selbstbewusst auftreten, gewissermaßen – wie es im Italienischen heißt – „al dente“, „mit Biss“, aber nicht bissig, zwischen Weltvergötzung und Weltverachtung, zwischen Weltsucht und Weltflucht, als solche, die in Freiheit Verantwortung übernehmen und sich selbst zur Ehre Gottes als lebendiges Opfer einbringen. Dazu gehört es auch, trotz mancher zwischenkirchlichen Spannungen ökumenisch nicht zu resignieren, sondern die Einheit der Christen weiter voranzutreiben: beharrlich und fair, nüchtern und hoffnungsvoll, mutig und kreativ, mit Herz und Verstand.

„freiheitlich“

„Du hast uns in die Freiheit hinausgeführt.“ In diesen Worten aus Psalm 66 kommt auch zum Ausdruck, was viele Christen vor zwanzig Jahren dachten, als die innerdeutsche Mauer gefallen war und die politischen Verhältnisse sich radikal veränderten. „Du hast uns in die Freiheit hinausgeführt.“ Als glaubende und getaufte Menschen – so verkündet uns Paulus – sind wir durch Christus grundsätzlich sogar von der Sünde (Röm 6, 18–23), vom Gesetz (7, 3 f) und vom Tod (6, 21) befreit. Wir sind wer! Gott hat uns nicht gnadenlos festgelegt oder eine Sklavenseele eingehaucht; wir sind keine Marionetten, sondern sein Ebenbild, zur Freiheit berufen und befähigt. „Du hast uns in die Freiheit hinausgeführt.“ Das gilt entsprechend von der Gemeinschaft, der wir als Christen angehören: der Kirche. „Wo der Geist“ Jesu Christi „wirkt“ – so sagt Paulus – „da ist Freiheit“ (2 Kor 3, 17b). Dabei versteht Kirche sich nicht nur als eine Hüterin menschlicher Freiheitsrechte, sondern auch selbst als eine Wirklichkeit, in der man der eigentlichen, wahren und letzten Freiheit begegnen kann. Und so haben viele in der DDR Kirche immer wieder als einen Zufluchtsort erfahren, an dem es möglich war, sich freimütig auszutauschen, in seinem Gewissen ernst genommen und in seiner Würde bestärkt zu werden. „Kirche“ – so schrieb kurz nach der Wende der ostdeutsche Theologe Franz-Georg Friemel – „war eine Stätte der Freiheit, des freien Wortes, sie war eine Gegenwelt zum verordneten Sozialismus ... Sie war ein Schutzraum für das Menschliche.“

Keine Frage, so ideal erschien Kirche auch damals bei uns nicht immer und überall. Aber heute bedrückt es mich, wenn der Eindruck stärker wird, Kirche sei auch nur eine Ideologie: ein geschlossenes System mit „Wagenburgmentalität“ und sektiererischen Zügen oder ein „Allerwelts-Tummelplatz“ von Willkür und Beliebigkeit. Kleinkarierte Machtkämpfe finden statt. Viele beanspruchen rigoros, im Recht zu sein. Fronten verhärten sich. Den einen ist man zu links, den anderen zu rechts. Manche fordern zu härterem Durchgreifen auf, einige dagegen sehen notwendige Entscheidungen schon als autoritär an. Auch boshafte Unterstellungen und ehrenrührige Verdächtigungen sind darunter. Wenn ich alles bedenke, was mich inzwischen aus Deutschland und darüber hinaus erreicht, komme ich mir manchmal vor, als sei ich Bischof „von Absurdistan“.

Sind das aber nicht genau die engstirnigen Methoden dieser Welt, die wir Christen meiden sollten? Worin unterscheiden wir uns dann noch von den anderen, wenn wir genauso wie sie agieren? Paulus hingegen regt uns an, geistvoller mit dem göttlichen Geschenk der Freiheit umzugehen. Selbstverständlich gibt es unter uns unterschiedliche Gaben, Auffassungen und Dienste. Als Glieder des Leibes Christi aber gehören wir zusammen. Und darum hält er für wichtig: „Strebt nicht über das hinaus, was euch zukommt, sondern strebt danach, besonnen zu sein ... Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ Das muss man sich einmal angesichts mancher erbitterter und gehässiger Auseinandersetzungen auf der Zunge zergehen lassen! Aber nur so kann Kirche wahrhaft als Raum göttlicher Freiheit erfahren werden. Sich nicht dieser Welt anzugleichen, heißt darum auch weiterhin, mit allen Kräften um den Geist Christi zu ringen und wenigstens achtungs-, wenn nicht gar liebevoll miteinander umzugehen. Konstruktive Gespräche sind vonnöten, Mut und Barmherzigkeit, ein weiter Horizont und eine geistliche Tiefe.

„hoffnungsvoll“

Und was könnte es noch bedeuten, sich nicht von der Welt gefangennehmen zu lassen, sondern aus Gottes Geist zu leben? „Wir wagen den Aufbruch“, so wurde es vor einigen Jahren im Bistum Magdeburg formuliert: „Wir wollen eine Kirche sein, die sich nicht selbst genügt, sondern die allen Menschen Anteil an der Hoffnung gibt, die uns in Jesus Christus geschenkt ist. Seine Botschaft verheißt den Menschen ,das Leben in Fülle‘, auch dann, wenn die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Deshalb“ – so heißt es schließlich noch – „nehmen wir die Herausforderung an, in unserer Diasporasituation eine missionarische Kirche zu sein. Einladend, offen und dialogbereit gehen wir in die Zukunft.“

Ich gestehe, dass das manchen vielleicht etwas zu markig klingt oder wie das Pfeifen ängstlicher Kinder im dunklen Wald. In der Tat stellt sich unsere Situation – äußerlich betrachtet – nicht unbedingt rosig dar. Schon unsere Lage im Osten ist – wie wir jüngst erst wieder bei der Suche nach einer speziellen Fachkraft zu hören bekamen – ein „Standortnachteil“. Auch in den neuen Verhältnissen sind wir nicht mehr und nicht frömmer geworden. Als Katholiken „im Lande Luthers“ leben wir inzwischen in einer doppelten Diaspora: zusammen mit den evangelischen Christen inmitten von über 80 Prozent Konfessions- und Religionslosen, und dann noch als eigene extrem kleine Minderheit. Obwohl es durchaus suchende und interessierte Menschen außerhalb unserer Kirchen gibt, trifft man doch weithin auf eine Art „ererbter Gottlosigkeit“, die in anderen Regionen Deutschlands kaum vorstellbar ist. Die Gestalt von Kirche hat sich schon – auch aufgrund der demographischen Entwicklung – rasant gewandelt. Wir sind keine Volkskirche, wie es sie mancherorts vielleicht noch gibt; wir sind auch nicht mehr die Diasporakirche, wie wir sie aus DDR-Zeiten kennen. Vieles vergeht.

Andererseits findet Jahr für Jahr eine erfreuliche Zahl von Erwachsenen neu oder wieder zum christlichen Glauben. Ebenso zeigt sich, dass immer mehr Gläubige begreifen, aufgrund von Taufe und Firmung selbst eine geistliche Mitverantwortung zu tragen. Jede und jeder kann das Antlitz der Kirche verdunkeln oder ihr Leuchten verstärken. Auch sehe ich manche Chancen, unsere nichtchristlichen Mitbürger noch mehr mit dem Evangelium in Berührung zu bringen. Dazu muss man aber auch zuhören können, was sie bewegt, woraus sie bisher leben, was ihnen Mut macht und worunter sie leiden. Dazu wäre es insgesamt auch nötig, unsere kirchliche Einstellung gegenüber Menschen mit „gebrochenen Biografien“ zu überprüfen und nach Wegen zu suchen, ihren oftmals tragischen Gegebenheiten gerechter zu werden. Wie viele Geschiedene und Wiederverheiratete gibt es doch in unserer Gesellschaft, auch in unseren Gemeinden. Immer mehr Katholiken gehen bei uns, wenn sie denn überhaupt kirchlich heiraten, verständlicherweise Ehen mit konfessionslosen Partnern ein. Und wenn Erwachsene sich taufen lassen wollen, konvertieren oder wieder in die Kirche zurückkehren, zeigt sich, dass verschiedene von ihnen nicht dem „katholischen Ideal“ entsprechen und auch das Kirchenrecht nicht weiterhelfen kann. Zwei Drittel der Kinder im Osten wachsen zudem in Lebensverhältnissen auf, die nicht in das herkömmliche Bild katholischer Ehe und Familie passen. Müssten wir nicht – ohne unsere Grundüberzeugungen aufzugeben – differenzierter und herzlicher auf diese Menschen und ihre Probleme eingehen? Ist es nicht gerade unser Auftrag, im Sinne Jesu zu verdeutlichen, dass niemand aufgegeben wird, sondern jede und jeder immer wieder zu neuer Hoffnung aufbrechen kann?

Worauf gehen wir zu? Wird es – biblisch gesprochen – ein Durchzug durchs Rote Meer, ein Murren in der Wüste oder der Einzug ins verheißene Land? Wird uns vielleicht zugemutet, Jesus noch intensiver auf dem Kreuzweg zu folgen, oder ergeht es uns wie den Frauen, die sich auf den Weg machen, um den toten Jesus zu salben, und mit der Botschaft von seiner Auferstehung konfrontiert werden? Wie auch immer sich unsere kirchlichen Verhältnisse entwickeln mögen, entscheidend ist, dass wir wach und sensibel sind, um auch unter neuen Bedingungen Gottes Willen zu erkennen und ihm gerecht werden zu können. Haben wir den Mut, uns den Problemen verantwortungsvoll zu stellen und nach geistvollen Lösungen zu suchen. Und seien wir dabei – wie Paulus es uns ans Herz legt – „fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, (und) beharrlich im Gebet!“