Lutheraner auf dem Weg nach Rom

Fátima-Jubiläum und Bekenntnis-Ökumene statt Lutherjahr: Bis 2017 streben hochkirchliche Gemeinschaften volle Gemeinschaft mit dem Papst an. Von Hinrich E. Bues

2017 jähren sich die Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fátima zum 100. Mal. Auch für bekenntnisorientierte Lutheraner ein Grund zur Freude. Foto: dpa
2017 jähren sich die Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fátima zum 100. Mal. Auch für bekenntnisorientierte Lutherane... Foto: dpa

Hamburg (DT) Noch vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 streben lutherische hochkirchliche Bruderschaften die volle Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri an. Eine Gruppe von 25 Repräsentanten aus Deutschland, Skandinavien und dem Baltikum hat dazu kürzlich mit Vertretern des römischen Einheitssekretariats und der Glaubenskongregation Vorgespräche geführt, die beiderseits als konstruktiv und positiv beschrieben wurden.

Dabei hatte im weltweiten Luthertum kaum jemand damit gerechnet, dass im Ursprungsland der Reformation eine solche Initiative entstehen würde. Eine „Rückkehr-Ökumene“ war bisher allgemein ausgeschlossen worden. Im Fokus des Luthertums standen bisher die Vorbereitung der evangelischen Staats- oder Landeskirchen auf das 500-jährige Reformationsjubiläum durch die sogenannte Luther-Dekade, die bisher allerdings nicht die erhoffte große Resonanz fand. Nun bringen die hochkirchlichen Bruderschaften des Protestantismus, die in ihren liturgischen Feiern der katholischen Spiritualität ähnlich sind, einen völlig neuen Akzent im Blick auf das Jahr 1517, mit dem die letzte große Kirchenspaltung der Christenheit begann.

Gegenüber dem katholischen Nachrichtenportal „kathnews“ bestätigt ein hoher lutherischer Repräsentant, dass die „Einheit mit der Kirche“ tatsächlich gesucht würde. Derzeit forsche man nach einer kirchenrechtlichen Möglichkeit, die es erlaube, die kirchliche Einheit zwischen der katholischen und den betreffenden evangelischen Gemeinschaften „schnellstmöglich und unbürokratisch“ zu vollziehen. Das anglikanische Modell mit der Bildung von Personalordinariaten könne man sich gut vorstellen, bestätigte der protestantische Theologe. Diese rechtliche Möglichkeit wurde im Jahr 2009 für die übertrittswilligen anglikanischen Gemeinschaften geschaffen, die den katholischen Katechismus und das Einheitsamt des Papstes akzeptieren, aber dennoch größtenteils ihren bisherigen liturgischen und kirchlichen Traditionen treu bleiben wollen. Das Jahr 2017 wollen die Bruderschaften, so der protestantische Theologe, nicht in erster Linie mit dem Reformationsjubiläum, sondern vielmehr mit dem einhundertsten Jahrestag der Marienerscheinung von Fatima verbinden. Die Gottesmutter und Jungfrau Maria genießt bei den hochkirchlichen Bruderschaften eine ähnlich hohe Verehrung wie bei katholischen oder orthodoxen Gläubigen. Bisher galt die Verehrung Mariens in ökumenischen Gesprächen stets als „Stolperstein“. Aus dem Blickwinkel der Bruderschaften stellt sich aber die Marienverehrung eher als Brücke denn als kirchentrennendes Hindernis dar.

Die 25 lutherischen Repräsentanten waren vom römischen Einheitssekretariat offiziell eingeladen und im Gästehaus des Vatikans „Santa Marta“ untergebracht worden. Das geplante Gespräch der Gruppe mit dem für Ökumenefragen zuständigen Kurienkardinal Kurt Koch musste jedoch aus Krankheitsgründen des „Ökumene-Ministers“ ausfallen. Stattdessen wurden intensive Gespräche mit hochrangigen Vertretern des vatikanischen Einheitssekretariats und der Glaubenskongregation geführt. Dabei zeigten sich die evangelischen Besucher beeindruckt über den kollegialen Arbeitsstil der Kardinäle im ehemaligen „Heiligen Offizium“ und bedauerten, dass es im Protestantismus seit der Reformation kein ähnliches Gremium gäbe, das in strittigen Glaubensfragen vermittelnd oder entscheidend eingreifen könnte, um damit die für den Protestantismus typischen ständigen neuen Spaltungen zu verhindern.

Die katholische Seite, berichtete der bei den Gesprächen beteiligte lutherische Pastor Ulrich Rüß gegenüber dieser Zeitung, versuchte sich zunächst ein Bild vom Hintergrund der beteiligten Bruderschaften zu verschaffen. Dabei sei eine grundsätzliche Offenheit für das geäußerte Anliegen zu beobachten gewesen. Besonders interessiert seien die katholischen Gesprächspartner an der von Rüß vertretenen zahlenmäßig größten Gruppe der Gemeinschaften gewesen. Pastor Rüß ist der Präsident der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften (IKBG). Abwartend bis skeptisch zeigte sich der Pastor im Blick auf die von ihm vertretenen Gläubigen, was die im Raum stehende Anerkennung des Papstamtes und des Katechismus angehe, gegen die es immer noch viele Widerstände bei lutherischen Pietisten oder Evangelikalen gebe.

Grundsätzlich jedoch äußerte sich Rüß ebenso wie sein Vorgänger, der Ehrenpräsident der IKGB, Professor Peter Beyerhaus, darüber erfreut, dass die „Bekenntnis-Ökumene“ weiter vorankomme. Diejenigen Lutheraner, die an der Autorität der Bibel und der altkirchlichen Dogmen festhalten würden, sähen sich „nur begrenzt“ von den protestantischen Amtskirchen repräsentiert, wie Beyerhaus gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur „Idea“ äußerte. Die evangelischen Landeskirchen befänden sich in Fragen der Lehre und Ethik in einer zunehmenden Krise. Bei der Begegnung sei es auch darum gegangen, „die auch nach der Reformation erhalten gebliebenen Gemeinsamkeiten zwischen der römisch-katholischen Kirche und den lutherischen Kirchen herauszustellen, um so eine Basis für ein gemeinsames Zeugnis im gegenwärtigen Glaubenskampf festzustellen“, wie Beyerhaus erklärte.

Ein Kurienbischof machte gegenüber „kathnews“ darauf aufmerksam, dass seitens des Vatikans „nicht die Absicht bestünde, die ökumenischen Beziehungen zu den verbleibenden Gemeinschaften zu konterkarieren“. Die Gespräche mit den Bruderschaften sollen aber in Zukunft fortgesetzt werden. Damit würden die Lutheraner nun in ganz ähnlicher Weise wie vor einigen Jahren die Anglikaner eine Gesprächsserie beginnen, die für die dann beitretenden Christen oder Gemeinschaften zur Wiedererlangung der Einheit mit der Kirche führen könnte. Gegenüber dem bisher favorisierten ökumenischen Modell eines Nebeneinanders der getrennten kirchlichen Gemeinschaften in einer „Einheit in der Vielfalt“ würde hier die Wiederherstellung der sichtbaren Einheit der Kirche angestrebt. Von einer Rückkehr „des Protestantismus in die katholische Kirche“, wie von einigen Medien gemeldet, kann diesbezüglich allerdings keine Rede sein, weil die von den 25 Repräsentanten vertretenen Gruppen zahlenmäßig relativ klein sind. Vereint sind diese Gemeinschaften durch eine „größere Nähe zur katholischen Lehre“ als zu den zunehmend in Irrlehren abgleitenden Landeskirchen. Wichtig sei auch eine ähnliche liturgische Praxis, wie Pastor Rüß feststellte.

Unter Verwendung von Material von Kathnews/idea