Liturgiebegeisterter Seelsorger und Berater

Der Dritte im Bund der Traunsteiner: Ein Porträt von Rupert Berger, der mit den Ratzinger-Brüdern 1951 in Freising zum Priester geweiht wurde. Von Michael Karger

Pfarrer i.R. Rupert Berger. Foto: KNA
Pfarrer i.R. Rupert Berger. Foto: KNA

Vierundvierzig Diakone weihte Kardinal Faulhaber am 29. Juni 1951 im Freisinger Mariendom zu Priestern. Darunter war Joseph Ratzinger, seit 2005 Papst Benedikt XVI. Zur Feier ihres 60-jährigen Priesterjubiläums hat Papst Benedikt die Mitbrüder seines Weihekurses, soweit sie noch rüstig genug sind – insgesamt sind noch zwölf am Leben – nach Rom eingeladen. Neben seinem Bruder Georg ist der Papst besonders auch Pfarrer Rupert Berger verbunden.

Immer wieder haben sich die Lebenswege der beiden Ratzinger-Brüder und Rupert Bergers gekreuzt: Zusammen mit Georg und Joseph Ratzinger kam Rupert Berger aus Traunstein in das Freisinger Priesterseminar. Die Ausbildungswege von Rupert Berger und Joseph Ratzinger verliefen bis zu den gemeinsamen Primizfeiern in Traunstein weitgehend parallel. Heute lebt Rupert Berger, Jahrgang 1926, wieder in seiner Geburtsstadt Traunstein. Er wohnt in der Altstadt im sogenannten „Predigerhäusl“, das die Gemeinde St. Oswald Kaplänen und Aushilfsgeistlichen zur Verfügung stellt.

Hier hatte auch Georg Ratzinger seine Dienstwohnung, als er als Chorregent an St. Oswald und als Musikpräfekt im Studienseminar 1959 wieder in seine Heimatpfarrei zurückgekehrt war. Seine Eltern hatte Georg Ratzinger nach der Berufung seines Bruders nach Bonn auch zu sich nach Traunstein geholt. Vorher hatten sie dreieinhalb Jahre in der Professorenwohnung von Joseph in Freising gewohnt. Im Predigerhäusl sind die Eltern Ratzinger auch verstorben: Der Vater Joseph Ratzinger nur wenige Monate nach dem Umzug im August 1959 mit zweiundachtzig Jahren und die Mutter Maria Ratzinger 1963 kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag.

Als Aushilfsgeistlicher ist Rupert Berger auch als Ruheständler nach wie vor unermüdlich im seelsorglichen Einsatz in Traunstein und Umgebung tätig. Sein Vater Rupert Berger sen. (1896–1958) bekämpfte als Gründungsmitglied der Bayerischen Volkspartei vor 1933 entschieden die in Traunstein stark präsenten Nationalsozialisten. Die Inhaftierung des Vaters im Konzentrationslager Dachau 1933, sein Berufsverbot und die Ausweisung der Familie aus Traunstein hat der Sohn bewusst miterlebt.

Um der Familie das Überleben zu sichern, eröffnete seine Mutter eine Gaststätte in Regensburg und führte dann das Landshuter Kolpinghaus. Bergers Vater war nach dem Krieg Mitbegründer der CSU, Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung, von 1946 bis 1952 Oberbürgermeister von Traunstein und bis zu seinem Tod Mitglied des Bayerischen Landtages.

Bereits als Gymnasiast war der Sohn stark durch die liturgische Bewegung geprägt. Seine herausragenden Studienleistungen erlaubten ihm, zusammen mit dem hochbegabten Joseph Ratzinger nach dem Philosophiestudium in Freising an die Universität München zu wechseln. Sein Wunsch war das Studium der bisher kaum gelehrten Liturgiewissenschaft, die in Joseph Pascher in München einen ihrer herausragenden Gelehrten hatte. Pascher leitete zugleich das Herzogliche Georgianum, das Priesterseminar in München, in dem Joseph Ratzinger und Rupert Berger sich ein Zimmer teilten.

Bis das Georgianum und die gegenübergelegene Theologische Fakultät im Universitätsgebäude in München im Wintersemester 1949/50 wieder den Betrieb aufnehmen konnten, waren die Fakultät und das Georgianum im Bildungshaus Fürstenried ausgelagert. Dort begannen Ratzinger und Berger im Wintersemester 1947 mit dem Theologiestudium. Nach der kirchlichen Abschlussprüfung im Sommer 1950 begann Ratzinger mit der Arbeit an seiner Promotionsschrift. Genauer gesagt, er bearbeitete die von Professor Söhngen gestellte Preisaufgabe über die Ekklesiologie des heiligen Augustinus, deren Annahme zugleich die Anerkennung als Promotionsschrift bedeutete. Gebührenfreiheit und die Aufnahme der Arbeit in eine wissenschaftliche Publikationsreihe waren für den Sohn eines Dorfgendarmen keine geringen zusätzlichen Anreize.

Zusammen zogen Berger und Ratzinger im Oktober 1950 wieder in das Freisinger Priesterseminar zu ihren Kurskollegen zurück und begannen das Alumnatsjahr zur Vorbereitung auf die Priesterweihe. Bereits Ende Oktober 1950 empfing der Kurs durch Weihbischof Johannes Neuhäusler, er war mit dem Regens des Freisinger Priesterseminars Michael Höck zusammen mehrere Jahre im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen, die Diakonenweihe. Während des Alumnats schrieb Joseph Ratzinger Tag und Nacht an seiner Preisaufgabe. Wie alle anderen auch musste er aber an den Vorlesungen über Beichtpastoral, praktische Sakramentenlehre und Predigtlehre teilnehmen. Daneben musste jeder Alumne insgesamt drei Probepredigten ausarbeiten und auswendig in Gottesdiensten vortragen.

Der 29. Juni, das Hochfest Peter und Paul, der traditionelle Weihetag fiel 1951 auf einen Freitag. Noch am Nachmittag der Priesterweihe im Dom zu Freising wurden die drei Traunsteiner Neupriester mit dem Auto in ihre Heimatstadt gefahren und noch am Abend dort offiziell begrüßt. In der Traunsteiner Stadtpfarrkirche wurde am Abend noch eine eucharistische Andacht gefeiert, in der Joseph Ratzinger eine Ansprache zum Thema Eucharistie gehalten hat. Am darauf folgenden Sonntag feierte Rupert Berger seine erste heilige Messe. Ehrengast war der damalige Landtagspräsident Alois Hundhammer, ein enger Freund des Vaters, der ebenfalls 1933 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war.

In ihren Primizgottesdiensten haben die drei Traunsteiner gegenseitig levitiert. In der Primizfeier von Rupert Berger übernahm Georg Ratzinger die Rolle des Diakons und Joseph die des Subdiakons. Am darauf folgenden Sonntag fand zunächst um sieben Uhr die Primizmesse von Joseph Ratzinger mit der vom Jugendchor gesungenen deutschen Christkönigsmesse von Haas statt. Da Alfred Läpple, der Studienpräfekt von Joseph Ratzinger in Freising, den er sich als Primizprediger ausgesucht hatte, wegen einer Kiefererkrankung nicht sprechen konnte, sprang der damalige Stadtpfarrer Els als Prediger ein.

In der Primiz von Joseph Ratzinger wurde nicht levitiert. Anschließend eilte man in das oberhalb von Traunstein gelegene Hufschlag hinauf, wo sich vor dem Haus der Familie Ratzinger der Kirchenzug des Primizianten Georg Ratzinger formierte. Beim festlichen Hochamt mit der Nelsonmesse von Haydn war Joseph Ratzinger der Diakon und Berger der Subdiakon. Am späten Nachmittag fand eine Dankandacht statt und anschließend wurde der Primizsegen auch einzeln gespendet.

Berger erinnert sich noch daran, dass für die Spendung der Weihe jeder Neupriester vierzig Mark an das Ordinariat zu zahlen hatte, die vom ersten Gehalt abgebucht worden sind. Nach einer Urlaubsvertretung in Haslach bei Traunstein war Berger Kaplan in Berchtesgaden. Berger hat sowohl an der Promotion von Joseph Ratzinger in München wie auch an seiner Habilitationsvorlesung mit dem anschließenden legendären Streitgespräch zwischen den Professoren Schmaus und Söhngen teilgenommen.

Im September 1957 kam Berger wieder auf den Domberg nach Freising zurück. Da war Joseph Ratzinger bereits drei Jahre Dozent für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Freising und kurz vor seiner Ernennung zum „planmäßigen außerordentlichen Professor“. Aus den Vorlesungen für praktische Sakramentenlehre, die Berger im Priesterseminar halten sollte, machte er seine ersten liturgiewissenschaftlichen Lehrveranstaltungen in Freising. Daneben arbeitete Berger an seiner Promotion, die er 1960 in München erfolgreich abschließen konnte.

In ihrer zweiten gemeinsamen Zeit in Freising, die bis zur Berufung von Ratzinger an die Universität Bonn 1959 dauerte, standen die beiden Dozenten in regem, nahezu täglichem freundschaftlichem Umgang miteinander. Nach der Auflösung der Hochschule und des Priesterseminars in Freising 1968 übernahm Berger die Pfarrei Bad Tölz. Daneben lehrte er Liturgiewissenschaft an der Hochschule in Benediktbeuern. Von 1970 bis 1996 war Berger Berater der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz. Von seinen zahlreichen Veröffentlichungen ist das „Pastoralliturgische Handlexikon“ sehr verbreitet. Als beliebter Referent hat Berger Generationen von Priestern und Laien wesentliche Grundeinsichten in die Feier der Sakramente vermittelt und deren würdige Feier im Bistum München und Freising entscheidend geprägt.

Während seiner Tübinger Zeit hat Ratzinger vergeblich versucht, Berger als Professor für Liturgiewissenschaft an den Neckar zu locken. Berger blieb bis 1997 Pfarrer von Tölz. Während aller Stationen ihres Lebens kamen die Brüder Ratzinger jedes Jahr nach Traunstein zurück und trafen sich dort auch regelmäßig mit Rupert Berger, der als Ruheständler wieder in seine Heimatstadt zog. Am 29. Juni werden die Brüder Ratzinger und Rupert Berger im Kreis weiterer Kurskollegen in Rom ihrer Weihe vor 60 Jahren und ihres priesterlichen Lebensweges gedenken. In Rom wird man sicher auch nicht vergessen, dass Rupert Berger am vergangenen Sonntag sein fünfundachtzigstes Lebensjahr vollendet hat.