„Limburg muss zur Ruhe kommen“

Neuer Generalvikar Rösch beginnt mit Gesprächen – Domkapitel will Bischof Tebartz nicht wiederhaben – Mitglieder der Prüfungskommission veröffentlicht

Das Limburger Domkapitel sieht keine Zukunft mit Bischof Tebartz: (v.l.n.r.) Stadtdekan Johannes zu Eltz Frankfurt, Thomas Löhr, Weihbischof in Limburg, Günther Geis, Domdekan von Limburg, Prälat Helmut Wanka, Domkapitular und Personaldezernent im Bistum Limburg, Rechtsdirektor P... Foto: KNA
Das Limburger Domkapitel sieht keine Zukunft mit Bischof Tebartz: (v.l.n.r.) Stadtdekan Johannes zu Eltz Frankfurt, Thom... Foto: KNA

Limburg (DT/Re/KNA) Der neue Generalvikar kann einem Leid tun – angesichts der Größe der Aufgabe, die in Limburg vor ihm liegt. Am Montag tritt Wolfgang Rösch sein neues Amt an. Bischof Tebartz-van Elst hatte ihn bereits zum Generalvikar berufen. Eigentlich sollte er am 1. Januar sein Amt antreten. Doch am Mittwoch hat Papst Franziskus in Limburg neue Verhältnisse geschaffen. Rösch wurde mit sofortiger Wirkung zum Generalvikar ernannt. In dieser Funktion soll er die Amtsgeschäfte im Bistum leiten, während Bischof Tebartz-van Elst eine vorübergehende Auszeit erhielt.

Gestaltungswille auch in schwierigen Situationen

Am Freitag äußerte sich Rösch, der von alledem während einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg erfuhr, gegenüber der online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Er wolle zur Beruhigung und zur Rückkehr zur Normalität beitragen, so der Generalvikar. „Die Auszeit, die der Bischof jetzt hat, ist auch eine Auszeit für das Bistum. Ich werde vor allem dafür sorgen, dass die Verwaltung weitergeht. Wir müssen unsere Alltagsgeschäfte wieder in Ruhe erledigen können. Was den Bischof betrifft, müssen wir das Ergebnis der Prüfkommission abwarten. Darauf hat der Heilige Stuhl ein Auge“, sagte Rösch.

Der Bischof habe Vertrauen in ihn gesetzt, als er ihm das Amt des Generalvikars angeboten habe. Ein Vertrauter des Bischofs, wie es über ihn geheißen habe, sei er deswegen nicht, sagte Rösch: „Vertrauen genieße ich aber auch, so denke ich, bei den Priestern, Pastoralen Mitarbeitern und im Ordinariat. Und ich möchte ihnen Vertrauen entgegenbringen.“ Ob er für die Limburger Ausnahmesituation über Vollmachten verfüge, die über die eines normalen Generalvikars hinausgehen, wusste Rösch noch nicht. „Sobald es geht, werde ich in Rom nachfragen, denn meine Ernennung jetzt habe ich ja nicht vom Bischof, sondern vom Heiligen Stuhl.“ Seine Gefühlslage angesichts der neuen Herausforderung bezeichnete Rösch als „total ambivalent“. Er bedauerte seine Pfarrei in Wiesbaden loszulassen. Andererseits habe er auch ein Stück Vorfreude. „Ich habe Gestaltungswillen, vor allem in Situationen, die nicht ideal sind, und Spaß, mit Menschen zusammenzuarbeiten“, betonte der Generalvikar. Diesen Gestaltungswillen in schwierigen Situationen wird er als oberster Krisenmanager in Limburg gut brauchen können. Rösch macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Entwicklung im Bistum mit „großer Sorge“ erfüllt. Auch der Besuch von Kardinal Lajolo habe die Situation nicht mehr beruhigen können, sagt er und gibt einen Einblick in seine Gefühlswelt: „Ich habe mich gefühlt, als lebte ich in zwei Welten: hier die Pfarrei mit Menschen, denen wir helfen können und die Erfahrung, dass der Glaube trägt. Dort eine politische Ebene um die Zukunft des Bischofs, auf der man ohnmächtig ist.“

Am Montag will sich der neue Generalvikar mit den Mitarbeitern in Limburg treffen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Spanien, wollte sich Rösch bereits mit den Domkapitularen zu ersten Gesprächen treffen. Wie das Domkapitel denkt, wurde einmal mehr kurz nach der Bekanntgabe der vatikanischen Entscheidung deutlich. „Einen Neuanfang können wir uns nur mit einem neuen Bischof vorstellen“, sagte der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz am Mittwoch vor Journalisten in Limburg. Die derzeitige tiefe Vertrauenskrise sei schwer zu beheben und lasse sich nicht allein durch eine vorübergehende Auszeit des Bischofs lösen, sagte Domdekan Günther Geis: „Neues Vertrauen muss wachsen. Wie das wachsen soll mit dem Bischof, das weiß ich nicht.“ Dies sei aber keine neue Erkenntnis, und das „haben wir dem Bischof auch persönlich schon gesagt“, so Geis. Domkapitular Helmut Wanka verglich die aktuelle Situation mit seinen Erfahrungen als Personalverantwortlicher im Bistum: Wenn ein Pfarrer eine Auszeit nehme, werde dieser danach in aller Regel „in einer anderen Pfarrei wieder eingesetzt“. Es sei Glaubwürdigkeit zerstört worden, und „ich kann mir nicht vorstellen, dass in dieser Auszeit in irgendeiner Form das, was zerstört ist, wieder aufgebaut werden kann“, sagte Wanka. Irritiert zeigte sich das Domkapitel darüber, dass es über die Pressemitteilung des Vatikan hinaus keine weiteren Informationen erhalten habe – weder aus Rom noch von der Nuntiatur in Deutschland. Auch hier zeige sich die Vertrauenskrise zwischen Domkapitel und Bischof, „wenn wir gar nicht wissen, wo der Bischof ist und wie es ihm geht und was er vorhat“, sagte zu Eltz. Geis dankte ausdrücklich Kurienkardinal Giovanni Lajolo für dessen Besuch im Bistum und verwies zudem auf die von der Bischofskonferenz eingesetzte Prüfkommission, welche die Hintergründe der gestiegenen Baukosten für das Diözesanzentrum untersucht. Von diesen Ergebnissen werde viel abhängen, da „müssen die Fakten sprechen“.

Einen Tag nach der Entscheidung des Vatikans zum Bistum Limburg gab die Deutsche Bischofskonferenz die Mitglieder der Kommission bekannt, die mögliche Unregelmäßigkeiten untersucht. Leiter der Kommission ist der Paderborner Weihbischof Manfred Grothe; ihm zur Seite stehen Michael Duus vom Ingenieurbüros WSP in Düsseldorf, der Kölner Wirtschaftsprüfer Josef Gronemann, weiter der Leiter der Abteilung Finanzen im Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg Michael Himmelsbach sowie der Offizial des Erzbistums München und Freising, Lorenz Wolf. Der Paderborner Weihbischof gilt als Finanzexperte. 1982 übernahm er die Leitung der Finanzabteilung im Generalvikariat des Erzbistums Paderborn, 2003 wurde er Generalvikar. Grothe verfügt bereits über Erfahrung in ähnlichen Aufgaben. Er war 2009 von der Kleruskongregation zum Visitator des Internationalen Hilfswerks „Kirche in Not“ ernannt worden. Mit dieser Untersuchung kam der Vatikan einer Bitte des Hilfswerks um Beratung in kirchenrechtlich-organisatorischen Fragen nach. Seit 2011 ist „Kirche in Not“ eine Stiftung Päpstlichen Rechts. Grohe ist unter anderem Mitglied der Kommission für karitative Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Seit dem Frühjahr ist er Paderborner Dompropst und damit Vorsitzender des dortigen Domkapitels. In einer ersten Stellungnahme erklärte Grothe, die Kommission stehe vor einer sehr komplexen Aufgabe. „Ein Zeitfenster der Erarbeitung sehe ich noch nicht“, so Grothe. Aufgabe der Kommission ist es laut Bischofskonferenz, Kosten, Finanzierung und Entscheidungswege rund um die Bauprojekte auf dem Limburger Domberg zu klären.

Hans Maier: Bischöfe viel öfter offen kritisieren

Während nach dem Willen Roms nun also erst einmal gründlich geprüft werden soll, geht die öffentliche Auseinandersetzung um den „Fall Tebartz-van Elst“ weiter. Nach Einschätzung des früheren bayerischen Kultusministers Hans Maier zeigt der Fall, dass in der katholischen Kirche mehr Demokratie möglich ist. „Das Limburger Beispiel stimmt mich positiv. Ich habe noch nie so viele Bistumsmitarbeiter und Domvikare erlebt, die offen Kritik an einem Bischof üben“, sagte der langjährige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) am Donnerstag in Münster. Laien sollten dieses Risiko viel öfter eingehen. Es lohne sich. „Demokratische Verhaltensweisen haben in der Kirche jüngst an Gewicht gewonnen“, sagte Maier. Die vielfache Kritik an dem Limburger Bischof nannte der CSU-Politiker „ein Stück Wahrnehmung von Grundrechten“ von Laien. Viele Bischöfe übten dagegen aus Kollegialität oft kaum Kritik untereinander, obwohl diese nötig sein könne, so der frühere oberste Laienvertreter der deutschen Katholiken. Die Kirche sollte nach Ansicht Maiers eine Grundrechtecharta formulieren, die ihr bislang fehle. Die Kirche fordere zwar von anderen Staaten regelmäßig die Einhaltung der Menschenrechte ein, doch im Kircheninneren falle die Bilanz weniger positiv aus. „Es sind noch zahlreiche rechtsstaatliche Defizite zu überwinden, bis die Menschenrechte als Christenrechte allgemeine Anerkennung gefunden haben“, sagte Maier.

Der Trierer Bischof Stefan Ackermann zeigte sich erleichtert über die Entscheidung des Vatikan, dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst eine Auszeit zu gewähren. „Das mindert den Druck für alle Beteiligten: das Bistum, den Bischof und die katholische Kirche in Deutschland insgesamt“, sagte Ackermann im Interview mit der Tageszeitung „Trierischer Volksfreund“ (Donnerstag). Es sei klug, den Bericht der Untersuchungskommission der Deutschen Bischofskonferenz zu den Vorgängen in Limburg abzuwarten. Zugleich bekräftigte Ackermann seine zuvor geäußerte Einschätzung, der Vertrauensverlust in dem Bistum sei zu groß, als dass Tebartz-van Elst als Bischof dorthin zurückkehren könne. „Meine Skepsis bleibt. Daran hat sich nichts verändert“, so Ackermann.

Kritisch bewertete der Trierer Bischof die Art der Debatte über Tebartz-van Elsts Amtsführung in der Öffentlichkeit. „Das Ganze hat ja inzwischen eine Dynamik angenommen, die kaum noch nachvollziehbar ist“, so Ackermann. Man müsse fragen, ob „bei der Berichterstattung nicht zum Teil jedes Maß verloren gegangen“ sei. Auch die deutschen Bischöfe müssten sich selbstkritisch fragen: „Hätten wir nicht vielleicht früher die Möglichkeit gehabt, helfend einzugreifen?“

Ackermann lobte die Entscheidung des Papstes, dass der designierte Generalvikar Wolfgang Rösch sofort statt wie ursprünglich geplant am 1. Januar seinen Verwaltungsposten im Bistum Limburg antreten soll: „Ich kenne ihn persönlich, Herr Rösch ist ein guter, solider Priester. Bei der Entscheidung ging es auch darum, das Bistum wieder handlungsfähig zu machen. Es war ja zuletzt faktisch gelähmt.“

Unterdessen bezweifelt Kölner Theologe und Buchautor Manfred Lütz die Verschwendungsvorwürfe gegenüber dem Limburger Bischof. Es habe sich herausgestellt, dass die Badewanne im neuen Bischofshaus statt 15 000 nur 3 000 Euro gekostet habe, sagte er am Donnerstag dem Sender WDR 2. Auch sei unklar, ob die Adventskranzaufhängung in der Bischofskapelle wirklich 100 000 Euro gekostet habe und wer diese beauftragt habe. Lütz begrüßte die Entscheidung des Papstes, die Ergebnisse der Untersuchungskommissions der Bischofskonferenz in Limburg abzuwarten. Dies sei ein Signal, dass er „nach Recht und Gesetz vorgehen will“. Die Fakten müssten herauskommen. Der Theologe bedauerte, dass viele Leute schon ein definitives Urteil über Tebartz-van Elst gefällt hätten, ohne informiert zu sein. Wenn sich herausstelle, dass die Vorwürfe nicht oder in großen Teilen nicht zuträfen, müsse man in der Lage sein, Urteile abzuändern.

Aufgeheizte Stimmung, beispiellose Häme

Das Forum Deutscher Katholiken begrüßt dankbar die Entscheidung des Papstes zur vorläufigen Regelung der Verhältnisse in Limburg. So könnten die Vorwürfe in der Sache geklärt werden. Dem Bischof werde eine „dringend notwendige Phase der Erholung gegönnt und die von Vorurteilen und beispielloser Häme geprägte und aufgeheizte Stimmung in der Öffentlichkeit“ könne sich beruhigen, schreibt Vorsitzende des Forums Deutscher Katholiken, Hubert Gindert. Dankbar erkenne man, dass sich in der Öffentlichkeit und auch in den Medien in den letzten Tagen und Wochen immer mehr Stimmen gemeldet hätten, die zu Besonnenheit, Mäßigung und Versachlichung aufgerufen haben, so Gindert weiter.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht den Limburger Generalvikar Franz Josef Kaspar als Schlüsselfigur bei der Finanzierung des umstrittenen Diözesanzentrums auf dem Limburger Domberg. Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst habe Kaspar nicht nur zum Chef der kirchlichen Verwaltung, sondern auch zum „Beauftragten für den Bischofsbau“ gemacht, sagte Schüller, der lange selbst im Bistum Limburg tätig war, der Koblenzer „Rhein-Zeitung“. Kaspar habe „direkt die Ausgaben des Bistums gesteuert“ und auch die drei Mitglieder des Vermögensverwaltungsrates des Bischöflichen Stuhls persönlich ausgewählt. Ohne Kaspar, so Schüller weiter, wäre „in den letzten fünf Jahren diese Affäre nicht möglich geworden“. Kaspar müsse sich seiner Verantwortung stellen, forderte Schüller.