„Licht ihres Volkes und ihrer Zeit“

Die Lektüre ihrer Briefe eignet sich in besonderer Weise, um die hochbegabte Menschenführerin Hildegard von Bingen besser kennenzulernen. Von Barbara Wenz

Die vorliegende Briefsammlung, herausgegeben von der Abtei St. Hildegard in Eibingen, ist im Beuroner Kunstverlag im Rahmen einer Neuausgabe des Gesamtwerkes in neun Bänden erschienen. Sie basiert auf einer dreibändigen textkritischen Edition und versammelt in einem umfangreichen, doch handlichen Band insgesamt 390 Briefe, die mehrheitlich bisher unbekannt waren und im Laufe von rund 33 Jahren von der prophetissa teutonica diktiert wurden.

Fast 400 Buchseiten, also rund drei Viertel dieser Ausgabe, umfasst die Adressatengruppe „geistliche Personen“, worunter nicht nur Mönche, Klostergemeinschaften, Äbte und Prälaten, sondern auch Bischöfe und der jeweils regierende Papst zählten. Sie korrespondiert mit Ratsuchenden aus allen Ecken und Enden des Reiches, sogar der Bischof von Jerusalem wendet sich an Hildegard, deren Heiligkeit schon zu Lebzeiten weithin gerühmt wurde.

Deutlich weniger Schreiben gingen an Kaiser, Könige oder andere weltliche Personen, außerdem versammelt die Beuroner Ausgabe auch Briefe an unbekannte Personen und zu verschiedenen Themen wie etwa „Über die Unterscheidung beim Jüngsten Gericht“, „Über die Eucharistie“, aber auch „Über die verwerfliche Lehre der Irrgläubigen“ und „Was das Wort Gottes gegen die Irrgläubigen besagt“; Hildegard war eine mächtige Streiterin wider die Katharerbewegung, die zu ihrer Zeit mehr und mehr Zulauf bekam.

Die Lektüre der „Epistolae“ eignet sich ganz besonders dafür, die Frau – hier auch besonders die keusch lebende, geweihte Jungfrau –, die begnadete Psychologin und hochbegabte Menschenführerin Hildegard besser kennenzulernen, zu erfahren, worauf sich ihre Autorität, neben dem göttlichen Quell, auf den sie sich stets beruft, eigentlich gründete. Die Menschen treten nicht nur in persönlichen Anliegen und mit dringlich vorgetragenen Gebetswünschen an sie heran – es treffen auch Bitten um Unterweisung zu verschiedenen Bibelstellen ein; am erstaunlichsten ist unter diesen Schreiben sicherlich der umfangreiche Katalog von 35 Fragen, die ihr von den Brüdern des Klosters Villers übersandt wurden.

Das „Licht ihres Volkes und ihrer Zeit“, wie Papst Johannes Paul II. Hildegard einmal nannte, war eine begnadete Katechetin und Schriftauslegerin, und auch deswegen ist die Lektüre ihrer Briefe ein besonderer Genuss; ausgerechnet zur vermutlich schwierigsten Schrift des Neuen Testamentes, der Offenbarung des Johannes, hatte sie einen besonderen Zugang, den sie den Empfängern ihrer Briefe auch zu vermitteln wusste.

Ungewohnt, dabei aber bezaubernd zu lesen sind die mittelalterlichen Höflichkeitsfloskeln, die Liebesbekundungen in Christo zahlreicher Schreiber, die Sehnsucht, ihr selbst einmal begegnen zu dürfen. Hildegard schreibt in leicht verständlichen Gleichnissen aus der Alltagswelt der damaligen Zeit, häufig benutzt sie regelrecht kämpferisch-martialische Parolen, wenn es darum geht, dass jemand, insbesondere ein Verantwortungsträger in einer Gemeinschaft, seine Aufgabe besser erfüllen solle. Meist schließen solche harschen Briefe dennoch mit den begütigenden Worten: Und du wirst ewig leben.

An ihre Geschlechtsgenossinnen schreibt sie zumeist wohlwollender und ermutigender, bis auf wenige Ausnahmen: Etwa, als die Äbtissin Sophia ihr schreibt, sie wolle eigentlich lieber Einsiedlerin werden anstatt ihr Amt, an dem sie scheinbar schwer trägt, weiter auszuüben, hagelt es recht harte Ermahnungen.

Dass Hildegard noch dazu über großes diplomatisches Geschick verfügte und, wenn sie von der Gerechtheit ihrer Sache überzeugt war, zwar demütig im Tonfall, doch hart in der Sache selbst sein konnte, zeigt sich insbesondere im Streit mit den Prälaten von Mainz über die Freigabe eines zu exhumierenden „Sünders“, ein Ansinnen, dem sie sich verweigerte, selbst als über ihr Kloster das Interdikt verhängt wurde: Der eigentlich exkommunizierte Mann hatte kurz vor seinem Tod bereut, ordnungsgemäß die Sakramente empfangen und deshalb, so Hildegard, ein Recht darauf, in geweihter Erde begraben zu werden. In ihrem „Brief an den Klerus“, und zwar an den Teil des Klerus, der sich nicht standesgemäß verhält, Ämterschacher, Sakramentverkauf und Hurerei betreibt, bezeichnet die „Posaune Gottes“ die unheiligen Priester als „Nacht“, als „Skorpione mit schlangengleichen Sitten und Taten“, denn noch härter als mit den Irrlehrern geht sie mit den Priestern ins Gericht, die statt dem Balsamduft von Heiligkeit den fauligen Dunst ihrer Laster verströmen und darüber die ihnen anvertrauten Seelen vergessen haben.

Bewegend liest sich ihre Klage um die geliebte geistliche Tochter Richardis, als diese gegen Hildegards Willen von ihrer Seite gerissen wird, um Äbtissin in Bassum zu werden, wo sie bald darauf stirbt: „Warum hast du, Tochter, mich wie eine Waise zurückgelassen? Ich habe den Adel deiner Sitten, die Weisheit und Keuschheit, deine Seele und dein ganzes Leben geliebt, so dass viele sagten: Was tust du?“ Schließlich sind auch besonders lesenswert ihre Briefwechsel mit dem bedrängten Abt Manegold von Hirsau sowie mit Wibert von Gembloux, ihrem späteren Sekretär, dem sie ausführlich die Natur und Qualität ihrer Schau schildert.

Es gibt scheinbar Phänomene innerhalb von Kirche und Gesellschaft, die bereits vor rund 850 Jahren aktuell waren. Hierzu noch ein aufschlussreicher Auszug eines Schreibens der Mönche von Amorbach an Hildegard: „Der Mönchsorden verwaist nämlich, der Stand der Kleriker hinkt, und auch der Nonnenorden strauchelt. Und während die Geistlichen auf diese Weise das religiöse Leben aufgeben, vernachlässigen die Laien das ihnen vom Herrn aufgestellte Gesetz gänzlich. Denn unter den übrigen Übeltaten, mit denen sie Gott der Vergessenheit anheim geben, verlassen sie die rechtmäßigen Gattinnen und verbinden sich nach ihren Gelüsten mit fremden... Und ein jeder betrachtet sich gleichsam als zaghaft, wenn er ohne diese Befleckung erscheint.“

Wer die Ereignisse des Jahres 2010 aufmerksam verfolgt hat, der wird sich vielleicht an die damalige Rede Benedikts XVI. anlässlich des Weihnachtsempfangs für die Kardinäle und die Kurie erinnern. Er zitierte eine Passage aus einem Brief an den Pfarrer Werner von Kirchheim-Bolanden und seine Gemeinschaft, der um das Jahr 1170 geschrieben wurde. Darin beschreibt Hildegard umfangreich eine Schau von einer unerhört schönen Frau, mit leuchtendem Antlitz und einer Gestalt, die von der Erde bis zum Himmel hinaufragt. Sie trägt ein strahlendes Gewand aus weißer Seide, einen Mantel, mit Edelsteinen besetzt und Schuhe aus Onyx. Doch das Antlitz der herrlichen Frau ist befleckt, ihre Kleidung zerfetzt, die Schuhe besudelt – durch die Verfehlungen skrupelloser Priester. Den vollständigen Brief an Werner mit dieser gewaltigen Schau lesen und studieren zu können, dafür allein lohnt sich die Anschaffung der Briefesammlung.

Zur Ausstattung des Bandes ist noch anzumerken, dass eine leicht verständliche Einführung die Eigenheiten dieser Briefe, sowohl sprachlich wie auch thematisch und inhaltlich vorstellt. Ein Anhang mit Register und ausführlichem Inhaltsverzeichnis ist beigefügt und hilft, schnell einen bestimmten Adressaten wiederzufinden.

Das Buch ist allen Hildegard-Freunden und solchen, die es werden wollen, zur Anschaffung empfohlen: es ist eine weitreichende Hilfestellung, um sowohl die Persönlichkeit Hildegards wie auch die Zeit, in der sie lebte, durch ihre Zeitgenossen zu verstehen.

Hildegard von Bingen: Briefe. Epistolae. Werke Band VIII. Herausgegeben von der Abtei St. Hildegard, Eibingen. Beuroner Kunstverlag. ISBN: 978-3-87071-285-3, EUR 19,90