Lernen, Skandale zu ertragen und dagegen zu arbeiten

Bei der fliegenden Pressekonferenz auf dem Weg nach Berlin spricht der Heilige Vater die Konflikte um die Kirche in Deutschland an

Eure Heiligkeit, erlauben Sie uns zuerst eine sehr persönliche Frage. Wie deutsch fühlt sich Papst Benedikt XVI. noch? Und woran bemerkt er, wie sehr – oder zunehmend weniger – seine deutsche Herkunft eine Rolle spielt?

Hölderlin hat gesagt: „Am meisten vermag doch die Geburt“. Und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren, und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden und soll nicht abgeschnitten werden. Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist deutsch, und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird. Meine ganze kulturelle Formung ist dort geschehen. Wenn ich Theologie treibe, tue ich es aus der inneren Form heraus, die ich an den deutschen Universitäten gelernt habe; und leider muss ich gestehen, dass ich immer noch mehr deutsche als andere Bücher lese, sodass in meiner kulturellen Lebensgestalt dieses Deutschsein sehr stark ist. Die Zugehörigkeit zu dieser eigenen Geschichte mit ihrer Größe und ihrer Schwere kann und soll nicht aufgehoben werden. Aber bei einem Christen kommt schon etwas anderes dazu. Er wird in der Taufe neu geboren, in ein neues Volk aus allen Völkern hinein, in ein Volk, das alle Völker und Kulturen umfasst und in dem er nun wirklich ganz zuhause ist, ohne seine natürliche Herkunft zu verlieren. Wenn man dann eine große Verantwortung – wie ich die oberste Verantwortung – in diesem neuen Volk übernimmt, ist klar, dass man immer tiefer in dieses hineinwächst. Die Wurzel wird zum Baum, der sich vielfältig erstreckt, und das Daheimsein in dieser großen Gemeinschaft eines Volkes aus allen Völkern, der katholischen Kirche, wird lebendiger und tiefer, prägt das ganze Dasein, ohne das Vorherige aufzuheben. So würde ich sagen: Es bleibt die Herkunft, es bleibt die kulturelle Gestalt, es bleibt natürlich auch die besondere Liebe und Verantwortung, aber eingebettet und ausgeweitet in die große Zugehörigkeit, in die „Civitas Dei“ hinein, wie Augustinus sagen würde, das Volk aus allen Völkern, in dem wir alle Brüder und Schwestern sind.

Vielen Dank, Heiliger Vater. Und jetzt fahren wir fort in italienisch. Heiliger Vater, in den letzten Jahren haben in Deutschland die Kirchenaustritte zugenommen, zum Teil auch aufgrund des Missbrauchs von Minderjährigen durch Geistliche. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Und was würden Sie denen sagen, die die Kirche verlassen wollen?

Wir sollten vielleicht vor allem die besonderen Gründe derer unterscheiden, die über die Verbrechen empört sind, die in der letzten Zeit aufgedeckt wurden. Ich kann verstehen, dass jemand angesichts solcher Informationen – vor allem, wenn es sich um Menschen handelt, die ihm nahestehen – sagt: „Das ist nicht mehr meine Kirche. Die Kirche war für mich eine Kraft der Humanisierung und der Moralisierung. Wenn Vertreter der Kirche das Gegenteil tun, kann ich nicht mehr mit dieser Kirche leben“. Das ist eine besondere Situation. Im allgemeinen sind die Gründe ganz unterschiedlich und stehen im Zusammenhang mit der Säkularisierung unserer Gesellschaft. Der Austritt ist normalerweise der letzte Schritt einer langen Entwicklung zunehmender Entfernung von der Kirche. In diesem Zusammenhang scheint mir wichtig, sich zu fragen und zu überlegen: „Warum bin ich in der Kirche? Bin ich in der Kirche wie in einem Sportverband oder einer kulturellen Vereinigung, die meinen Interessen entgegenkommen und aus denen ich austrete, wenn diesen nicht mehr entsprochen wird; oder ist die Mitgliedschaft in der Kirche etwas Tieferes? Ich würde sage, es wäre wichtig zu wissen, dass Mitgliedschaft in der Kirche nicht Mitgliedschaft in irgendeiner Vereinigung bedeutet, sondern Mitgliedschaft im Netz des Herrn, mit dem Er gute und schlechte Fische aus dem Wasser des Todes an das Land des Lebens zieht. Es kann sein, dass ich mich in diesem Netz gerade neben den schlechten Fischen befinde und das spüre, aber es bleibt wahr, dass ich nicht für diese oder für diese anderen dort bin, sondern weil es das Netz des Herrn ist; es unterscheidet sich von allen menschlichen Vereinigungen, es handelt sich um etwas, was das Fundament meines Daseins berührt. Wenn wir mit diesen Menschen sprechen, müssen wir, denke ich, dieser Frage auf den Grund gehen: Was ist die Kirche? Worin besteht ihre Andersheit? Warum bin ich in der Kirche, auch wenn es dort schreckliche Skandale und menschliche Armut gibt? Und so das Bewusstsein der Besonderheit dieses Kirche-Seins erneuern, des Volkes aus allen Völkern, welches das Gottesvolk darstellt, so lernen, auch Skandale zu ertragen und gerade von innen heraus in diesem großen Netz des Herrn gegen die Skandale zu arbeiten.

Danke Heiliger Vater. Es ist nicht das erste Mal, dass Gruppen sich gegen Ihr Kommen in ein Land aussprechen. Die Beziehung Deutschlands zu Rom ist traditionellerweise kritisch, teilweise sogar im katholischen Bereich selbst. Die kontroversen Themen sind seit langem bekannt: Kondome, Eucharistie, Zölibat. Vor Ihrer Reise haben auch einige Parlamentarier eine kritische Position eingenommen. Doch auch vor Ihrer Reise nach Großbritannien schien die Atmosphäre nicht freundschaftlich und dann haben sich die Dinge zum Guten gewendet. Mit welchen Gefühlen begeben Sie sich jetzt in Ihre alte Heimat und werden Sie sich an die Deutschen wenden?

Zunächst würde ich sagen, dass es normal ist, wenn es in einer freien Gesellschaft und in einer säkularisierten Zeit Widerstand gegen einen Besuch des Papstes gibt. Es ist auch richtig, dass dies zum Ausdruck kommt. Ich respektiere alle, die ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen: Es ist Teil unserer Freiheit und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Säkularismus und auch die Opposition gerade gegen den Katholizismus in unserer Gesellschaft stark sind. Und wenn diese Opposition auf zivile Weise geäußert wird, ist nichts dagegen einzuwenden. Auf der anderen Seite ist es auch wahr, dass es große Erwartungen und viel Liebe zum Papst gibt. Doch vielleicht muss ich noch sagen, dass es in Deutschland verschiedene Dimensionen dieser Opposition gibt: die alte Opposition zwischen deutscher und römischer Kultur, die Konflikte im Laufe der Geschichte, dann sind wir das Land der Reform, die diese Konflikte noch verstärkt hat. Doch es gibt auch große Zustimmung zum katholischen Glauben, eine wachsende Überzeugung, dass wir eine Überzeugung brauchen, dass wir in unserer Zeit einer moralischen Kraft bedürfen, dass wir in dieser unserer Zeit der Gegenwart Gottes bedürfen. So weiß ich, dass es neben der Opposition – die ich natürlich und absehbar finde – viele Menschen gibt, die mich mit Freude erwarten, die ein Fest des Glaubens, ein Zusammensein erwarten, die die Freude erfahren wollen, Gott zu erkennen und gemeinsam in der Zukunft zu leben, die erfahren wollen, dass Gott uns an der Hand hält und uns den Weg zeigt. Daher fahre ich voller Freude in mein Deutschland und bin glücklich, die Botschaft Christi in meine Heimat zu bringen.

Danke und noch eine letzte Frage. Heiliger Vater, in Erfurt werden sie das alte Kloster des Reformators Martin Luther besuchen. Die evangelischen Christen – sowie die Katholiken im Dialog mit ihnen – bereiten sich auf die Feier des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation vor. Mit welcher Botschaft, mit welchen Gedanken bereiten Sie sich auf die Begegnung vor? Muss Ihre Reise auch als eine brüderliche Geste gegenüber den von Rom getrennten Brüdern und Schwestern gesehen werden?

Als ich die Einladung zu dieser Reise angenommen habe, war es klar für mich, dass die Ökumene mit unseren evangelischen Freunden ein starker Punkt, ein zentraler Punkt dieser Reise sein sollte. Wir leben, wie schon gesagt, in einer Zeit des Säkularismus, wo die Christen gemeinsam den Auftrag haben, die Botschaft Gottes, die Botschaft Christi, gegenwärtig zu machen, es möglich zu machen zu glauben, voranzugehen mit diesen großen Ideen, diesen Wahrheiten. Daher ist es ein fundamentales Element für unsere Zeit, dass Katholiken und Protestanten sich zusammentun, auch wenn wir institutionell nicht vollkommen vereint sind. Selbst wenn weiterhin Schwierigkeiten – auch große Schwierigkeiten – bestehen, sind wir im Fundament des Glaubens an Christus, an den dreifaltigen Gott und an den Menschen als Ebenbild Gottes vereint, und in diesem historischen Moment ist es wichtig, dies der Welt zu zeigen und die Einheit zu vertiefen. Daher bin ich unseren Freunden, den evangelischen Brüdern und Schwestern, dankbar, die ein äußerst aussagekräftiges Zeichen möglich gemacht haben: die Begegnung in dem Kloster, in dem Luther seinen theologischen Weg begonnen hat, das Gebet in der Kirche, in der er zum Priester geweiht wurde, und das gemeinsame Gespräch über unsere Verantwortung als Christen in dieser Zeit. Ich freue mich sehr, so diese fundamentale Einheit zeigen zu können, dass wir Brüder und Schwestern sind und gemeinsam für das Wohl der Menschheit wirken, indem wir die Frohe Botschaft Christi verkünden, des Gottes, der ein menschliches Antlitz hat und mit uns spricht.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller