Leitfaden für Seelsorger

Wie lässt sich Amoris laetitia klug in die pastorale Praxis umsetzen? Aus dem Institut Johannes Paul II. kommen wichtige Denkanstöße. Von Hans Zier

In Zeiten der Verwirrung über Ehe und Familie fällt es nicht immer leicht, in dieselbe Richtung zu schauen. Der aktuelle... Foto: SymbolKNA

In die Dissonanzen der Aufnahme von Amoris laetitia (AL) für die allgemeine und besondere Ehe- und Familienpastoral mischt sich immer markanter ein Grundton nach verlässlichen Hilfen derer, die sich in ihrer Verantwortung aufgrund der konträr interpretierten Abschnitte des Textes alleingelassen vorkommen. Verschiedene Bischofskonferenzen legen sehr unterschiedliche Leitlinien vor, wobei AL eigentlich den Ortsbischof meint, besonders beim Prozess der Begleitung und Unterscheidung in schwierigen Fällen, der „entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs“ (AL 300) stattfinden muss. Fairerweise müsste den Priestern und den in der Seelsorge Arbeitenden auch die Problematik von Textstellen in AL genauer erläutert werden.

Nun hat eine Gruppe von Mitgliedern des Institutes Johannes Paul II. mit internationaler Erfahrung sich gerade das zur Aufgabe gemacht und Denkanstöße und Projektvorschläge in einem Leitfaden vorgelegt, der die Schätze von AL hebt, die problematischen Stellen aus der „Fußnotendiskussion“ – welch ein Novum in der Geschichte der Enzykliken und päpstlichen Verlautbarungen – herausschält und insgesamt für die „Lastenträger“ der Pastoral vor Ort schreibt. Weniger das juridische Faktum, als vielmehr der Ausdruck der „wahren Liebe“ nach Amoris laetitia ist der Focus der Ausführungen, wobei die Pastoral sogenannter irregulärer Fälle in einem Begleitprozess des Unterscheidens und Eingliederns mit Beispielen dargelegt wird.

Das Begleiten geschieht auf einem längeren Weg der achtsamen und respektvollen Schritte, dem Verständnis der Sakramente von Ehe, Eucharistie und der Vergebung und das Mittun im caritativen und liturgischen Bereich. Ein Verdunkeln oder Verkürzen der vollen Sicht auf die Sakramente wird vermieden. Dazu braucht es geschulte Priester und Laien in den Diözesen. Niemand soll dabei alleingelassen werden. Komplizierte Fälle gehören vor den Bischof und seine speziellen Mitarbeiter, aber feste Strukturen sind notwendig. Für die meisten Diözesen bedeutet das in der Pastoral einen radikalen Wandel. Auch für die in „regulären“ Situationen Lebenden erfordert das eine Neuevangelisierung für ein Klima der Annahme und des Mitbegleitens.

Der Leitfaden im Taschenbuchformat bietet eine doppelte Hilfe: die kluge Begleitung und die Klärung umstrittener Passagen in Amoris laetitia.

Die Klippen im Begleitungsprozess werden verdeutlicht. Ein permissiver Stil würde in der Pfarrei nur Schaden anrichten. Eine allgemeine Erwachsenenkatechese geht klugerweise einer speziellen Ehekatechese voraus. Sinnvolle Zeichensetzungen bei Vermeidung der Segnung des Paares, die das Wohlgefallen Gottes voraussetzt, ermutigen bei den nächsten Schritten. Der Dreh- und Angelpunkt auf dem Läuterungsweg ist das Bemühen um die Vergebung vor Gott und dem Ehepartner. Folgende Einsichten für die wiederverheirateten Geschiedenen (WVG) bedürfen einer geduldigen Weiterführung: Das zerrissene Eheband ist eine Handlung gegen das Evangelium Christi, eine Verletzung des Eheversprechens, ein Zufügen von Leid am Ehepartner und an den Kindern und weil die Ehe oder das bloße Zusammenleben auch eine öffentliche Sache ist, auch ein Ärgernis. Die höchstmögliche Wiedergutmachung und das Bemühen um die Vergebung sind keine leichten Schritte, doch sind sie notwendig. Das Zeugnis der nicht wiederverheirateten Geschiedenen für die Wahrheit in Liebe wird ungerechterweise oft nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit behandelt, doch ist es in der Begleitung gerade besonders effektiv.

Der Empfang des Bußsakramentes und des eucharistischen Sakramentes ist dann möglich, wenn die Bereitschaft da ist, die sichtbaren und leiblichen Beziehungen der Wahrheit des (immer noch) bestehenden Ehebandes entsprechend zu verändern. Die Absolution kann nicht auf der Tatsache basieren, dass der Büßer ein irrendes Gewissen hat. Sonst entsteht die schwerwiegende Verwechslung von subjektiver Schuld und sakramentalem Forum. Demgegenüber ist die Bitte, gesprochen oder zeichenhaft gegeben, um den Segen statt dem Empfang der Kommunion ein kostbares Zeichen für die Gemeinschaft. Vor allem aber darf die Liebe der Kinder zu den Eltern unter der zweiten Verbindung nicht leiden.

Der Leitfaden schaltet sich auch in die „Fußnotendiskussion“ ein, weil die Fußnoten 336 und 351 in AL schon nach Erscheinen von AL bis heute unzulässige Schlussfolgerungen für die Pastoral an wiederverheirateten Geschiedenen nach sich zogen. Sie unterscheiden nämlich nicht zwischen subjektiver Schuld und objektiv-öffentlichem (!) Charakter einer Lebensführung, die die Sakramente von Eucharistie und Ehe in einen Gegensatz bringen, zudem ist der Empfang der Eucharistie nicht nur eine individuelle Begegnung des Christen mit dem Herrn, sondern hat auch einen Gemeinschaftscharakter. Der Leitfaden erklärt, was in diesem Zusammenhang „Normen“ sind, deren „Konsequenzen … nicht notwendig immer dieselben sein müssen“ (AL 300, Fußnote 336). Es gibt Normen, die für alle gelten. Man vergleiche dazu Familiaris consortio 84 (Johannes Paul II.) und Sacramentum caritatis 29 (Benedikt XVI.). Es geht nicht um die subjektive Schuld, sondern um den objektiven, öffentlichen (!) Tatbestand.

Vielleicht haben die kräftigen Ausdrücke den genauen Blick der Leser bei der Fußnote 351 verstellt. Es geht dort um die eingeschränkte Schuldhaftigkeit bei einem objektiven Tatbestand der Sünde. Die Autoren weisen den allgemeinen Charakter der Fußnote 351 nach und deren Bezug auf objektive Zustände der Sünde, die aber nicht offenkundig sind und nur ins Forum internum gehören. Die Fußnote kann somit auch nicht auf die wiederverheirateten Geschiedenen bezogen werden. Stattdessen gibt es klare Aussagen des Lehramtes.

Ähnliches auch bei Abschnitt AL 301, der anscheinend ein Novum beinhaltet: Man könne nicht mehr behaupten, dass alle in einer „irregulären“ Situation Lebenden sich in einem Zustand der Todsünde befänden. Das hat das Lehramt noch nie behauptet. Johannes Paul II. in Ecclesia de Eucharistia: „Es ist offensichtlich, dass das Urteil über den Gnadenstand nur dem Betroffenen zukommt, denn es handelt sich um ein Urteil des Gewissens.“ (Nr. 37)

Der Leitfaden entwickelt im letzten Teil die konkreten Schritte einer Pastoral der vollen Eingliederung in die eucharistische Gemeinschaft. Er ist für echte Seelsorger ein wertvolles Navi, da er genau zwischen Forum internum und externum unterscheidet. Hier vorschnell auf das Gewissen zu verweisen (Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz v. 1.2.17), dient der Sache nicht und könnte höchstwahrscheinlich in eine ähnliche Situation führen wie damals die Königsteiner Erklärung mit dem Rekurrieren auf das persönliche Gewissen, worüber Kardinal Schönborn, jetzt Laudator von AL, im Jerusalemer Abendmahlssaal in einer Ansprache bekannte (27.3.2008): „Wir hatten nicht den Mut…“

José Granados, Stephan Kampowski, Juan-José Pérez-Soba: Begleiten, unterscheiden, eingliedern. Leitfaden für eine neue Familienpastoral nach Amoris Laetitia. Christiana-Verlag im

Fe-Medienverlag, Kisslegg 2017,

ISBN 978-3-7171-1274-7, EUR 9,80