Leicht dahin gepostete raue Töne

Ein Abend über die innerkirchliche Debattenkultur geht den Ursachen atmosphärischer Störungen auf den Grund. Von Heinrich Wullhorst

Bistümer gründen Netzgemeinde
Digital regt es sich oft leichter auf: Die Anonymität des Internets kann zu verbalen Schnellschüssen verführen. Foto: dpa
Bistümer gründen Netzgemeinde
Digital regt es sich oft leichter auf: Die Anonymität des Internets kann zu verbalen Schnellschüssen verführen. Foto: dpa

Mühlheim (DT) Das Klima in der Auseinandersetzung ist rauer geworden. Das beklagten der Publizist Andreas Püttmann, die Studentin Reinhild Rössler und der Theologe Markus Potthoff bei einer Veranstaltung in der Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr. Es gebe eine Verrohung der Debattenkultur nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche, waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Aggression, Hetze und persönliche Beleidigungen seien an der Tagesordnung.

In der angeregten, aber nicht wirklich kontroversen Diskussion, die im Übrigen ohne die vorab beschriebenen Attribute auskam, ging es unter dem Titel „Atmosphärische Störungen“ um das Binnenklima in der Kirche. In seiner Einführung beschrieb der Moderator der Veranstaltung, Jens Oboth, ein zunehmendes Lagerdenken innerhalb der Kirche, das sich auch darin zeige, dass der Ton zwischen dem kirchlichen Lehramt und liberaleren Theologen gereizter geworden sei.

„Flügelkämpfe sind in der Kirche nicht neu“, beschrieb Andreas Püttmann die Situation. Auf der berechtigten Suche nach der Wahrheit müssten allerdings „die moralischen Mindeststandards einer binnenkatholischen Debattenkultur eingehalten werden“. Man dürfe sich selbstverständlich streiten, „aber nicht den Respekt voreinander verlieren“, ergänzte der Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Bildung im Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Essen, Markus Potthoff.

Püttmann galt lange Jahre als strammer Konservativer. Er habe allerdings nicht die Seiten gewechselt, wie ihm oft vorgehalten werde, stellte der promovierte Politikwissenschaftler fest. Er vertrete immer noch die gleichen katholischen Positionen und müsse von dem, was er früher geschrieben habe, nichts zurücknehmen. „Allerdings hat sich das Koordinatensystem verändert durch einen beachtlichen Rechtsruck“, bemerkt Püttmann. Was ihn zunächst irritiert habe, war, dass wertkonservative katholische Autoren zunehmend für Publikationen wie die „Junge Freiheit“ aktiv geworden wären, „die Wochenzeitung der Neuen Rechten“. Nachdem er dies in einem Essay für „Christ und Welt“ angeprangert habe, sei der erste „Shitstorm“, eine Woge von Beschimpfungen, im Internet über ihn hereingebrochen.

Auch in der „Limburger Affäre“ um Bischof Tebartz-van Elst seien die Lager deutlich geworden. Für ihn sei von Anfang an klar gewesen: „Wenn ein Bischof der Lüge überführt wird, dann muss er entweder umgehend zurücktreten, oder so sehr sein Bedauern ausdrücken, dass die Gemeinde sagt, er solle bleiben.“ Hier habe ihn entsetzt, dass „ein ganzes Milieu den Bischof monatelang bis zum Schluss auf Deuvel komm raus verteidigt habe“. Püttmann beschrieb die Eskalation, die ihn erreicht habe: Zunächst gab es Ermahnungen, dann Diffamierungen und schließlich Schikanen mit handfesten Drohungen, das ganze selbstverständlich „immer gern unter die Gürtellinie“.

Ähnliche Erfahrungen habe auch der Bischof von Essen machen müssen, erläuterte Potthoff. Insbesondere dessen Äußerungen zur Willkommenskultur in der Flüchtlingsfrage hätten dazu geführt, dass inzwischen beleidigende Zuschriften mehrere Ordner im Generalvikariat füllen würden. Dazu sei Bischof Overbeck im Internet erheblichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Das gehe bis zu Gewaltandrohungen wie „dich kriegen wir auch noch, du Verräter“.

Als Hoffnungszeichen in dem Streit könnten junge Menschen das Mediennetzwerk Pontifex sehen. Als „Generation Benedikt“ gegründet, wollen hier junge Menschen zu Glaubensfragen Rede und Antwort stehen. „Wir orientieren uns an Papst und Lehramt, wollen aber auch Brücken bauen zwischen der Kirche und dem Rest der Welt“, erklärte die Pontifex-Vorsitzende Reinhild Rössler. Sie sieht ihre Gruppierung nicht als konservativ und möchte auch gar nicht in diesen Schubladen denken. „In den Diskussionen unter uns jungen Menschen ist der Ton offener und weniger verletzend als in sonstigen Debatten“, stellte sie fest.

Als einen der zentralen Gründe für die Verrohung der Debatte beschrieb Püttmann die Veränderung von Kommunikation durch das Internet. In verschiedenen Foren gehe es in erster Linie um die Selbstbestätigung. Schnell finde jemand dort „für seine Idee ein paar Hundert Leute, die das Gleiche denken“. In diesen Zirkeln drehe man sich dann recht schnell nur noch um sich selbst und verliere zuweilen die Realität aus dem Blick. Alle, die nicht so denken wie man selbst, bezeichne man dann schnell als dumm oder ignorant. „Eine solche Haltung ist natürlich verderblich für Toleranz und Dialogfähigkeit“, stellte Püttmann fest. Jedes in sich geschlossene System neige zu Wahrnehmungsstörungen und zur Verdummung. Reinhild Rössler teilte die Auffassung des Publizisten zur Online-Kommunikation. Eines der großen Probleme sei, dass man dort kein persönliches Gegenüber habe. Obwohl sie selbst mit ihrem Netzwerk viel im Internet unterwegs sei, bevorzuge sie in vielen Bereichen das persönliche Gespräch. Dort rede man dann eben nicht so, wie man es im Internet oftmals vorfinde.

Viele christliche Konservative sähen sich auch in eine Ecke gedrängt durch zahlreiche ungerechtfertigte Anfeindungen, die es gerade während des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. gegeben habe. Das habe dazu geführt, dass man dort dünnhäutiger geworden sei und oft reflexhaft reagiere, wenn man einen Angriff auf das eigene Milieu vermute, ergänzte Püttmann einen weiteren Aspekt für die zunehmende Härte in einer Auseinandersetzung, die man in katholischen Zirkeln früher um ganz andere Fragen geführt habe. „Früher haben konservative Katholiken mit liberalen über Fragen von Liturgie, Amtsverständnis, Sakramente oder den Zölibat gestritten, heute geht es um das Familienbild, um Formen menschlichen Zusammenlebens oder die Angst vor einer Islamisierung“, machte Püttmann deutlich. Die Diskussionen kreisten allerdings heute weniger um binnenkirchliche Themen, sondern eher um die, die auf der rechtskonservativen Seite den politischen Raum prägten. „Die Schamlosigkeit der Menschen, mit der sie andere mit Hasstiraden überziehen, lässt mich daran zweifeln, ob dort überhaupt eine Dialogfähigkeit besteht“, berichtete Markus Potthoff.

Sich mit kirchlichen Fragen auseinanderzusetzen sei etwas, wozu auch Papst Franziskus die Menschen bewegen wolle. Diese Botschaft erreiche die jungen Menschen, machte Reinhild Rössler klar. Für viele sei es aber auch ein großer Unterschied zu seinem Vorgänger Papst Benedikt. „Benedikt XVI. hat als größter lebender Theologe einen klaren Weg beschrieben und eine Richtung aufgezeigt“. Das habe vielen jungen Menschen gut gefallen, erklärte die Pontifex-Vorsitzende. An viele Unterschiede im Stil von Papst Franziskus müsse man sich gewöhnen. „Das ist aber auch eine Chance für die Kirche.“ Im Hinblick auf die politischen Einstellungen der Menschen ist es Rössler wichtig, dass vermehrt „politische Einstellungen aus dem eigenen Glauben und der eigenen Spiritualität heraus entwickelt werden und nicht umgekehrt“. Dafür brauche es weniger Diskussionen, aber „mehr Gebete und Spiritualität“.