Würzburg

Lehrer mit Augenmaß

Schon als Jugendlicher wunderte sich Rudolf Gehrig über die evangelikale Ablehnung aller Sexualität. Heute hält er sich an die lebensbejahende Botschaft der "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II.

Papst Johannes Paul II. in Österreich - 1988
Die konsequente Ausrichtung an Christus prägte die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. dpa Foto: Foto:

Es war eine kleine Sensation, die aus amerikanisch-evangelikalen Kreisen zu uns herüberschwappte: Joshua Harris, Pastor, Eheberater und gefeierter Buchautor des Bestsellers „Ungeküsst und doch kein Frosch“ (im Original: „I Kissed Dating Goodbye“) lässt sich von seiner Frau scheiden. Am 26. Juli gab der 44-Jährige dies auf der Social-Media-Plattform Instagram bekannt. „Ich habe die vergangenen Jahre in Buße gelebt – ich tat Buße für Selbstgerechtigkeit, meine Furcht vor dem Leben, für die Lehren in meinen Büchern, für meine Ansichten bezüglich der Frau in der Gemeinde und dafür, wie ich meine Kinder erziehe, um nur einige Dinge zu nennen.“

Harris war 21 Jahre alt, als 1997 sein Buch erschien. Er beschrieb darin seinen Weg zur Ehe, den er gemeinsam mit seiner Frau in Enthaltsamkeit beschritten hatte und führte aus, dass der Verzicht auf vorehelichen Sex die Möglichkeit eröffne, den eigenen Charakter zu formen und den anderen erst einmal richtig kennenzulernen, bevor man sich durch Geschlechtsverkehr zu früh an ihn binde. Harris betonte dabei die Wichtigkeit der gemeinsamen Beziehung zu Gott.

Evangelikale Lektüre für konservative Katholiken

Insgesamt decken sich die damaligen Ansichten des Pastors größtenteils mit der katholischen Morallehre, weshalb sich das Buch auch in wertkonservativ-katholischen Kreisen großer Beliebtheit erfreute. Auch ich hatte das Buch als 17-Jähriger gelesen und fand darin eine Motivationshilfe für den eigenen Weg. Kein Sex vor der Ehe – die Argumente dafür halte ich bis heute für schlüssig. Doch wie so häufig geht die gesunde, katholische Auffassung vom Leben und von der Sexualität manchen Christen nicht weit genug. So auch dem evangelikalen Pastor. Er schlug unter anderem vor, zu jedem Date die Eltern mitzunehmen und selbst mit dem ersten Kuss bis zum Traualtar zu warten. Heute sagt er: „Ich möchte gerne mitteilen, dass es mir leidtut, wie ich darüber in meinen Büchern geschrieben habe und wie ich als Pastor über Sexualität gesprochen habe.“

„Ungeküsst und doch kein Frosch“ ist ein spannendes Buch. Und doch habe ich dadurch erst gemerkt, wie erfrischend „normal“ und lebensbejahend die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. ist. Nach der Lektüre von Joshua Harris' Werk konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der eigene Leib ein ständiger Gefahrenherd sei, ein Feind, der mich unablässig in die Fänge des Teufels treiben will. Nicht wenige interpretierten seine Ausführungen als eine Warnung vor unschuldiger Zärtlichkeit. Ich habe erlebt, wie Pärchen aus meinem katholischen Freundeskreis sich die Ansichten des Autors zu eigen machten und mit geradezu protestantischer Prüderie Situationen zu vermeiden suchten, in denen sie sich zu lange und zu intensiv umarmen mussten und gar vor dem Kuss als eine Vorstufe zum Samenerguss warnten. Selbstredend waren diese Beziehungen nicht von langer Dauer.

Johannes Paul II. dagegen wurde nicht müde zu betonen, dass der Leib „Tempel des Heiligen Geistes“ sei, der gepflegt werden müsse. Es war für mich eine Offenbarung, dass ein Kirchenmann in wundervollen Worten über Sexualität sprach und darüber, wie sehr Liebe und Sex, Leib und Person zusammenhängen. Die Offenheit des Papstes beeindruckte: Nicht wenige haben die Vorstellung, dass Christen nicht über Sex sprechen können, ohne dass es ihnen die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Theologie korrigiert das Zerrbild

Ein wohltuendes Korrektiv zu diesem Zerrbild bildet die bisherige Arbeit des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie. Auch in Deutschland trägt dessen Arbeit Früchte. Die „Theologie des Leibes“ war und ist in katholischen Kreisen ein gewichtiges Thema. Zahlreiche Kongresse, Vorträge und Bücher haben gezeigt, dass die kirchliche Sexuallehre zwar nach wie vor eine Herausforderung ist, aber eine echte Alternative zum unverbindlichen Lebensstil vieler Zeitgenossen darstellt. Auch vereinzelte Auswüchse in die Prüderie wie auch die Gefahr der Verwässerung. Doch stellte das Institut Johannes Paul II. bisher ein kraftvolles Werkzeug, das Orientierung und Hilfe für den Alltag anbot.

Wer nach der „Theologie des Leibes“ zu leben versucht, erlebt im Alltag auch Einsamkeit. Wie alles, das einen großen Wert hat, ist auch die Formung der eigenen Sexualität ein Kampf, der Menschen hin und wieder alles abverlangt. Von Kommilitonen oder auch im Freundes- oder Verwandtschaftskreis wird man in eine Außenseiter-Rolle gedrängt und nicht ernst genommen. Doch diese Anfechtungen kennt jeder, der für eine gute Sache kämpft.

Ein Pärchen an der Festung Bandra in Mumbai
Wohin geht die gemeinsame Reise: Für junge Paare ist die katholische Lehre oft ein verborgener Schatz. Foto: dpa

Persönliches Scheitern ist immer tragisch. Dennoch besteht deswegen kein Grund, diese Erfahrung als Blaupause für eine neue Theologie zu nutzen, deren einziger Zweck es ist, eben jenes Scheitern zu rechtfertigen. Wer scheitert, braucht einen geistlichen Führer, der den Weg zur tatsächlichen Begegnung mit dem personalen Gott weist.

Das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, ist deshalb weder eine zusätzliche Herausforderung, noch eine lästige Pflicht, sondern oft die einzige Möglichkeit, die Beziehung zu Gott, zum Partner und zu sich selbst wieder in die richtige Bahn zu lenken. Wer vom Weg abgekommen ist und dann lieber stur durch das Moor stapft und sich einredet – oder einreden lässt –, dass dies nun der eigentliche Weg sei, wird auf lange Sicht untergehen. Der Wanderer, der sich auf den befestigten Weg zurückbringen lässt, wird mit Sicherheit belächelt werden, weil er sich nur auf den angeblich „ausgelatschten Pfaden“ fortbewegt. Doch er ist es, der letztlich ans Ziel kommt.

Moral nicht ins Extrem verdrehen

Deshalb ist es wichtig die Theologie des Leibes wie ein Schatz zu hüten. Dies war bisher eine wesentliche Aufgabe des Instituts von Johannes Paul II.. Es war ein Garant für ausgewogene Lehre, damit die Moral weder in das eine noch in das andere Extrem verdreht wird und Gläubige weder zu überfordern noch dem Relativismus zu überlassen. Die Liebe lebt auch von Tugenden wie Keuschheit und uneigennütziger Liebe. Sie schützen das Paar und verhindern, dass aus Zweifel jemals Verzweiflung wird.

Nicht nachvollziehbar ist, dass die Kirchenführung mit der Umstrukturierung des Instituts ausgerechnet die Arbeit jener Institution gefährdet, die zwar zarte, aber doch sichtbare Früchte hervorgebracht hat. Die Signale sind besorgniserregend (siehe DT vom 8. August), da sie auf eine neue Auslegung oder gar Änderung der Morallehre hindeuten. Denn noch immer gilt der Grundsatz: Was einmal wahr war, bleibt immer wahr, unabhängig von den Umständen oder der jeweiligen Zeit. Eine „Weiterentwicklung“ der Sexuallehre, wie sie von Teilen des Episkopats postuliert wird, fördert eine Mentalität, in der Tugenden wie Keuschheit und opferbereite Liebe gleichgültig werden. Gerade aus Sicht der jungen Generation stellt sich die Frage, ob die Hirten ihrer Fürsorgepflicht für das Seelenheil der Gläubigen noch gerecht werden.

Übrigens: Joshua Harris, der gefallene Star der evangelikalen Enthaltsamkeitsbewegung, hat nach seiner 180-Grad-Wende und der Aufgabe seiner Prinzipien ein bemerkenswertes Statement abgegeben: „Nach allen Maßstäben, die ich an die Definition eines Christen anlege, bin ich nicht mehr länger ein Christ.“ Das ist tragisch und traurig, aber auch konsequent.