Lehmann sieht tiefgreifende Krise der Kirche

Frankfurt (DT/KNA) Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann sieht die katholische Kirche wegen der Missbrauchsfälle in einer tiefgreifenden Krise. In einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Donnerstag) schreibt Lehmann, die Kirche dürfe sich nicht wundern, wenn sie jetzt an jenen Kriterien gemessen werde, mit denen sie sonst ihre sittlichen Überzeugungen vertrete. „Die aufgedeckten Missbrauchsfälle wirken wie ein Bumerang“, so der Kardinal. Zugleich bekundet Lehmann Erleichterung, „dass nun vieles an den Tag kommt“. Mit Blick auf das Zweiten Vaticanum kritisierte Lehmann „misslungene Bemühungen der nachfolgenden Rezeption“. Eine erneuerte Zuwendung zur modernen Welt sei notwendig gewesen, doch habe man „die Sogwirkung dieser Welt wohl vielfach unterschätzt“. Die „Welt“ habe sich als mächtiger erwiesen. Wörtlich nannte Lehmann die Ausbreitung einer „falschen Toleranz“. Die für die Zuwendung zur Welt noch wichtiger gewordene Spiritualität und Selbstbehauptung seien geschrumpft. In Fragen der Gestaltung der Sexualität habe die Kirche aus Spannungen nicht herausgefunden und sei in Verkündigung und Glaubensunterweisung wie gelähmt geblieben. Zu den ungenügend aufgenommenen Herausforderungen des Konzils zählt der Kardinal die Aussage über Heiligkeit und Sündhaftigkeit der Kirche. Mit Blick auf das heute stark empfundene Gewicht sündhafter Erscheinungen in der Kirche dürfe „der Aspekt der Heiligkeit nicht ausgeblendet werden“.