Lehmann: Ketteler auch als Seelsorger wiederentdecken

Feierlichkeiten in Geburtsstadt des „Sozialbischofs“ – Mainzer Kardinal hält Festvortrag in Münster. Von Gerd Felder

Münster (DT) Der Bischof von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, hat dazu aufgerufen, seinen großen Vorgänger Wilhelm Emmanuel von Ketteler nicht nur als Sozialbischof, sondern auch als Seelsorger stärker in den Blick zu nehmen. „Wir müssen bei ihm die Verbindung zwischen Glauben und Einsatz für eine bessere Welt sehen“, sagte Lehmann am Sonntag bei einem Festgottesdienst zu Ehren Kettelers in Münsters Lambertikirche. „Ketteler war auch in pastoraler Hinsicht wegweisend.“ Stadt und Bistum Münster gedachten jetzt des Sohnes, der am 25. Dezember 1811 in Münster geboren und am Tag darauf in der Lambertikirche getauft worden war.

Der Bischof von Münster, Felix Genn, würdigte besonders Kettelers Predigten über soziale Fragen. So habe sich Ketteler, der von 1850 bis 1877 die Mainzer Diözese leitete, für einen gerechten Arbeitslohn, sozialverträgliche Arbeitszeiten, die Einhaltung von Ruhetagen, das Recht auf Eigentum und die Förderung von Selbsthilfe eingesetzt. Freilich sei er weder Demokrat noch Monarchist, sondern beides zugleich gewesen, so Genn, „aber Kettelers Fragestellungen scheinen in den letzten Jahren wieder drängender zu werden.“

Zahlreich vertreten war bei den Feierlichkeiten in Münsters Lambertikirche und beim anschließenden Festakt im Rathaus die Familie von Ketteler. Als deren Sprecher hob Friedrich-Carl von Ketteler hervor, dass er in dem Bewusstsein erzogen worden sei, „dass wir einen großen Namen nicht zuletzt wegen Wilhelm Emmanuel von Ketteler tragen“.

Noch immer in den Köpfen der Menschen präsent

Auch ihm sei die Beschäftigung mit seinem großen Ahnherrn anfangs lästig gewesen, aber er habe sich durch vieles Lesen manches erarbeitet. „Seine Bedeutung ist mir erst im Dezember durch die Feiern in Mainz klar geworden, als ich die vielen Kerzen an seinem Grab im Dom sah“, erklärte von Ketteler. „Er ist immer noch in den Köpfen der Menschen.“ Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) betonte, Ketteler gehöre zu denen, die dafür gesorgt hätten, dass Münster eine so große Reputation habe. Er habe eine Balance zwischen spirituellem Leben und sozialem Gespür gefunden und erkannt, dass der Versuch, die Probleme der Zeit ohne Gott zu lösen, eine der Kernkatastrophen des 19. Jahrhunderts gewesen sei.

In seinem Festvortrag hob Kardinal Lehmann hervor, dass Kettelers tiefe Frömmigkeit ihre Wurzeln in Münster habe. Er sei der „Erwecker des sozialen Gewissens“ im damaligen Katholizismus gewesen und habe große Bedeutung für die Seelsorge in seiner Zeit gehabt. Auch sei nicht hoch genug zu schätzen, in welch hohem Maße er in die Zukunft vorausgeschaut habe. Für Ketteler sei klar gewesen: Die Seelsorge muss sich mit der sozialen Frage befassen, wenn die Kirche nicht die Arbeiterschaft verlieren wolle. So habe er große Bedeutung für die katholische Soziallehre und die katholische Sozialbewegung Deutschlands erlangt und mit seinen Ideen maßgeblich die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (1891) von Papst Leo XIII. beeinflusst. Zwar habe Ketteler nicht alles realisieren können, was er plante – etwa die Teilhabe der Arbeiterschaft am erwirtschafteten Vermögen –, aber viele seiner Forderungen fänden sich in Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils wieder, etwa die Wahrnehmung der „Zeichen der Zeit“ in „Gaudium et spes“, andere Grundgedanken im Ökumenismus-Dekret oder im Dekret über den Laienapostolat. Doch obwohl er die Spaltung zwischen Besitzenden und Nicht-Besitzenden angeprangert habe, sei Ketteler doch immer entschiedener den Weg der Sozialpolitik gegangen und habe keine romantische Verteufelung von Industrie und Kapitalismus betrieben. „Die soziale Frage ist für ihn untrennbar mit dem Lehramt der Kirche verbunden“, erklärte Lehmann. „Sie ist für ihn das schwierigste und wichtigste Problem der Gegenwart.“

Gedanken, die in den Konzilstext einflossen

Zugleich habe der Mainzer Bischof mit großer Schärfe auf die Einhaltung der Freiheitsrechte der Kirche gedrängt, die durch die absolutistischen Staaten stark eingeschränkt zu werden drohten. Diese Gedanken Kettelers seien in die Verlautbarung des Konzils über die Religionsfreiheit eingeflossen. „Heute ist entscheidend, dass Kurie und Papst in den Gesprächen mit den Piusbrüdern unmissverständlich an diesen Beschlüssen des Konzils festhalten“, fügte der Kardinal kritisch hinzu. Den Unfehlbarkeitsprimat des Papstes, der beim Ersten Vatikanischen Konzil beschlossen wurde, habe er für eine überzogene Formulierung gehalten, obwohl er für ihn persönlich kein Problem dargestellt habe. Letztlich aber habe das Zweite Vatikanische Konzil den Primat des Papstes mit der Kollegialität der Bischöfe zum Ausgleich gebracht und damit wiederum ein wichtiges Anliegen Kettelers erfüllt. „So ist dieser Mann der konkreten Tat zu einem Wegbereiter des Konzils geworden, und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen“, hob Lehmann hervor.

Darüber hinaus forderte der Festredner, Ketteler auch als großen Briefschreiber wiederzuentdecken. Lehmann räumte ein, dass der Sozialbischof willensstark, aufbrausend und jähzornig gewesen sei und es deshalb immer wieder Einwände gegen eine mögliche Seligsprechung gegeben habe. Trotzdem rief der Kardinal zu einer neuen Initiative in dieser Richtung auf, selbst wenn Ketteler nicht in die übliche Schablone eines Heiligen passe. „Uns sollte sein Wirken ein Ansporn sein, sein Erbe im Alltag zu verwirklichen“, so der Mainzer Kardinal.