Lebensprogramm gegen falsche Maßstäbe

Der Papst betrachtet die Seligpreisungen – Wortlaut der Ansprache beim Angelus am 30. Januar 2010

Liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen vierten Sonntag im Jahreskreis legt uns das Evangelium die erste große Rede vor, die der Herr auf den sanften Hügeln um den See von Galiläa an die Menschen richtet. „Als Jesus die vielen Menschen sah – so schreibt Matthäus –, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie“ (Mt 5, 1–2). Jesus, der neue Moses, „nimmt auf der ,Kathedra‘ des Berges Platz“ (Jesus von Nazareth, Freiburg-Basel-Wien 2007, S. 95) und preist die „selig“, die arm sind vor Gott, die Trauernden, die Barmherzigen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die ein reines Herz haben, die verfolgt werden (vgl. Mt 5, 3–10). Es handelt sich nicht um eine neue Ideologie, sondern um eine Lehre, die von oben kommt und das Menschsein berührt, eben jenes Menschsein, das der Herr durch seine Fleischwerdung annehmen wollte, um es zu retten. Daher „ist die Bergpredigt in die Weite der Welt, Gegenwart und Zukunft hinein gerichtet ... und kann nur in der Nachfolge Jesu, im Mitgehen mit ihm verstanden und gelebt werden“ (Jesus von Nazareth, S. 98). Die Seligpreisungen sind ein neues Lebensprogramm, um sich von den falschen Werten der Welt zu befreien und sich den wahren gegenwärtigen und künftigen Gütern zu öffnen. Denn wenn Gott tröstet, den Hunger nach Gerechtigkeit stillt, die Tränen der Trauernden trocknet, bedeutet das, dass er nicht nur jeden auf spürbare Weise belohnt, sondern auch das Himmelreich öffnet. „Die Seligpreisungen sind Umsetzung von Kreuz und Auferstehung in die Jüngerexistenz“ (ebd. S. 104). Sie spiegeln das Leben des Sohnes Gottes wieder, der sich verfolgen und bis zu seiner Verurteilung zum Tod verachten lässt, damit den Menschen das Heil geschenkt werde.

Ein früher Eremit erklärte: „Die Seligpreisungen sind Geschenke Gottes und wir müssen ihm großen Dank sagen für sie und für die Belohnung, die aus ihnen erwächst, also das Himmelreich im künftigen Zeitalter, den Trost hier, die Fülle alles Guten das von Gott kommt und die Fülle seiner Barmherzigkeit..., wenn man einmal das Bild Christi auf Erden geworden ist“ (Petrus von Damaskus, in Filocalia, Bd. 3, Turin 1985, S. 79). Das Evangelium der Seligpreisungen wird durch die Geschichte der Kirche, durch die Geschichte der christlichen Heiligkeit erklärt, denn, wie der heilige Paulus schreibt: „Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten“ (1 Kor 1, 27–28). Daher hat die Kirche in einer Gesellschaft, die häufig von materiellem Wohlstand und weltlicher Macht angezogen wird, keine Angst vor der Armut, der Verachtung, der Verfolgung. Der heilige Augustinus ruft uns in Erinnerung, dass es „nicht nutzbringend ist, an diesen Übeln zu leiden, sondern dass man sie nicht nur mit Gelassenheit sondern auch mit Freude im Namen Jesu ertragen muss“ (De sermone Domini in monte, I, 5,13: CCL 35, 13).

Liebe Brüder und Schwestern, rufen wir die selige Jungfrau Maria an und bitten wir sie um die Kraft, den Herrn zu suchen (vgl. Zef 2, 3) und ihm stets freudig auf dem Weg der Seligpreisungen zu folgen.

Die Pilger deutscher Sprache

begrüßte der Papst mit den Worten:

Ein herzliches „Grüß Gott“ sage ich den Pilgern und Besuchern aus den Ländern deutscher Sprache. Im heutigen Evangelium zeigt Jesus mit den Seligpreisungen den Weg zur Glückseligkeit auf. Die Seligpreisungen stellen gleichsam ein Selbstbildnis Christi dar: seine Armut und Schlichtheit sowie seine Milde und Leidenschaft für Gerechtigkeit und Frieden. Je eifriger wir ihn in diesen Haltungen nachahmen, umso mehr schenkt er uns seine Liebe und stillt unsere innerste Sehnsucht nach Glückseligkeit und Frieden. Lasst uns diese wunderbare Gemeinschaft mit Christus pflegen. Dazu begleite euch Gott mit seiner Gnade.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller