Lebensfunken für die ermüdete Welt

Das Leid der Menschen zum Kreuz tragen: Der Neutestamentler Ansgar Wucherpfennig SJ zur Sendung des Priesters in unserer Zeit

Limburg/Hadamar (DT) In der Primiz des schwerkranken Neupriesters scheint etwas vom Lebensopfer Christi durch. Bei einer Vortragsreihe der Katholischen Erwachsenenbildung des Bistums Limburg veranschaulichte der Neutestamentler Ansgar Wucherpfennig SJ am Mittwoch die Sendung des Geistlichen in unserer Zeit am Lebenszeugnis des seligen Karl Leisner (1915–44): Im Konzentrationslager empfing er die Priesterweihe und feierte seine erste und einzige Messe. So habe Leisner Christus in seinem Leben transparent werden lassen und ihm „in seinem tiefen Wunsch geholfen, dass kein Splitter seines wertvollen Kreuzesholzes verloren geht“. Wo durch den Priester im kraftlosen Leben der Gesellschaft heute ein Funke der Seligpreisungen Jesu leuchte, bringe der Geistliche etwas von dem Glück Jesu in die religionsmüde gewordene und gleichzeitig dürstende Welt. Ein Traumberuf, aber kein Job, denn der Priester folgt dem Ruf Jesu.

Hellwach, nervenstark und widerstandsfähig

Auf die Frage „Wozu Priester heute?“ antwortete der an der Hochschule St. Georgen lehrende Jesuit schlicht: „um das Leid dieser Welt der Barmherzigkeit Gottes anzuempfehlen“. Die Schicksale der Menschen, denen der Geistliche begegnet, zum Kreuz zu tragen und mit dem Opfer Christi zu verbinden bedeutet die herausragende Chance des Geweihten. Für alles Menschliche offen zu sein bedeute heute vor allem: Für die Müdigkeit der Menschen offen zu sein. Das Leid der gegenwärtigen Gesellschaft erkennt der Neutestamentler in der Müdigkeit und schleichenden Traurigkeit vieler Menschen, deren Trägheit für das Übernatürliche sich mit Sattheit am Luxus paare und die Seele lähme. „Der Priester muss wach sein, starke Nerven haben und resistent sein gegen Depressionen, die ihn selbst lähmen“, stellte Wucherpfennig fest und verwies auf das zentrale Symbol des Christentums: Es sei die „einzig wahre Religion“, weil es das Kreuz in die Mitte stelle. Wird der Glaube an das Kreuz, das den Heiden ein Ärgernis bleibt, vereinbart mit dem Glauben an den ewigen Gott, entsteht eine Brücke über die Lücke zwischen Leid und Glück. Anders formuliert: Die einzig wahre Religion denkt das Paradox. „Im Kreuz hat Gott seine ewige Glückseligkeit in den Mutterboden der wankenden Erde hineingepflanzt. Und der Priester ist dazu da, alles Leid, dem er begegnet, mit dieser Glückseligkeit Gottes in eine heilende Berührung zu bringen“, so Wucherpfennig.

Wie diese Sendung auch für Laien aussehen kann, beschrieb der Jesuit in einem Zeugnis über seine Zeit als Krankenpfleger in einem Jerusalemer Krankenhaus. Der tägliche Gang zur Grabeskirche vor oder nach dem Dienst in der Klinik bot Gelegenheit, für die Kranken zu beten und ihre Schicksale zum Kreuz zu tragen: „Wenn meine Hand dann am Kalvarienberg auf den Boden stieß und Halt fand, wurde für mich fühlbar, was der Satz der Kartäuser zusammenfasst: ,Das Kreuz steht, während der Erdkreis im Innersten erbebt und auf den Kopf gestellt wird‘“. Die meisten Patienten waren keine Christen. Einer, ein Frankfurter Jude, habe zunächst erschrocken auf den Anblick des Deutschen reagiert, im Lauf der Zeit jedoch seine Scheu abgelegt.

Vom Himmel einen Wandel der Herzen zu erflehen setzt die Weihegnade nicht zwingend voraus: Der Neutestamentler ging in seinen Überlegungen zum gemeinsamen Priestertum der Gläubigen von dem Laien Jesus aus, der nicht aus dem Stamm Levis war und daher seinem Stand im Volk Israel nach kein Priester war. Dennoch bleibt Christus die „Quelle allen Priestertums“ (Thomas von Aquin). Wenn der aus dem Stamm Davids hervorgegangene Retter auch nicht nach der irdischen Ordnung Priester ist, so liefert Wucherpfennig zufolge der Hebräerbrief die Erklärung für das Priestertum Jesu: Er ist Priester nach der Ordnung des Melchisedek, weil er wie Melchisedek im reinen Opfer Gottes Gabe den Menschen gegeben hat. Daraus leite sich die Aufgabe des Priesters ab, den Menschen das Göttliche zu geben und Gottes Heil sichtbar zu machen. Ein anspruchsvolles Ideal, das weder weltfremd noch gänzlich uneinlösbar ist, wie die anschließende Diskussion zeigte. Sich mit Jesus verbinden und ihm gleichgestaltet zu werden sei unter Priesteramtskandidaten ein Leitmotiv für ihre persönliche Entscheidung, das eigene Leben ganz dem Dienst der Kirche zu weihen, unterstrich Wucherpfennig und fügte schmunzelnd hinzu: „Dass die Realität dem Ideal nicht immer entspricht, spricht normalerweise nicht gegen das Ideal.“

Im vollen Terminkalender Zeit für die Predigt freihalten

Der Alltag sei auch zur Zeit Jesu grau gewesen, doch die Seligpreisungen im Alltag sichtbar werden zu lassen gelinge Priestern auch heute. Als konkretes Beispiel zitierte der Jesuit die Sonntagspredigt. Zeit für die intensive Predigtvorbereitung nehmen sich seiner Beobachtung nach viele Pfarrer – trotz voller Terminkalender. Auch in größeren Pfarreien beschränken sie sich nicht auf die Rolle des Managers, sondern dienen als Seelsorger – wenn auch eher über Multiplikatoren als an jedem Einzelnen.

Zustimmend äußerte er sich auf Nachfrage auch zum priesterlichen Zölibat. Der Zölibat sei sinnvoll und habe zur Freiheit der Kirche beigetragen, weil er Priester nicht nur von der Pflicht, eine Familie zu ernähren, entlaste, sondern zugleich auch von gesellschaftlichen Verpflichtungen. Doch zeigt gerade die Infragestellung des Verzichts auf Ehe und Familie um des Himmelreiches willen, dass das Verständnis für die priesterliche Lebensform schwindet. Ob die Schwierigkeiten der Menschen mit dem Priesteramt darauf zurückzuführen seien, dass den Menschen das Gefühl für das Heil abhanden gekommen sei und Autoritäten sie generell störten, fragte ein Teilnehmer. Wucherpfennig sah keinen grundsätzlichen Autoritätskonflikt, eher einen innerkirchlichen. In Westeuropa litten die Katholiken noch stark unter einer „Verweltlichung der religiösen Botschaft in den sechziger und siebziger Jahren“. Diese sei zwar von der Absicht getragen worden, die Verkündigung zu stärken und aktuell zu machen, doch sei der Sinn für die Präsenz des Heiligen im Irdischen darüber vielfach verloren gegangen. Eine Gegenbewegung zeichne sich jedoch bereits ab, wie beispielsweise die zunehmende Akzeptanz der Priesterkleidung in der jungen Generation zeige.

Zeitlose Aufgabe des Geistlichen bleibe, das Priestertum des Volkes Gottes zu stärken. Es ist notwendig, weil, wie Wucherpfennig formulierte, „die Zeit begrenzt ist und Gott jeden Menschen retten möchte“. Pfarrstrukturen allein dürften für den Erfolg nicht ausschlaggebend sein, sofern die Freude an der Nachfolge auf die Gläubigen abfärbt.