„Lasst Euch nicht die Hoffnung rauben“

Als einfühlsamer Katechist und sensibler Seelsorger der „kleinen Herde“ zeigte sich Papst Franziskus bei seiner dritten Balkan-Reise. Für Bulgarien und Mazedonien war der Besuch ein Fest, doch der ökumenische Durchbruch misslang. Von Stephan Baier

Kirche Foto: KNA

Mit seinem dreitägigen Besuch in Bulgarien und Mazedonien ist Papst Franziskus neuerlich „an die Ränder“ gegangen. An die Peripherie Europas, denn Bulgarien ist das ärmste Land der EU und Mazedonien ein bisher vom vereinten Europa verschmähter und von seinen Nachbarn übel misshandelter Kleinstaat. Aber auch an die Peripherie des katholischen Europas, denn in beiden Staaten stellen die Katholiken nur knapp ein Prozent der Einwohner.

Bulgariens sonst wenig fromme Politik hieß den Papst am Sonntag freudig willkommen, war dieser zweite Papstbesuch binnen 17 Jahren doch eine Gelegenheit, das Armenhaus der EU in ein mildes Licht zu rücken. Franziskus pries Bulgarien als „Land mit alten christlichen Wurzeln“ und „Ort des Zusammentreffens vieler Kulturen“, wies jedoch zugleich auf das „Drama der Auswanderung“ hin. Tatsächlich ist die massenhafte Emigration junger Landsleute für Bulgarien und seine Nachbarn eine größere Sorge als die Zuwanderung: Zwei Millionen Bulgaren leben und arbeiten im Ausland, etwa Tausend verlassen jede Woche ihre Heimat. Dagegen hat die Zahl der Zuwanderer rapide abgenommen, nicht zuletzt, weil die Regierung von Bojko Borisow die Grenze zur Türkei dichtgemacht hat. Der Papst besuchte ein kurzfristig aufgehübschtes Flüchtlingszentrum in Sofia, ermutigte die dortigen Freiwilligen und hörte sich die Fluchtgeschichte eines Afghanen an.

Lange hatte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Christo Proykov, gehofft, das interreligiöse Friedensgebet mit dem Papst werde sich an die Friedenstreffen von Assisi reihen und weltweite Beachtung finden. Indes versenkte der Boykott der bulgarischen Orthodoxie die Strahlkraft dieser Geste: Am Ende standen Vertreter des Islam, des Judentums und der armenisch-apostolischen Kirche neben dem Papst auf der Bühne, doch kein Hierarch der im Land dominanten Orthodoxie. Ministerpräsident Borisow und der einstige Zar Simeon II., der das Land von 2001 bis 2005 als Ministerpräsident Simeon Sakskoburggotski regierte, saßen auf dem regennassen „Platz der Unabhängigkeit“ zwischen der orthodoxen Nedelja-Kathedrale, der katholischen St. Josefs-Kirche, der Synagoge und einer Moschee, als der Papst mit den Religionsgemeinschaften – doch ohne die orthodoxe Staatskirche – für den Frieden betete. Vom „Feuer der Liebe, das in uns brennt und das zu einem Leuchtturm der Barmherzigkeit, der Liebe und des Friedens werden muss“, sprach Franziskus auf dem früheren Leninplatz.

Die Herzen der orthodoxen Bischöfe zu entflammen, gelang ihm in aller Demut nicht. Patriarch Neofit hieß den Gast aus Rom zwar im Heiligen Synod willkommen, auch hier flankiert von Zar Simeon, betonte aber „Unstimmigkeiten“ und Grenzen. Dass man dem Papst nicht mehr als Höflichkeit entgegenbrachte, erklärte das Oberhaupt der bulgarischen Orthodoxie so: „Wir versuchen, die Kirche zu bewahren, die makellos, ohne Flecken und Falten ist, und bemühen uns, keine Kompromisse im Glauben zuzulassen.“ Kaum war Franziskus ins Nachbarland weitergereist, ergänzte der orthodoxe Metropolit von Plowdiw, man habe den Papst nur als politisches Oberhaupt des Vatikanstaates empfangen, doch niemand könne die Orthodoxie zum Gebet mit ihm zwingen.

Ein Heimspiel feierte Franziskus dagegen in der Kleinstadt Rakovski, einer katholischen Insel im orthodoxen Meer Bulgariens. 245 Kindern, ganz in Weiß und mit dem Logo des Papstbesuchs auf der Brust, konnte Franziskus in der dortigen Herz-Jesu-Kirche die Erstkommunion spenden. Es wurde ein fröhliches Glaubensfest, und der Papst verstand sich auf eine kindgerechte Katechese. Nach der offiziellen Predigt brachte er den Kindern in freiem Dialog „die Identitätskarte des Christen“ bei: Gott als Vater, Jesus als Bruder, die Kirche als Familie und die Liebe als ihr Gesetz zu sehen.

Unter Jubel und Glockengeläut ging es dann im offenen Papamobil zur nahen Erzengel-Michael-Kirche, wo der Papst Lebenszeugnisse anhörte und sich an die katholische Gemeinde wandte. „Die Pessimisten machen alles kaputt“, sagte der Papst und rief die Gläubigen dazu auf, Hoffnung zu stiften. Die Kirche sei wie eine Mutter, „die immer weiß, wie man die Dinge wieder zurechtbiegt“. Fazit: „Entfernt euch nie von der Kirche!“

Für das benachbarte Mazedonien war der zehnstündige Aufenthalt am Dienstag der erste Papstbesuch. Auch hier rief Franziskus angesichts von wirtschaftlicher Tristesse und politischem Streit zur Hoffnung auf: „Lasst euch nicht die Hoffnung rauben!“, sagte er bei der Begegnung mit Jugendlichen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Er warnte die Jugend vor „ideologischen Kolonisatoren“, ermutigte zum Wagnis und dazu, auf die eigenen Großeltern zu hören.

Wie ein roter Faden zog sich die Wertschätzung für die 1910 in Skopje geborene Mutter Teresa durch die Ansprachen des Papstes und seiner Gastgeber. In der Kapelle des Mutter-Teresa-Gedenkhauses würdigte Franziskus die Heilige aus Skopje als „Mutter der Armen“. Anders als im Nachbarland Bulgarien nahm das Oberhaupt der mazedonischen Orthodoxie, Erzbischof Stefan, am Gebet mit dem Papst in Skopje teil. Mazedoniens Orthodoxie erfuhr stets vom Vatikan mehr Anerkennung und Wertschätzung als von den orthodoxen Kirchen der Nachbarstaaten.

Der in wenigen Tagen aus dem Amt scheidende Staatspräsident Gjorgje Ivanov – der zwei Tage zuvor gewählte Nachfolger saß in der ersten Reihe – nutzte den Empfang des Papstes zur mahnenden Bilanz: Die jahrzehntelange Blockade des Landes (gemeint war: durch den Nachbarn Griechenland) habe die mazedonische Nation tief gespalten und verwundet. Der Papst komme als „Symbol der Einheit“ und als „inspirierendes Oberhaupt“, so der orthodoxe Christ Ivanov: „Sie vertreten den Gottmenschen Jesus Christus. Sie symbolisieren den Weg der Liebe und der Barmherzigkeit.“ Bei Franziskus würden Worte und Taten übereinstimmen. So sei er zu einer Inspiration für Millionen Menschen auf der ganzen Welt geworden, anerkannte der scheidende Präsident Mazedoniens.