„Kyrill I. möchte sehr gern den Papst treffen“

Russischer Kirchenexperte: Moskauer Patriarch setzt auf Vatikan

Der Moskauer Religionssoziologe Roman Lunkin (33) ist Direktor des Instituts für Religion und Recht der Russischen Akademie der Wissenschaften. Im Gespräch mit Oliver Hinz (KNA) zieht er eine Bilanz des ersten Amtsjahres des Moskauer Patriarchen Kyrill I. und unterstreicht seine persönliche Überzeugung, dass dieser an einer Begegnung mit Papst Benedikt XVI. sehr interessiert ist.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Patriarch Kyrill I. und seinem Vorgänger Alexji II.?

Patriarch Alexij II. war sehr mild und konservativ. Er ließ den Bischöfen und Priestern viel Freiheit – es gab keine strenge Zentralisierung. Er unterstützte die verbreitete Idee einer patriotisch-kulturellen Orthodoxie in Russland. Patriarch Kyrill I. ist eine glänzend talentierte Persönlichkeit. Er ist ein Verfechter einer starken Kirche mit einer zentralistischen Struktur wie in der katholischen Kirche und enger Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Kyrill I. wünscht sich einen nicht-demokratischen orthodoxen Staat, der die Kirche in finanziellen und sozialen Belangen beschützt. Formell ist das Moskauer Patriarchat unabhängig, aber in Wirklichkeit hängt die Kirche viel mehr vom Staat ab. Denn es ist unmöglich, die Initiativen von Kyrill I. ohne staatliche Hilfe von Kreml-Funktionären umzusetzen.

Haben sich unter Patriarch Kyrill I. die Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche verbessert?

Die Verantwortlichen der Abteilung für Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats und Patriarch Kyrill I. selbst sagen, dass die Beziehungen zwischen beiden Kirchen immer intensiver werden. Kyrill I. und Außenamtsleiter Erzbischof Hilarion achten sehr auf gemeinsame Positionen zu der Säkularisierung sowie den Folgen des Pluralismus und Liberalismus in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber diese Entwicklung der Beziehungen zum Vatikan ändert nicht die Haltung der russisch-orthodoxen Kirche gegenüber den russischen Katholiken. Diese werden vom Moskauer Patriarchat unter Druck gesetzt. Kyrill I. erlaubt nicht, dass in Russland orthodoxe Gläubige zum Katholizismus bekehrt werden. Das Patriarchat erkennt die Katholiken des byzantinischen Ritus nicht an.

Glauben Sie, dass sich der russisch-orthodoxe Patriarch bald mit Papst Benedikt XVI. treffen wird?

Kyrill I. möchte sehr gerne Papst Benedikt XVI. treffen. Das ist eines der Ziele seiner Kirchenstrategie. Das Moskauer Patriarchat hat eine triumphale Begegnung der zwei traditionell konservativen Kirchen der zwei Kulturen – der westeuropäischen und der russischen – im Sinn. Zu dem Treffen wird es kommen, wenn der Vatikan formell die Garantie gibt, dass in Russland keine orthodoxen Gläubigen abgeworben werden und er halbwegs Fehler in der Westukraine eingesteht. Kyrill I. wird dieses Jahr wieder die Ukraine besuchen, und ich denke, er wird versuchen, jedes Jahr in die Ukraine zu kommen. Und vielleicht wird deshalb der Vatikan mit dem Moskauer Patriarchat einen gemeinsamen Standpunkt zur Ukraine erarbeiten.