Kurz gefasst: Das Gnadenbild von Guadalupe

Von Katrin Krips-Schmidt

Als die Spanier in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts das Reich der Azteken erobern, bringt die einheimische Bevölkerung, wie es ihre Religion verlangt, jeder einzelnen Naturgewalt regelmäßig Menschenopfer dar. Die Franziskaner versuchen das aztekische Volk zu missionieren, allerdings ohne Erfolg. Zu tief verwurzelt ist der Glaube an Gottheiten, die durch stete Opfergaben besänftigt werden müssen. Eine zentrale Rolle spielten hierbei der Sonnen- und der Regengott, die „Mutter aller Götter“, sowie Quetzalcoatl, der Schlangengott. Dass sich die Indios in Mexiko schließlich doch bekehrten, ist einem ganz besonderen Geschehen zu verdanken, das sich vor nunmehr 480 Jahren ereignete: der Erscheinung der Jungfrau von Guadalupe.

Der Überlieferung zufolge begegnet der Azteke Juan Diego am 9. Dezember 1531 auf einem Hügel bei Tenochtitlán – der damaligen Hauptstadt des Reiches – einer weißgewandeten Dame, die sich ihm vorstellt: „Ich bin die immerwährende Heilige Jungfrau Maria, die Mutter des einzig wahren heiligen Gottes, des Leben spendenden Schöpfers aller Menschen. Ich wünsche mir sehr, dass mir hier ein Heiligtum errichtet wird, wo ich ihn zeigen, preisen und für immer bezeugen kann. Ich werde den Menschen meine ganze Liebe spenden, meinen erbarmenden Blick, meine Hilfe, meinen Trost, meine Rettung. Denn ich bin wahrhaftig eure mitleidende Mutter: deine Mutter und die aller Menschen, die dieses Land bewohnen.“

Als der zuständige Bischof ein Zeichen für die Echtheit der Erscheinung fordert, bekommt er es. Auf Geheiß der Dame findet und pflückt Juan Diego mitten im Winter auf einem Felsen wunderschöne Rosen, die er in seinem Gewand zu seinem Oberhirten trägt. Als er diese „Tilma“, einen Umhang aus grobem Stoff, vor dem Bischof und weiteren Zeugen ausbreitet, um die Blumen hervorzuholen, erscheint ein nicht von Menschenhand geschaffenes Bild, auf dem die heilige Jungfrau Maria vor einem Strahlenhintergrund zu erkennen ist. Im Jahre 1695 wird am Ort der Erscheinung der Grundstein für eine große Basilika gelegt, 1737 wird die Madonna von Guadalupe zur Patronin Mexikos und 1910 von ganz Lateinamerika erklärt und 1756 erkennt der Vatikan das Wunder an.

Was ist das Besondere an dem Bild, dass man ihm eine übernatürliche Entstehung zuspricht? Das Gewebe der Tilma, das aus Fasern der Agave hergestellt wird, hält sich im Normalfall etwa zwanzig bis dreißig Jahre, danach zerfällt es. Das Tuch des Gnadenbildes ist jedoch seit fast 500 Jahren unversehrt. Die Farben, die sich noch immer auffallend frisch zeigen, sind nicht – wie bei einem gemalten Bild – auf der Oberfläche der Fasern aufgetragen. Je nach Lichteinfall ändern sie sich, sie changieren wie auf den Flügeln eines Schmetterlings. Ungewöhnlich ist zudem die in dem Gnadenbild enthaltene Symbolik. Gleich mehrere Sinnbilder offenbarten dem Betrachter, dass es sich bei der dargestellten Frau um jemanden handelt, der stärker war als die eigenen Götter, als die Götter der Indios. So ist Maria umgeben von Sonnenstrahlen, doch die Sonne selbst entzieht sich dem Blick. Was bedeutet, dass Maria mächtiger als der Sonnengott ist. Sie steht auf der Mondsichel, die als Symbol für den Schlangengott galt. Damit wurde sie zur Schlangenzertreterin. Ihr Obergewand ist von einer grünlich-blauen Farbe, die den Adligen der aztekischen Gesellschaft vorbehalten war. Es ist mit Sternen geschmückt, was wiederum ihre Macht über die Gestirne des Himmels demonstrierte, die von den Indios doch so verehrt wurden. Darüber hinaus wird Maria hier als braunhäutige Madonna dargestellt, die bereits die Gesichtszüge der Mestizen aufweist – den Nachkommen von Spaniern und Indios. Was nach Aussage der Referentin als völkerverbindende Anspielung verstanden werden muss.

Heute ist Guadalupe der größte Marienwallfahrtsort der Welt. Jährlich kommen bis zu 20 Millionen Pilger an diesen Gnadenort. 2002 wurde Juan Diego von Papst Johannes Paul II. als erster Indio heiliggesprochen.