Warschau

Kulturkampf in Polen

Die Kirche in Polen wehrt sich gegen die zunehmende gesellschaftspolitische Instrumentalisierung der verschiedenen sexuellen Orientierungen von Menschen.

Gleichheitsparade in Polen
"Pride"-Märsche in Warschau zeigen die Spaltung der Polen. Foto: dpa

Es waren drastische Worte, welche Erzbischof Marek Jedraszewski, der Metropolit von Krakau und stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, während der Feierlichkeiten zum 75. Jubiläum des Warschauer Aufstands wählte. „Die rote Seuche geht glücklicherweise nicht mehr über unser Land. Aber das heißt nicht, dass es nicht eine neue Seuche gäbe, die unsere Seelen, Herzen und unser Denken beherrschen will. Nicht die marxistisch-bolschewistische Seuche, aber aus dem gleichen Geist geboren. Eine neomarxistische Seuche – nicht in Rot, sondern in den Farben des Regenbogens.“

Schnell machten auch andere Bischöfe des Landes klar, dass sie an der Seite Jêdraszewskis stehen: der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki, der emeritierte Erzbischof von Tschenstochau, Stanislaw Nowak, Bischof Wieslaw Mering von Wloclawek oder Weihbischof Miroslaw Milewski aus Plock, der die kirchliche Familien- und Ehe-Lehre bei einer Marienbild-Weihe deutlich von einer „kranken LGBT-Ideologie“ abgrenzte. „Maria, rette die jungen Leute, die auf der Suche nach ihrer Identität sind, dass sie nicht von neumodischen Slogans über Freiheit und Toleranz verführt werden, die in Wirklichkeit zur Versklavung und ins Verderben führen“, so der 48-Jährige weiter. Aussagen, die es nicht nur in die polnischen Nachrichten schafften, sondern auch von internationalen Medien aufgegriffen wurden.

Pride-Märsche und Pläne für die "Homo-Ehe"

Tatsächlich nimmt man in der Kirche Polens mit Sorge wahr, dass nicht nur die Zahl von sogenannten „Pride“-Märschen im Land erheblich zugenommen hat, auch die von liberalen Politikern eingeleitete Einführung einer auf Gender Mainstreaming-Prinzipien basierenden Sexualerziehung in den Schulen, sowie die intendierte Einführung der Homo-Ehe plus Adoptionsrecht ist vielen Hirten des Landes ein Dorn im Auge. Wobei Erzbischof Stanislaw Gadecki, der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, vergangene Woche in einer Stellungnahme unterstrich, dass die Kirche durchaus zwischen den einzelnen Menschen mit ihrer jeweiligen sexuellen Orientierung und organisierter Lobbyarbeit im Dienste einer „Ideologie“ unterscheidet. „Menschen, die zu den Milieus sogenannter sexueller Minderheiten zählen, sind unsere Brüder und Schwestern, für die Christus sein Leben gegeben hat und deren Erlösung er will. Respekt für einzelne Individuen kann jedoch nicht zur Akzeptanz einer Ideologie führen, die darauf abzielt, soziale Bräuche und zwischenmenschliche Beziehungen zu revolutionieren.“

Dabei lehnt sich Gadecki ausdrücklich an Papst Franziskus an, der bereits im Jahr 2014 vor einer „Revolution“ warnte, welche schon oft die „Flagge der Freiheit“ schwenkte, aber nur Zerstörung brachte. Ferner hebt Gadecki hervor: „Die Welle der Kritik, welche den Metropolit von Krakau, den Erzbischof und Professor traf, sowie die Reaktionen von Arbeitgebern gegenüber Menschen, die ihre Ablehnung der LGBT+ -Ideologie zum Ausdruck bringen, zeugen von dem ideologischen Totalitarismus, der in bestimmten Milieus verwurzelt ist und der darin besteht, Menschen zu entfernen, die anders denken außerhalb der Sphäre der Freiheit.“

Gadeckis Appell lautet deshalb, „den Grundsatz der Nichtdiskriminierung in der öffentlichen Diskussion nicht nur auf die Befürworter der genannten Ideologie anzuwenden, sondern auch ihren Gegnern die Möglichkeit zu geben, mit gleichen Rechten zu debattieren.“ Rückendeckung erhält der Erzbischof auch aus dem Ausland. Der tschechische Kardinal Dominik Duka verteidigte Gadeckis Äußerungen gegen Kritik verteidigt. In einer am Montag veröffentlichten Erklärung wandte er sich einem Bericht von Radio Prag zufolge gegen eine „LGBT-Ideologie“, die seiner Ansicht nach eine „atheistische und satanistische Agenda“ verfolge. Seine Amtsbrüder in der Slowakei und in Ungarn rief der Prager Kardinal demnach auf, sich hinter Gadecki zu stellen.

Grenzüberschreitungen auf beiden Seiten

Betrachtet man die aufgeheizte Stimmung im Land, so wirkt der Begriff „debattieren“ durchaus euphemistisch. Der Missbrauch bestimmter religiöser Symbole und Riten durch einzelne LGBT-Milieu-Angehörige hat viele Katholiken im Land empört; schockiert war man aber auch, als Demonstranten eines „Pride“-Marsches in Bialystok von nationalistisch gesonnenen Aktivisten attackiert wurden. Die Bischofskonferenz ging zu dieser Form der physischen Gewalt schnell und eindeutig auf Distanz.

Dass bald wieder Ruhe eintritt, ist unwahrscheinlich. So wurde nun dank KAI, der katholischen Nachrichtenagentur Polens, ein Dokument bekannt, das sich wie eine „road map“ zur LGBT-sierung Polens liest und den bemerkenswerten Anstieg von Paraden im Land erklärt. Eine Schlüsselrolle, organisatorisch wie finanziell, kommt der in Brüssel ansässigen Nicht-Regierungsorganisation ILGA-Europa zu, die nicht nur Polen, sondern ganz Europa und Zentralasien im Blick hat. Nicht nur weitgreifende gesetzliche Veränderungen werden als Ziele definiert, auch das Zitieren von Bibelversen, welche homosexuelle Akten verdammen, sollte demnach bald als „Verbrechen, das von Amts wegen verfolgt wird“ geahndet werden. Medienkampagnen spielen dabei eine besondere Rolle. Wobei genau vermerkt ist, welche katholischen Medien Polens bereits auf Linie sind mit der neuen Agenda.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass in manchen, auch ausländischen Medien gern die Kirche Polens in Hass-Allianz mit der konservativen PiS-Partei gezeigt wird, der Partei also, welche der LGBT-Agenda in Polen widerspricht. Obwohl viele patriotische Geistliche des Landes durchaus mit PiS sympathisieren, ist eine solche Verknüpfung aber unzulässig. Die Kirche Polens ist beim Umgang mit Gender-Mainstreaming nur in Allianz mit Papst Franziskus, der sich aus christlicher Liebe und Verantwortung wiederholt von der Gender-Lehre distanziert hat und vor einer „ideologischen Kolonisation“ warnt. Rückendeckung bekommt Erzbischof Jêdraszewski auch von den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in Tschechien und der Slovakei, sowie von Kardinal Zenon Grocholewski, einem langjährigen Freund Johannes Pauls II., aus dem Vatikan.