Krieg und Gewalt im Namen der Religion?

Eigentlich seien Gewalt und Religion einander wesensfremd, meint Militärbischof Franz-Josef Overbeck und präsentiert bei einer Berliner Podiumsdiskussion die gelungene Umkehrung des Nutella-Prinzips. Von Stefan Rehder

Militärbischof Overbeck. Foto: dpa
Militärbischof Overbeck. Foto: dpa

Militärbischof Franz-Josef Overbeck hat zu einer differenzierteren Bewertung religiös motivierter Gewalt aufgefordert. Bei einer Podiumsdiskussion im Berliner Militärbischofsamt beklagte Overbeck vergangene Woche, Religion scheine „zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr ohne Bezug auf ihr vermeintliches Gewaltpotenzial besprochen werden zu können“. „Jeden Tag werden wir in den Medien mit Grausamkeiten konfrontiert, die im Namen von sogenannten religiösen Idealen vollzogen werden.“ Durch die aktuellen Ereignisse könne „außerdem leicht der Eindruck entstehen, dass vor allem vom Islam ein extremes Gewaltpotenzial ausgeht und die islamische Religion von ihrem Wesen her Gewalt legitimiere“, sagte der Bischof mit Blick auf die von IS-Milizen begangenen Gräuel.

Bei genauerer Betrachtung zeige sich jedoch, „dass überall dort, wo religiöse Motive mit universalen Geltungsansprüchen, imperialistischen Tendenzen sowie weiteren politischen und wirtschaftlichen Zielen einhergingen“, ein „gefährliches Gewaltpotenzial“ existiere. „Die gewaltsame Durchsetzung einer Religion oder ein gewaltsames Vorgehen im Namen dieser Religion“ agiere gegen deren eigene Grundlagen. Weder im Islam noch im Christentum rufe Gott die Menschen auf, Gewalt auszuüben.

Religiöse Gewalt entstehe dann, „wenn Menschen mit Wahrheitsansprüchen“ unter Bezugnahme auf die Existenz oder einen vermeintlichen Willen Gottes gewaltsam gegen andere Menschen vorgingen. Daher gehe es auch „bei den gewaltsamen Ausschreitungen, wie wir sie heute sowie in der Vergangenheit wahrnehmen können, an erster Stelle nicht um eine Gewalt, die religiös begründet ist, sondern die religiös gerechtfertigt wird“. Das Prinzips einer erfolgreichen Brotaufstrich-Marke abwandelnd, fügte Overbeck hinzu: „Dort wo Religion draufsteht, ist in der Regel keine Religion drin.“

So stehe etwa für Christen „das gewaltfreie Vorbild Jesu in Leben, Tod und Auferstehung im Mittelpunkt der religiösen Praxis“. Erst im vergangenen Jahr sei im Vatikan von der Internationalen Theologischen Kommission ein Dokument („Der dreifaltige Gott, Einheit der Menschen – der christliche Monotheismus gegen die Gewalt“) verabschiedet worden, in dem betont werde, dass das Christusereignis radikal „jede Berufung auf eine religiöse Rechtfertigung der Gewalt“ ablehne, so Overbeck, der als Oberhirte auch dem Bistums Essen vorsteht.

Der mittlerweile emeritierte Siegener Theologe und Friedensforscher Heinz-Günther Stobbe, der gemeinsam mit Overbeck die von der Kulturkorrespondentin des rbb, Maria Ossowski, moderierten Podiumsdiskussion bestritt, verwahrte sich gegen die These, der Krieg sei eine Erfindung des Monotheismus. „Die antike Welt war überall polytheistisch und randvoll von Gewalt und Krieg.“ Auch habe sich die Bildung „antiker Großreiche stets auf dem Wege von in der Regel brutalen Eroberungszügen“ vollzogen. „Weil das gesamte Leben religiös imprägniert war, war gerade auch der Krieg als hochbedeutsame Praxis in vielfacher Weise in religiöse Bezüge eingebettet und von ihnen begleitet“, so Stobbe weiter. Mit anderen Worten: Nicht die Gewalt war religiös, sondern der Mensch gewaltsam und religiös. Die Religionen als solche hätte dagegen „überall Befriedungsleistungen erbracht“. „Ihnen verdanken wir zum Beispiel die Institution des Asyls, das Verbot, in sakralen Räumen Waffen zu tragen oder während heiliger Zeiten zu kämpfen.“ Wolle man das Verhältnis der christlichen Religion zu Gewalt und Krieg verstehen, sei es unumgänglich, danach zu fragen, wie sich ihr Verhältnis zu politischer Herrschaft und Staat entwickelt habe. In dieser Hinsicht sei, so Stobbe, noch bedeutsamer als das „Vorbild und Lehre Jesu“ zum Verzicht auf Gewalt und die Liebe zu den Feinden „seine Aussage, sein Reich sei nicht von dieser Welt“. Im Keim sei damit nämlich bereits die „Trennung von Kirche und Staat angelegt“ gewesen. Die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Jahre 380 nach Christus dagegen sei „letzten Endes“ einem „heidnisch-römischen“ Konzept gefolgt, welches nicht zuletzt die „Gewalt gegen Ketzer und Heiden“ legitimiert und auch den „religiös-politischen Anstoß für die Konfessionskriege in Europa“ geliefert habe.

Das „entscheidende Element der modernen Konstellation zwischen Religion und Staat“ sei, so Stobbe, „die Anerkennung der Religionsfreiheit als unveräußerlichem Menschenrecht“. Nur sie befriede die Religionen von innen her. Deshalb liege „der Glaubwürdigkeitstest für jede Religion darin, für Religionsfreiheit auch dann einzutreten, wenn sie nicht selbst, sondern andere Religionen betroffen sind“. Dies vor allem dann, wenn sie im jeweiligen Staat nur eine Minderheit vertreten.