Kevelaer

Kraftfeld für den Frieden

Vertreter der Weltreligionen verabschieden bei Friedenswallfahrt in Kevelaer eine Erklärung gegen Waffen.
Gaben ihrer Sehnsucht nach Frieden in der Öffentlichkeit ein Gesicht: Die Teilnehmer der Friedenswallfahrt in Kevelaer. Foto: Wullhorst

Wir wollen, dass der Weltfrieden ausbricht“, hat der Friedensaktivist Rupert Neudeck genau vor einem Jahr in Kevelaer ausgerufen. Am 28. August 2015 war er einer der Initiatoren der 1. Interreligiösen Friedenswallfahrt. Nachdem der Cap-Anamur-Gründer im Mai verstorben ist, steht nun seine Frau Christel auf den Stufen der Marienbasilika des niederrheinischen Wallfahrtsortes. „Rupert hat immer an den allbarmherzigen Gott geglaubt, deshalb hat er sich so sehr für den interreligiösen Dialog eingesetzt“, betont sie. Vertreter von Muslimen, Juden und Christen entzünden anschließend eine Kerze, die an den engagierten Katholiken erinnern soll. Christel Neudeck drückt aus, was der Wunsch ihres Mannes an diese Wallfahrt war: „Ich hoffe, es geht von Kevelaer ein Kraftfeld aus, das uns hilft, aktiv zu handeln. Rupert ist mit uns allen hier. Es ist ein wunderbares Zeichen, dass wir alle hier miteinander beten können.“

Im Marienpark treffen sich die Vertreter der Religionen und viele Bürger. Wie bereits im letzten Jahr berührt die Sängerin Graziella Schazad mit ihrer Musik die Herzen der Zuhörer. Das friedliche Miteinander von Religionen und Nationen ist der 33-jährigen Berlinerin mit Wohnsitz in Hamburg, der Tochter einer deutsch-polnischen Mutter und eines afghanischen Vaters, ein echtes Anliegen. Das gilt auch für die auf Barbados aufgewachsene Sängerin Judy Bailey, die mit ihren Gospelsongs zuletzt beim Weltjugendtag in Krakau für Begeisterung bei ihren Zuhörern sorgte.

„Wir wollen miteinander einen Weg des Lebens gehen“, unterstreicht Wallfahrtsrektor Rolf Lohmann zu Beginn. „Unsere interreligiöse Wallfahrt soll ein Zeichen sein, das wir mit allen Menschen guten Willens setzen wollen.“ Die Radio-Journalistin Angela Krumpen hat die Moderation der Veranstaltung übernommen. Eine Aufgabe, die eigentlich Rupert Neudeck zugedacht war. „Es ist mir eine Ehre, hier zu stehen. Ich tue das stellvertretend für die Vielen, die Rupert inspiriert hat“, stellt sie fest. Seit ihren Studienzeiten habe Neudeck sie begeistert, eine lange Zeit habe sie sich mit ihm gemeinsam für Menschen in Not engagieren können. „Die Welt kann ein anderes Gesicht haben, wenn wir es ihr geben“, erinnert sie an die Philosophie des Friedensaktivisten.

„I have a dream.“ Diesen berühmten Satz hat der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King am 28. August 1963 gesprochen. Er erzählte damals seinen Traum, dass alle Menschen einmal friedlich miteinander leben würden, unabhängig von Hautfarben oder von Religionen. Dieses King-Wort war bereits der Leitgedanke bei der Wallfahrt vor einem Jahr. Das Zitat findet sich jetzt auf dem Banner wieder, das auf dem Weg vom Marienpark zur Basilika der Prozession aus Christen, Juden und Muslimen vorangeht. Ganz vorne läuft der Zeremoniar der Wallfahrtskirche, auch bei heißen 35 Grad in seinem langen roten Gewand. Hinter ihm erklingt immer mal wieder der arabische Ruf „Salem Aleikum“, der sich abwechselt mit dem jüdischen „Shalom Alechem“. Die Übersetzung der beiden Worte wird dann zugleich auf deutsch gesungen: „Herr, gib uns deinen Frieden.“ Eine spannende Mischung ist das auch für die Menschen in Kevelaer. Sie bleiben interessiert stehen und beobachten die Demonstration der Religionen. „Das finde ich ganz toll, sollte man viel öfter machen, Religionen und Kulturen näher zusammenbringen“, sagt ein Passant. „Wenn man gemeinsam betet, schlägt man sich sicher nicht den Schädel ein“, meint eine andere.

Auf dem zentralen Kapellenplatz vor der Basilika gesellen sich viele weitere Menschen dazu. Dort singt der Familienchor und Organist Elmar Lehnen trägt im Anschluss ein ganz besonderes Gedicht vor, das er mit eigenen Improvisation musikalisch untermalt. Der Text ist von dem Schriftsteller Heinrich Böll, der sich mit der Ästhetik des christlichen Handelns, des Rechts und der Gerechtigkeit befasste und seine Gedanken in einem Gedicht für Rupert Neudeck in Worte fasste. Dort heißt es: „Es ist schön, ein hungerndes Kind zu sättigen, ihm die Tränen zu trocknen, ihm die Nase zu putzen, es ist schön, einen Kranken zu heilen...“

Die Wallfahrtsteilnehmer zogen dann zur Gnadenkapelle der „Trösterin der Betrübten“. An der Spitze neben Domkapitular Rolf Lohmann gingen Ahmad Aweimer, Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland und Michael Rubinstein vom Landesverband Nordrhein der jüdischen Gemeinden. Die kleinen Fähnchen mit Kreuz, Davidstern und Halbmond, die die Pilger bei ihrem Weg durch die Stadt getragen haben, werden vor der Muttergottes abgelegt. Nach Gebetsrufen der Religionen geht es weiter ins Forum Pax Christi. „Wir lassen uns als Religionen durch niemanden auseinanderdividieren“, betont Lohmann. Und so haben alle drei Religionen ihr eigenes Zeitfenster, um sich mit ihrer Art zu beten und zu singen einzubringen. Die Gebetszeiten sind in ein vielfältiges Musikprogramm mit Chören, Graziella Schazad und Judy Bailey eingebettet. Dann schalten die Organisatoren den Kapitän zur See Klaus Vogel telefonisch zu. Er ist mit dem Rettungsschiff „Aquarius“ im Mittelmeer unterwegs, um Flüchtlinge aus Notsituationen auf See zu befreien. Er beschreibt die Situation auf See als „unverändert dramatisch“. Die Flucht über das Meer sei nach wie vor „hoch riskant“.

Das Telefon bleibt anschließend im Mittelpunkt, als drei syrische Flüchtlingskinder, die aus dem umkämpften Ort Aleppo stammen, die Verbindung mit ihrer Mutter herstellen, die mit der Schwester der Kinder in der Heimat verblieben ist. „Heute Nachmittag haben wir das schon einmal probiert“, berichtet Angela Krumpen. „Da konnte ich die Mutter kaum verstehen, weil das Knattern der Maschinengewehre das Gespräch immer überlagerte.“ Jetzt klappt es und Krumpen übersetzt das in französischer Sprache geführte Telefonat. „Unser Leben hier funktioniert nicht mehr. Wir sind wirklich im Horror“, erklärt die Mutter. „Der Tod ist überall und bei allen angekommen“, sagt die Frau, die bereits ihren Mann im Krieg verloren hat. Ihre Kinder vertraut sie der Obhut der Menschen in Deutschland an: „Passen Sie gut auf sie auf“, wünscht sie und treibt vielen Zuhörern und ihren gerührten Kindern eine Träne in den Augenwinkel.

Zum Abschluss der Interreligiösen Wallfahrt verlesen die Organisatoren vor der Friedensstele, die im letzten Jahr vor dem Forum Pax Christi errichtet worden ist, die „Kevelaerer Deklaration gegen Waffen“. Mit ihr wenden sich die Teilnehmer der Wallfahrt mit ihrer Stimme und ihrem Gebet an die Regierungen Europas. Sie werden aufgerufen, „im Sinne des Friedens daraufhinzuarbeiten, dass kein weiteres Töten, kein weiteres Leid durch die unverantwortliche Produktion von Waffen, ihren einzig machtgesteuerten Einsatz, und den profitorientierten Handel mit ihnen verursacht wird“. Der Menschheitsfriede solle ausbrechen, bevor die Menschheit erneut den Verstand verliere. „Worte stiften Frieden, nicht Waffen“, schließt die Erklärung.