Kommentar: Maßhalten und genießen können

Von Barbara Stühlmeyer

Wir leben in einer maßlosen Zeit. Dass unbegrenztes Wachstum möglich, ja sogar machbar ist, obwohl doch jeder wissen sollte, dass ein Grashalm nicht schneller wächst, wenn man daran zieht, gehört zu den scheinbar unaufgebbaren Grundsätzen eines Glaubenssystems, dessen Wahrheiten von „den Märkten“ diktiert werden, die, wie jedermann annimmt, höchst lebendige, und wie niemand wahrhaben will, ausgesprochen machthungrige Gebilde sind. Eine große Zahl von Menschen in den westlichen Gesellschaften definiert sich über ihren Besitz. Unsere Kinder lernen spätestens in der Grundschule, wie weh es tun kann, ausgegrenzt zu werden, wenn man nicht den jeweils angesagten Schnickschnack kauft.

Das Problem bei diesem System ist die ihm immanente Unzufriedenheit. Wer sich über Äußerliches definiert, verlernt, den Augenblick zu genießen. Die Schönheit des Sonnenlichts, das sich seine Bahn durch die Wolken bricht, wird übersehen, das silbrige Tönen der rauschenden Blätter der Pappel am Wegrand überhört. Wer die Kunst des Maßhaltens nicht erlernt hat, weil er ständig auf der Jagd nach neuen Accessoires ist und deshalb nicht mehr bei sich wohnt, verliert schnell und manchmal leider auch dauerhaft die Fähigkeit, seine Welt mit wachen Augen wahrzunehmen und wird außerdem disziplinlos. Wer das Maßhalten von sich weist und den unbeständigen Regungen des Eigenwillens nachläuft, verkrümmt sich selbst in jener Haltung, die Hildegard treffend als schlüpfrige Verdrossenheit bezeichnet. Die Stumpfsinnigen sind, wie sie sagt, im Müßiggang ausgehöhlt. Sie haben die Verbindung zu jenem Sehnen verloren, das uns antreibt, Gott zu suchen, und haben es aufgegeben, weise und gut zu handeln. Ihr Herz ist nicht mehr unruhig, bis es Ruhe findet in Gott, es ist abgestumpft und satt.

Es gehört zu den traurig stimmenden Missständen unseres Bildungssystems, dass es durch sinnlosen Leistungsdruck und mangelnde Vernetzung der einzelnen Fächer dem Stumpfsinn Vorschub leistet. Das bulimische Lernen kränkt inzwischen nicht nur die Kinder, die als Opfer des achtjährigen Gymnasiums mehr und mehr an Burnout leiden, es mindert auch die Lerneffekte bei Studierenden in verschulten Bachelor- und Masterstudiengängen. Nur noch wenige besonders kreative Menschen schaffen es, nach der Bewältigung des auferlegten Pensums noch die Disziplin aufzubringen, zu musizieren, Bücher zu lesen oder zu schreiben, oder ihre vom stundenlangen Niedergebeugtsein über den Lehrbüchern verkrampften Körper zu bewegen. Die Mehrzahl der Kinder gibt als Hobby heute Shoppen, Telefonieren oder Computerspielen an. Der Stumpfsinn tötet die Kreativität und schädigt unser Gemeinwesen an seinen Wurzeln. Denn wer stumpfsinnig ist, steht nicht mehr gegen das Unrecht auf, setzt sich nicht mehr für andere ein und hat kein Interesse mehr an geistigen Tätigkeiten. Die verlorene Generation unseres entkreativierten Bildungssystems hat vergessen, dass Wissen die Seele nähren kann. Deshalb suchen die Kinder und Jugendlichen den Sinn nicht mehr dort, wo er zu finden ist. Stattdessen streifen sie mit hungrigen Augen durch die Regale der Kaufhäuser, kleben reglos vor dem Bildschirm und stumpfen, statt ihre Sinne zu schärfen, geistig und emotional ab. Das Heilmittel gegen diese Zivilisationskrankheit hat Papst Franziskus in seiner Enzyklika klar benannt: Sich auf das Notwendige beschränken, also mit Nahrung und Kleidung zufrieden sein und unsere Mutter Erde, unseren Bruder Sonne und unsere Schwester, den Mond, als von Gott geschaffen, kostbar und schön wahrnehmen.