Kommentar: Generalprobe in Madrid

Von Regina Einig

In der spanischen Hauptstadt sieht man dem Papstbesuch im August gelassen entgegen. Werden die Konservativen bei den Regional- und Kommunalwahlen am 22. Mai wiedergewählt, so das Credo, kann nichts mehr schiefgehen. Bei der Vorbereitung des Weltjugendtags kann Oberbürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón Jiménez fest auf die Ministerpräsidentin der Autonomen Region Madrid, Esperanza Aguirre, zählen – trotz persönlicher Animositäten –, denn beide sind Mitglieder der konservativen Partei Partido Popular und praktizierende Katholiken. Nomen est omen: Die quirlige Esperanza („Hoffnung“) Aguirre machte ihrem Namen alle Ehre, schon allein, weil sie ihrer Partei bei den Regionalwahlen 2007 einen legendären Wahlsieg einbrachte,

Auch für viele katholische Wähler verkörpert Frau Aguirre genau jene gesunde Dosis Stolz auf die Kirche, den christliche Politiker in einer säkularisierten Gesellschaft brauchen. Von ihr stammt das ambitionierte Bekenntnis, sie lege Wert darauf, dass Madrid im August „das Zentrum der Christenheit wird“. Selbstbewusster hätte es auch Philipp II. nicht formulieren können, dessen Regierungssitz San Lorenzo de Escorial nicht ganz zufällig für einen Tag Schauplatz des Weltjugendtags wird. In Zeiten, in denen spanische Gotteshäuser mit Graffitis wie „Ihr werdet brennen wie 1936“ beschmiert werden und in Universitäten in Barcelona und Madrid Transparente „Kapelle raus“ hängen, kommt ein Gran religiöses Pathos in der Lokalpolitik manchem Wähler gerade recht. Denn im Vorfeld der Karwoche paaren sich in Madrid Kampfeslust und Intoleranz. Erstmals seit dem Bürgerkrieg standen die Feierlichkeiten der Karwoche in der Hauptstadt in diesem Jahr in der öffentlichen Diskussion. Der Verband der „Madrider Atheisten und Freidenker“ und die Organisation „Atheisten im Kampf“ hatten für Gründonnerstag eine Demonstration in der Innenstadt angemeldet, deren Route sich teilweise mit der Gründonnerstagsprozession kreuzen sollte. Klartext im Vorfeld sprach ein Vertreter der „Atheisten im Kampf“: Es gehe „ausschließlich darum, das katholische Bewusstsein abzustrafen“. Daher sollte der Demonstrationsweg unbedingt am symbolträchtigen Agustín-Lara-Platz vorbeiführen – dort hatten Republikaner in den dreißiger Jahren eine Kirchen niedergebrannt.

Aus der Begründung der Regierungsdelegation der Region Madrid für das Verbot der Atheistendemonstration spricht der unangreifbare Tonfall der Ordnungspolitik: Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Außerdem sorgt man sich um das Touristenimage der Stadt. Beides wird durch die Kirche gefördert: Von der barocken Pracht der Karprozessionen profitiert das Stadtbild, von der Lebensfreude einer Million friedlicher Jugendlicher aus aller Welt ebenso.

Der Streit um die Karwoche ist eine Generalprobe für den Weltjugendtag gewesen, denn spanische Atheisten und Homosexuelle wollen während des Papstbesuchs im August in der Hauptstadt Präsenz demonstrieren. Gewonnen habe Stadtväter und Regionalpolitiker, aber auch die Kirche. Den Gläubigen sind die Instrumente des säkularen öffentlichen Nahkampfs gezeigt worden – und die Arbeitsteilung hat funktioniert. Die in den Diözesen jahrelang eingespielte Routine bei Massendemonstrationen für das Leben und für die Rechte der Familien Flagge zu zeigen, hat sich bewährt. In wenigen Tagen haben Internetplattformen mehr als hunderttausend Unterschriften gesammelt und zehn Gerechte auf die Beine gestellt, die wegen Beleidigung des christlichen Glaubens Strafanzeige gestellt haben. Gemessen an den Teilnehmerzahlen bei Karprozessionen in Spanien ist das wenig. Doch angesichts der Kürze der Zeit ist es ein wichtiger Etappensieg.