Kommentar: Gänswein und der Fall Limburg

Von Regina Einig

Der Hessische Rundfunk hat in der Berichterstattung über den „Fall Limburg“ zwar keine allzu glückliche Rolle gespielt, doch das an den Weihnachtsfeiertagen ausgestrahlte Interview von Meinhard Schmidt-Degenhard mit Kurienerzbischof Georg Gänswein lohnte jede Minute Sendezeit. Zum einen, weil sich der Präfekt des Päpstlichen Hauses kritischen Fragen souverän stellte und schwierige Themen wie den Sinn des Ablasses oder das christlich stimmige Verhältnis von Wahrheit und Barmherzigkeit im Heiligen Jahr unbefangen anpackte, ohne zu moralisieren oder zu dozieren.

Zum anderen, weil der Erzbischof in wenigen Sätzen alles Wesentliche zum Status quo in Limburg festhielt. Schmidt-Degenhard fragte, was den meisten Gläubigen im Bistum Limburg bis heute schleierhaft geblieben ist: ob als Konsequenz der Finanzaffäre um die Limburger Bischofsresidenz nicht auch das dortige Domkapitel zurücktreten solle. Gänsweins trockene Antwort zeigte, wieviel Sinn gesunder Menschenverstand des Gottesvolkes in der Kurie steckt: „Das können Sie ja den Herren des Domkapitels einmal sagen.“ Wer Verantwortung trage, solle auch Konsequenzen ziehen.

Die Diözese Limburg reagierte auf Erzbischof Gänsweins Interview prompt mit einer etwas gewundenen Erklärung, derzufolge sich das Domkapitel in den vergangenen Monaten „gründlich mit seiner Rolle befasst und sich seiner Verantwortung gestellt“ habe. Das klingt nett, wirft aber neue Fragen auf. Woran lässt sich Verantwortungsbewusstsein festmachen, solange im Domkapitel mit Sonderwegen kokettiert wird? Wenn der Frankfurter Stadtdekan einen ersten Austausch über eine kirchliche Segnungsfeier für Homosexuelle ankündigt, ehe ein neuer Bischof gewählt ist, zeichnet sich ein Minenfeld für den Nachfolger von Tebartz-van Elst ab. Bisher hat kein Mitglied des Domkapitels öffentlich widersprochen, obwohl den Gläubigen in Limburg noch vollkommen präsent ist, welche Widerstände das Nein zur Segnung Homosexueller Bischof Tebartz-van Elst seinerzeit einbrachte. Soll der künftige Bischof von Limburg vor vollendete Tatsachen gestellt oder gleich zu Beginn seiner Amtszeit in einen Konflikt getrieben werden? Erzbischof Gänsweins Frage, ob das Bistum Limburg Teil der Universalkirche bleibt oder ob es einen Limburger Sonderweg gibt, fällt nicht vom Himmel.