Kommentar: Eine geniale Verknüpfung

Von Stefan Meetschen

Das Motto des Weltjugendtages 2016 in Krakau steht fest: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“. Ein Vers aus der Bergpredigt (Mt 5,7), die gewöhnlich als sittliches Programm Jesu aufgefasst wird. Als Verheißung an seine Zuhörer von damals und heute, dass auf diejenigen, die sich hier auf der Erde tugendhaft benehmen, ein himmlischer Lohn wartet.

Acht Seligpreisungen gibt es bei Matthäus; dass beim Weltjugendtag 2016 die Barmherzigkeit im Mittelpunkt steht, darf man als geniale Verknüpfung mit dem genius loci des Veranstaltungsortes auffassen – ist Krakau doch für Millionen Katholiken auf der ganzen Welt sozusagen die Hauptstadt der Barmherzigkeit, der göttlichen Barmherzigkeit.

Diese wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der polnischen Mystikerin, Schwester Faustyna, verkündet. Einer schlichten Nonne, die trotz vieler gesundheitlicher Probleme bescheiden ihre diversen Dienste zwischen Küche, Garten und Pforte verrichtete, hin und wieder jedoch Erscheinungen Jesu hatte. „Jesus, ich vertraue auf Dich.“ Wer kennt es nicht, das Bild des barmherzigen Jesus, dass auf Veranlassung des Herrn und seiner Botschafterin gemalt wurde und heute in Tausenden, wenn nicht gar Millionen von Kirchen auf dem ganzen Globus zu bestaunen und zu verehren ist.

Denn darum ging es Faustyna: Wer den barmherzigen Jesus verehrt und zur Todesstunde Jesu den Barmherzigkeitsrosenkranz betet, der wird trotz aller persönlichen Dunkelheit und Fehler errettet. Erlebt die Barmherzigkeit Gottes.

Ein ebenso wunderbares wie realistisches Hilfsangebot, das Faustyna, welche selbst der Kongregation der Schwestern der Muttergottes der Barmherzigkeit angehörte, mit Entschiedenheit und Nachhaltigkeit vertrat. So nachhaltig, dass sich nach ihrem Tod vor 75 Jahren in Krakau und unterstützt von ihrem Beichtvater bald ein neuer Schwesternorden gründete, die Schwestern vom barmherzigen Jesus. Auch die Einführung des Barmherzigkeitssonntags durch den polnischen Johannes Paul II. im Jahre 2000 im Zuge der Heiligsprechung von Schwester Faustyna muss man als göttlich inspirierte Handlung der Kirche werten.

Und diese Eindeutigkeit tut not in Zeiten, in welcher der Begriff der Barmherzigkeit oft allzu leichtfertig gebraucht wird, um damit kirchenpolitisch absurde Forderungen zu stellen oder den Gläubigen ein allzu domestiziertes Gottesbild zu verkaufen. Schwester Faustyna, die schon als Kind Visionen hatte und für die Kranken betete, die immer auf dem Boden und stets gehorsam gegenüber den kirchlichen Autoritäten blieb, war eine Kennerin der unsichtbaren Welt. Sie wusste, aus eigener Anschauung, um die Realität der Engel und der Dämonen, des Himmels, aber auch des Fegefeuers und der Hölle. Das gab ihrer Theologie die nötige Festigkeit und Balance.

Gerade den jungen Menschen, die 2016 nach Krakau strömen werden, ist die Vermittlung dieses übernatürlichen Wissens zu wünschen. Denn, wie schon der kanadische Philosoph Charles Taylor feststellte: humanitäres Engagement ohne Gott, ohne die Dimension der Transzendenz kann schnell zu Bitterkeit und Hass führen. Der Einsatz für die Armen, für mehr Gerechtigkeit und Frieden braucht immer auch das Wissen um die eigene Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit. Gerade jungen Menschen, die offen sind für Ideale, muss ohne Unschärfe vermittelt werden, dass ein moralischer Idealismus ohne religiöse Erdung schnell zum ideologischen Gutmenschentum verkommt – und eher die Hölle als den Himmel auf Erden produziert.

Der Weltjugendtag in Krakau bietet die große Chance, dass eine neue Generation von Katholiken die geistigen Gnaden in der Hauptstadt der Göttlichen Barmherzigkeit empfängt. Möge von dieser kirchlichen Großveranstaltung, die vom 25. Juli bis 1. August 2016 stattfindet, und bei der auch Papst Franziskus als Gast erwartet wird, ein Segen ausgehen. Am besten auch schon vor und nach dem eigentlichen Event.