Kommentar: Der Reiz des Nonkonformen

Von Regina Einig

Es ist nicht so, dass die säkularisierte Öffentlichkeit ein angepasstes Christentum goutieren würde. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ist dem Churer Bischof das Kabinettstück gelungen, mit einem pointierten Hirtenwort ohne Seitenhiebe auf Rom eine Debatte anzustoßen. Sein jüngstes Schreiben zur Eucharistie hebt sich wohltuend vom Pastoraljargon ab und verschiebt die Gewichte für Dialogprozesse in die richtige Richtung. Wörtlich heißt es da, dass Liturgien gemäß der Vorschrift der Kirche und der Vorgabe der liturgischen Bücher zu halten sind und die Sonntagsmesse durch keine andere Feier ersetzt werden kann.

Bemerkenswert ist auch Huonders Sicht der Gläubigen: Er unterstreicht ihr „Anrecht auf die korrekte Verkündigung und Darlegung des katholischen Glaubens“. Bedenkt man, wie viele Hirtenworte in weltlichen Redaktionsstuben unter den Tisch fallen, so darf die Rezeption dieses Hirtenbriefs als ein Musterbeispiel für erfolgreiche Entweltlichung gelten. Nicht nur kirchennahe Medien befassen sich damit, sondern auch die „Neue Zürcher Zeitung“ beförderte es auf ihre Meinungsseite. Dass Bischof Huonder auf der „bel etage“ des Schweizer Zeitungsjournalismus mehr Kritik als Wohlwollen erhielt, spielt letztlich keine Rolle. Wichtiger ist, dass auch die säkulare Öffentlichkeit eine nonkonformistische Botschaft der Kirche nicht übersieht, sofern sie durchdacht und sprachlich geglückt präsentiert wird.

Man darf gespannt sein, ob das Beispiel Chur Schule macht. Die deutschen Bischöfe verbuchten in diesem Jahr den tristen Erfolg, dass das Befremden über ihr Dekret zum Kirchenaustritt Christen aller kirchenpolitischen Lager einte. Als Botschaft sei angekommen: Kein Glaube ohne Kirchensteuer, Sakramente nur gegen Unterhaltszahlungen, schrieb der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier treffend. Nun soll ein neues Schreiben die Scharte auswetzen. Mancher überlastete Pfarrer hat ein kluges Hirtenwort bitter nötig. Lässt sich der Eindruck entkräften, dass deutsche Hirten das Thema Geld engagierter behandeln als die Verwaltung der Sakramente? Solange man nichts von den vom Papst seit Monaten geforderten Katechesen zur Übersetzung der Wandlungsworte hört, wohl kaum.