Kommentar: Bibelfeste Priester gesucht

Von Regina Einig

Der Wunsch nach intensiverer Bibellektüre der Gläubigen und besserer Vermittlung der biblischen Botschaft liefert keine ausreichende Begründung für den offenen Brief, in dem elf Kölner Diözesanpriester anlässlich ihres Goldenen Priesterjubiläums ihrem Unmut Luft machen. Hätte es nicht genügt, auf einschlägige Hirtenbriefe der Kölner Erzbischöfe zu verweisen? Was an dem Brief auffällt, sind die Widersprüche, in die sich die Unterzeichner verstricken. Kein erfahrener Seelsorger dürfte sich der Illusion hingeben, eine Ehe bewahre Männer jenseits der Siebzig vor der Not des Alleinseins, dafür bietet das Leben genügend Gegenbeispiele. Dass gute Priester nach fünfzig Jahren Dienst nicht zwangsläufig vereinsamen, sondern nach wie vor ein schier unerschöpfliches Feld für die Einzelseelsorge finden, soll hier nicht unterschlagen werden.

Den offenen Brief der elf Jubilare ob seiner inhaltlichen Dürftigkeit kommentarlos zu entsorgen, verbietet sich zu dieser Jahreszeit allerdings. Denn im Januar und Februar laden traditionell etliche deutsche Bistümer, darunter auch das Bonner Collegium Albertinum, junge Männer mit Interesse am Priesterberuf in die diözesanen Seminare zu Informationstagen ein. Viele Kandidaten werden auf diesem Weg weder von ihren Familien noch von ihren Freunden ermutigt. Im Gegenteil: Priester werden bedeutet für junge Männer heute, sich auf Gegenwinde einzustellen, die während der konziliaren Euphorie der sechziger Jahre undenkbar gewesen wären. Wenn die elf Unterzeichner vor diesem Hintergrund in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, das Gebet für geistliche Berufe erscheine ihnen sinnlos, weil das Weiheamt in der katholischen Kirche Männern vorbehalten ist, mag Bibelfesten das Wort von den falschen Brüdern in den Sinn kommen. Paulus wusste, was Berufene in den eigenen Reihen auszuhalten haben. Zweifellos werden Kandidaten, die sich heute für das Priestertum entscheiden, nach ihrer Weihe noch Scherben wegräumen müssen, die nörgelnde Vorgänger ihnen hinterlassen. Das Gebet bleibt daher eine unentbehrlich Hilfe, um Priester vor und nach der Weihe zu unterstützen und darf nicht kirchenpolitisch verzweckt werden. Wäre nicht gerade die Schriftlektüre auch für Priester der erste Schlüssel, um Beten ohne Unterlass als Haltung für sich selbst zu entdecken?