Kloster Reutberg: Ungebrochener Überlebenswille

Aufatmen in Kloster Reutberg und Spekulationen über die unerwartete Wende. Von Oliver Gierens

Nonnen sollen Kloster Reutberg verlassen
15.08.2018, Bayern, Sachsenkam: Das Kloster Reutberg ist hinter einem Hügel zu sehen. Die beiden Franziskanerinnen Faustina und Augustina sind die letzten Nonnen im Kloster Reutberg bei Sachsenkam. Da für den Fortbestand fünf Nonnen notwendig wären, soll der Konvent aufgelöst wer... Foto: Matthias Balk (dpa)

Warum der Fall Reutberg eine dramatische Wende genommen hat, wissen die Verantwortlichen vor Ort nicht genau. Dass der Konvent der Franziskanerinnen in dem oberbayerischen Kloster nun aber erhalten bleiben soll, ist ein echter Paukenschlag. Die Religiosenkongregation im Vatikan zieht damit ihre eigene Verfügung aus dem Jahr 2016 zurück, die eine Auflösung des zuletzt auf vier Ordensschwestern geschrumpften Konvents vorsah. Nur noch zwei von ihnen leben nach wie vor in dem 400 Jahre alten Kloster mit dem Grab von Schwester Maria Fidelis Weiß auf einem Hügel im oberbayerischen Alpenvorland in Sachsenkam bei Bad Tölz. Eine von ihnen ist hochbetagt. Nun ist eine dritte Ordensfrau hinzugekommen: Schwester Benedicta von den Klarissen-Kapuzinerinnen des Klosters Bethlehem in Koblenz. Sie ist vom Vatikan zur „Apostolischen Kommissarin“ ernannt worden – und hat damit alle Rechte und Pflichten einer Oberin.

Die Reaktionen auf diese unerwartete Wende fielen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus. Das Erzbistum München und Freising hatte sich in den letzten Jahren massiv dafür eingesetzt, den Konvent aufzulösen. Dass genau diese Bemühungen vom Vatikan durchkreuzt wurden, bezeichnet Bistumssprecher Christoph Kappes gegenüber der Tagespost als eine „erstaunliche Wendung“, die „in völligem Widerspruch“ stehe zu dem, was bisher aus Rom verlangt worden sei. Eine „nachhaltige Entwicklungsperspektive“ sehe man nicht, aber man wünsche, „dass sich erfüllt, was man sich von dieser neuen Richtung verspricht“. Der Vatikan habe, so Kappes, keine Gründe für diese Wendung genannt.

Schwester Benedicta kann sich allerdings im Gespräch mit dieser Zeitung nicht so recht vorstellen, dass das Erzbistum überhaupt keine Begründung für den Sinneswandel in Rom erhalten hat. Doch auch sie kann über den Gang der Ereignisse nur spekulieren. Dass sie über die Entscheidung zum Erhalt des Konvents erfreut ist, daraus macht sie keinen Hehl. Schon seit mehreren Jahren begleitet Schwester Benedicta die beiden in Reutberg verbliebenen Schwestern intensiv. Einige Monate lebte sie im Kloster. Das zwei Jahre alte – und jetzt aufgehobene – Schreiben aus dem Vatikan zur Auflösung des Konvents haben die Reutberger Schwestern nach eigener Aussage bis heute nicht erhalten. Doch sowohl Rom als auch München haben seinerzeit offensichtlich nicht mit dem hartnäckigen Widerstand der Schwestern vor Ort gerechnet – und mit der tatkräftigen Unterstützung der Bevölkerung.

Insbesondere der Verein der „Freunde des Klosters Reutberg e.V.“ hat in den letzten Jahren geradezu akribisch für einen Erhalt des Klosters gekämpft. Die Vereinsmitglieder, angeführt vom früheren Münchner Diözesanratsmitglied Gerald Ohlbaum, haben Nutzungskonzepte vorgelegt, immer wieder die Verantwortlichen in der Erzdiözese angeschrieben – und vor allem um Beistand von oben gebeten. Jeden Monat gab es eine Lichterprozession zum Kloster mit Andacht und nächtlicher Anbetung, außerdem eine „Gebetsdemo“ vor dem Ordinariat in München. Erst vor einem Monat war eine Delegation aus Sachsenkam, angeführt von Vereinssprecher Ulrich Rührmeir und Ortsbürgermeister Hans Schneil, zu Gesprächen in den Vatikan gereist. Im Gepäck hatten sie stattliche 12 000 Unterschriften zum Erhalt des Klosters. Und die haben in Rom „Eindruck hinterlassen“, zumal die zuständige Kongregation ein „offenes Ohr“ für die Forderungen der Laien gehabt habe, wie Ohlbaum im Gespräch mit der „Tagespost“ bestätigt. Auch Schwester Benedicta hat großen Respekt vor dem Engagement der örtlichen Bevölkerung und vor allem des Freundeskreises. „Mich beeindruckt das stark, dass gestandene Mannsbilder sich für zwei Nonnen einsetzen“, freut sich die neue Oberin.

Doch trotz aller momentanen Freude über den Sinneswandel im Vatikan bleibt die Zukunft des Klosters weiter unklar. Schwester Benedicta ist unbefristet beauftragt, die Gemeinschaft zu leiten und einer endgültigen Lösung zuzuführen. Wie die aussieht, ist momentan noch offen. Ab sofort darf das Kloster wieder Novizinnen aufnehmen. Doch dass die nicht gerade Schlange stehen, ist kein Geheimnis. Auch sei momentan nicht geplant, Schwestern aus dem Koblenzer Kloster Bethlehem dauerhaft nach Sachsenkam zu schicken. Hinzu kommt, dass Schwester Benedicta eine Klarissin ist, Reutberg aber ein Konvent der Franziskanerinnen. Doch das, so die Oberin, sei kein Hinderungsgrund. Nicht nur die Spiritualität sei ähnlich, auch seien beide Konvente aus einem gemeinsamen Kloster hervorgegangen: Pfanneregg in der Schweiz. Außerdem hat Papst Franziskus in diesem Jahr mit „Cor orans“ eine Instruktion über das weibliche kontemplative Leben erlassen. Sie sieht die Möglichkeit einer so genannten „Affiliation“ vor: Ein Kloster, das nicht mehr selbstständig existieren kann, hat nun die Möglichkeit, sich für einen begrenzten Zeitraum einer anderen Gemeinschaft anzuschließen. Das, so Schwester Benedicta, sei momentan für Reutberg nicht geplant. Nach wie vor im Raum steht der Plan eines Seelsorgezentrums. Neben den Schwestern könnten – räumlich getrennt – Priester in Reutberg einziehen, die die Seelsorge in den benachbarten Pfarreien unterstützen und auch im Kloster die Sakramente anbieten. Auch das Erzbistum hatte ähnliche Vorstellungen, und der Freundeskreis befürwortet diese Lösung schon länger. Doch wie am Ende die Lösung aussehen wird, das, so Schwester Benedicta, „weiß Gott allein“.

 

 

Chronologie der Ereignisse:

April 2010:

Die stark dezimierte Schwesterngemeinschaft kann keine neue Oberin mehr wählen. Der Münchner Erzbischof, Kardinal Marx, ernennt Domkapitular Lorenz Kastenhofer zum Erzbischöflichen Beauftragten.

August 2012:

Die Firma Bosl Beratung GmbH übernimmt die Verwaltung des Klosters. Das monatliche Honorar von 7 500 Euro stuft eine Münchner Anwaltskanzlei später als sittenwidrig ein. Das Ordinariat hält die Summe für angemessen.

Februar 2016:

Die Religiosenkongregation verlangt in einem Schreiben die Auflösung des Klosters.

Juni 2018:

Eine der beiden im Kloster verbliebenen Schwestern, Sr. M. Faustina, bittet um Affiliation (zeitlich begrenzten Anschluss) an das Kloster Bethlehem in Koblenz.

Oktober 2018:

Der Verein „Freunde des Klosters Reutberg e.V.“ übergibt bei einem Besuch in Rom 12 000 Unterschriften zum Erhalt des Konvents an den Vatikan. Am 18. Oktober verfügt die Religiosenkongregation, dass Sr. M. Benedicta Tschugg OSCCap aus dem Koblenzer Kloster Bethlehem als Apostolische Kommissarin mit allen Rechten und Pflichten einer Oberin eingesetzt wird. Die Aufhebungsverfügung ist damit vom Tisch.