Kleinpolen bleibt Papst-Land

Johannes Paul II. wird in seiner Heimat als Nationalheld, Heiliger und Vorbild verehrt – Aber auch sein Nachfolger ist äußerst beliebt

Krakau (DT) Das „Wir sind Papst“ der Bild-Zeitung war, wie sich jetzt überdeutlich zeigt, nur eine deutsche Sternschnuppe, eine Emotion des Augenblicks. Ganz anders in „Malopolska“ (Kleinpolen), der Region um Krakau, der engeren Heimat von Papst Johannes Paul II., wo der Pole auf dem Stuhl Petri auch heute als Nationalheld, als Heiliger und Vorbild verehrt wird. Karol Wojtyla hat diese traditionell fromme und kirchenverbundene Kulturlandschaft geprägt und inspiriert. Aber auch sein Nachfolger, der diese Region 2006 besuchte, taktvoll nach Ablauf des Trauerjahres um Polens größten Sohn, ist hier sehr beliebt.

Pater Jerzy Wolynski schwärmt von seinem Papst, den er vor und nach dem zweiten Konklave von 1978 mehrfach erleben durfte. Dann fügt er, die Stimmungslage in Deutschland und Österreich kennend, hinzu: „Benedikt XVI. ist in Polen nach wie vor sehr populär.“ Erstmals hat der Benediktinerpater Jerzy (Georg) Karol Wojtyla 1960 getroffen. Vor seiner Amtseinführung als Erzbischof kam der spätere Papst in das nahe Krakau gelegene Kloster Tyniec zu Exerzitien. Nie kann Pater Jerzy vergessen, dass der Erzbischof ihm in schwieriger Zeit ein großzügiges Angebot machte: „Wenn es dir zu schwer wird im Kloster, dann komm. Ich nehme dich.“ Bewundernd erzählt er, wie sich Kardinal Wojtyla mit der kommunistischen Miliz anlegte, und dass er als kleiner Mönch – ein Tabu in kommunistischen Zeiten – auf Befehl seines Erzbischofs die Polizei wegen der Zerstörung einer Marienstatue anzeigen musste. Ein Jahr hielt sich Pater Jerzy unter Gorbatschow in der Sowjetunion auf. Als diese dann zwei Monate nach seiner Heimkehr zusammenbrach, habe ihm der Papst die Nachricht zukommen lassen: „Wie ich sehe, hast du sehr gut gearbeitet.“

Staaten kamen und gingen – die Kirche gibt immer Heimat

Viele liebevolle und zeitgeschichtlich interessante Anekdoten weiß der Benediktiner über seinen Erzbischof und späteren Papst zu erzählen. Schmunzelnd meint er aber auch: „Karol Wojtylas Predigten waren so philosophisch, so schwierig, dass wir oft gar nichts verstanden haben. Als Papst dann sprach er so einfach und klar. Das macht der Heilige Geist!“

Dass der Heilige Geist, der die Kirche durch die Zeiten führt, ihren Kardinal in die Nachfolge Petri gerufen hat, dass Gottes Geist ihn führte und leitete, und schließlich seinen engsten Mitarbeiter und großen Vertrauten Joseph Ratzinger zu seinem Nachfolger bestellte, all das ist in „Kleinpolen“ so etwas wie nationaler Konsens. Der Abt von Tyniec, Bernard Sawicki, bestätigt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Papst Benedikt XVI. ist hier sehr beliebt, weil die Polen in ihm den Wunsch-Nachfolger und langjährigen engsten Mitarbeiter von Johannes Paul II. sehen.“ Es ist ein frommes Land, aber auch ein leidgeprüftes. Seit Jahrhunderten machten die Menschen hier die Erfahrung, dass Regime und Staaten kommen und gehen, dass die Heimat geteilt und unterdrückt werden kann, dass die Kirche aber bleibt – und tröstend, bergend, Heimat und Freiraum gebend bei den Menschen bleibt.

140 Kirchen zählt alleine die Stadt Krakau, das „slawische Rom“. Wie viele davon mit Statuen, Gedenktafeln oder Wappen an Johannes Paul II. und sein hiesiges Wirken erinnern, ist noch nicht erhoben worden. Es dürfte aber die Mehrzahl sein. Da ist etwa eine überlebensgroße Statue des aus Polen stammenden Papstes vor dem Haupteingang der Kathedrale auf dem Wawel, die von frommen Krakauern täglich mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt wird. In der Krypta des heiligen Leonhard unter der Wawel-Kathedrale hatte Karol Wojtyla am 2. November 1946 seine erste Heilige Messe gefeiert. Am 28. September 1958 wurde er in dieser Kathedrale, der traditionellen Krönungskirche der polnischen Könige, zum Bischof geweiht. Als Papst besuchte er sie sechsmal. Bei seinem letzten Krakau-Besuch im Jahr 2002 kamen mehr als zwei Millionen Menschen zur Messe.

Da ist das Erzbischöfliche Palais in der Franziskaner-Straße, wo Karol Wojtyla als geheimer Student des Untergrundseminars ab August 1944 ein- und ausging und am 1. November 1946 von Kardinal Sapieha die Priesterweihe empfing. Hier wirkte er als Erzbischof und hier wohnte er, wenn er als Papst sein Krakau besuchte. Über dem Portal ist das mit einem Plakat geschmückte „Papstfenster“ zu sehen, von dem aus der Papst bei Besuchen seine Landsleute grüßte. Es wird „das berühmteste Fenster Polens“ genannt. Im Hof steht ein Denkmal Johannes Pauls II.

Unweit davon wird gerade ein Museum aufgebaut, das „Zentrum von Johannes Paul II.“, zu dem der frühere Papstsekretär und heutige Krakauer Erzbischof, Kardinal Stanislaw Dziwisz, den Anstoß gab: „Wir alle wollen uns an ihn erinnern und an die Art, wie er war, mit allen seinen Lehren, mit seiner Poesie, mit seiner Zuneigung zum Schönen und – über alledem – mit seiner Liebe zu jedem menschlichen Wesen.“ Das Museum soll in multimedialer Weise das Leben und Wirken des Papstes zeigen, ausdrücklich mit dem Ziel „die Spiritualität, Kultur und Tradition, die mit der Person des Heiligen Vaters Johannes Paul II. verbunden wird, zu verbreiten“. Wie weit ist Deutschland von einer vergleichbaren Idee für den heutigen Papst und seinen reichen theologischen Schatz entfernt?

In der traditionsreichen Jagiellonen-Universität, wo Karol Wojtyla studierte und sich 1954 habilitierte, erinnert ein Wappen an ihn. Eine Gedenktafel mit Porträt findet sich an der Marienkirche, wo Wojtyla als Prediger und Beichtvater tätig war. Nach dem Attentat auf den Papst kam hier am 17. Mai 1981 rund eine Million in weiß gekleideter Menschen zusammen, um für den Papst zu beten und gegen die Gewalt zu demonstrieren.

Der Patron Polens, Stanislaus, mit den Zügen Karol Wojtylas

Es mag nicht ungewöhnlich sein, dass der Flughafen und ein Krankenhaus in der einstigen Bischofsstadt eines Papstes nach ihm benannt werden. Es ist sicher auch nicht ungewöhnlich, dass das mit 20 000 Einwohnern kleine Städtchen Wadowice das Elternhaus des Papstes zum Museum umgestaltet. Und es ist noch weniger aufsehenerregend, dass der Papst im „Sanktuarium der Barmherzigkeit Gottes“ gewürdigt wird, wo die Visionen der von Johannes Paul II. 1993 selig- und sieben Jahre später heiliggesprochenen Schwester Faustina Kowalska jedes Jahr zwei Millionen Pilger anziehen. Immerhin war es Johannes Paul II., der diese Botschaft der Barmherzigkeit weltweit bekannt machte. Sein Wappen und eine Statue erinnern an seine Besuche 1997 und 2002; ein aktuelles Papstwappen an den Besuch Papst Benedikts 2006.

Ungewöhnlicher ist schon, dass in einer der neuen, etwas steril gestalteten Kapellen dieses Sanktuariums ein modernes Mosaik, das den Schutzpatron Polens, den heiligen Stanislaus von Krakau, zeigen soll, ganz eindeutig und ausdrücklich die Gesichtszüge des jungen Karol Wojtyla trägt. Genau dies aber dürfte ins Bild fassen, wie die Polen heute ihren Landsmann, der 1978 bis 2005 die universale Kirche leitete, sehen. Und es zeigt wohl auch den Mentalitätsunterschied zwischen Polen und Deutschen.