Klarer Leitfaden in verwirrter Zeit

Glänzende Dissertation zur Verantworteten Elternschaft erschienen – Eine echte Hilfe für Theorie und Praxis

Die Frage der „Verantwortlichen Elternschaft“ wird seit „Humanae vitae“ und der „Königsteiner Erklärung“ im deutschen Sprachraum kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite steht die Auffassung, dass Verantwortliche Elternschaft im Sinne einer genuin katholischen Lebensweise mit der Lehre der Kirche übereinstimmen muss, wie sie Papst Paul VI. und in Fort- und Weiterführung seiner Linie Papst Johannes Paul II. in vielen Dokumenten dargelegt haben. Papst Benedikt XVI. hat in letzten Verlautbarungen zum 40. Jahrestag des Erscheinens der Enzyklika diese Lehre bestätigt und bekräftigt.

Auf der anderen Seite ist – vor allem von Seiten deutschsprachiger Moraltheologen – immer wieder der Versuch gemacht worden, Verantwortete Elternschaft im Sinne einer liberaleren Auffassung zu interpretieren, die auf dem Hintergrund einer „autonomen“ Moral und mit Hilfe eines subjektiven Gewissensurteils glaubt, auch die abweichende Praxis der Benutzung empfängnisverhütender Mittel legitimieren zu können. Manche dieser Legitimationsversuche muten zuweilen sogar wie die Quadratur des Kreises an, wenn beispielsweise versucht wird, die Benutzung von Verhütungsmitteln mit einem ehelichen Heiligkeitsstreben zu harmonisieren.

Deutlichkeit, wie man sie in der jüngeren Theologie oft vermisst

In dieser Verwirrung und Verirrung der Moraltheologie erscheint die Promotionsarbeit von Christian Schulz „Die Enzyklika ,Humanae Vitae‘ im Lichte von ,Veritatis Splendor‘“ wie ein reinigender Wasserfall, der die Lehre der Kirche in einer Klarheit und Deutlichkeit vor Augen stellt, die man lange im Bereich der jüngeren universitären Theologie vermisst hat.

Die Doktorarbeit von Schulz an der renommierten theologischen Fakultät der Universität Augsburg (von den Professoren Piegsa und Ziegenaus übereinstimmend mit „summa cum laude“ bewertet) kommt zum 40. Jahr der Veröffentlichung von „Humanae Vitae“ gerade recht. Der originelle Ansatz der Arbeit liegt darin, dass die Morallehre Papst Johannes Pauls II. gleichsam als Matrix der Interpretation und des hermeneutischen Ganges der Argumentation genommen wird, um die Wahrheit von „Humanae Vitae“ in einem neuen Licht aufleuchten zu lassen. Ein wohltuend vornehmer Stil, der bei aller Klarheit der Gedankenführung sich jeder Polemik enthält, macht das Buch zu einem Lesevergnügen.

Die „Verantwortete Elternschaft als Anwendungsfall der Grundlagen der katholischen Morallehre“, so der Untertitel des Werkes, wird zu Beginn des Buches sehr geschickt zwischen zwei Dokumenten platziert, die sofort die kontroversen Fragen der zentralen Problematik verdeutlichen: zwischen „Veritatis Splendor“ und die „Königsteiner Erklärung“. Im zweiten und umfangreichsten Teil widmet sich der Autor sodann zunächst der Frage nach den Argumenten von „Humanae Vitae“ und der Lehrkompetenz des Lehramtes.

Dahinter steht die Frage, ob Paul VI. – wie seine Kritiker ihm vorwerfen – seine lehramtliche Kompetenz mit der Enzyklika überschritten hat. Im Weiteren behandelt er dann die Frage des „intrinsice malum“, das heißt des aus sich heraus Schlechten, hinsichtlich der Kontrazeption. Sodann folgt eine gründliche Auseinandersetzung mit einem der missverständlichsten Vorwürfe der Gegner von „Humanae Vitae“, dem sogenannten „Biologismus“.

Diese Klärung ist besonders wichtig hinsichtlich des von Paul VI. hervorgehobenen unaufhebbaren Zusammenhangs von ehelicher Liebe und Zeugungspotenzialität, der der menschlichen Manipulation entzogen bleiben muss.

Diese Verbindung ist von grundlegender Bedeutung für die kirchliche Lehre von der Verantworteten Elternschaft und der legitimen Mittel zu ihrer praktischen Verwirklichung. Natürliche Empfängnis-Regelung gilt deshalb als „bonum“, gut, und Kontrazeption als „intrinsice malum“, das heißt als aus sich heraus schlecht. Hier werden auch Fragen des natürlichen Sittengesetzes behandelt, die in der – wesentlich von Papst Benedikt XVI. angestoßenen – aktuellen Debatte um das Naturrecht eine Rolle spielen.

Im dritten und letzten Teil wendet sich der Autor der Frage zu, wie der einzelne Gläubige sich in der Freiheit seines Gewissens vor dem Anspruch der kirchlichen Lehre in „Humanae Vitae“ positionieren kann. 40 Jahre nach ihrem Erscheinen sind die Stimmen der Kritiker an „Humanae Vitae“ und Papst Paul VI. leiser geworden – vielleicht auch, weil sich angesichts der fraglosen Verbreitung der Kontrazeption bei vielen Gleichgültigkeit breit gemacht hat. Andererseits tritt mehr und mehr die prophetische Bedeutung der Enzyklika zutage, weil auch die unheilvollen Auswirkungen eines technisierten Auseinanderreißens von geschlechtlicher Hingabe und Fruchtbarkeit sowohl hinsichtlich der persönlichen Lebensgestaltung als auch der gesellschaftlichen Folgen – beispielsweise Bevölkerungsentwicklung – offenbar werden.

Problematik der „Königssteiner Erklärung“ wird deutlich

Am Schluss fügt der Autor eine Darstellung und Würdigung der pastoralen Stellungnahme von Kardinal Bengsch an, die der Berliner Bischof unter dem Titel „Hinweise zur pastoralen Besinnung nach der Enzyklika ,Humanae Vitae‘“ damals herausbrachte. Auch im Vergleich mit dieser klugen Stellungnahme wird deutlich, wie doppeldeutig und problematisch das „Wort der deutschen Bischöfe zur seelsorglichen Lage nach dem Erscheinen der Enzyklika ,Humanae Vitae‘“, die sogenannte Königsteiner Erklärung vom 30. August 1968, bis heute wirkt. So ist das mehrmals dringlich geäußerte Anliegen von Papst Johannes Paul II. verständlich, dieses Schreiben seitens der verantwortlichen Bischöfe einer Revision zu unterziehen.

Das Buch von Christian Schulz und seine gründliche Lektüre könnten Hilfe bei einer Revision bieten. Für jeden, der sich mit dieser Problematik befasst, Theologen, Bischöfe, Eheleute, in der Pastoral Beschäftigte, wird es in Zukunft zur Pflichtlektüre gehören.