Kirchenreformer und Universalgelehrter

Nikolaus von Kues und sein Werk werden in einem Handbuch allseitig beleuchtet und einer breiten Öffentlichkeit erschlossen. Von Urs Buhlmann

Grab des Theologen und Philosophen Kardinal Nikolaus von Kues in der Kirche San Pietro in Vincoli (Sankt Peter in Ketten) in Rom. Foto: KNA
Grab des Theologen und Philosophen Kardinal Nikolaus von Kues in der Kirche San Pietro in Vincoli (Sankt Peter in Ketten... Foto: KNA

Seit über einem halben Jahrtausend erfüllt das Haus an der Mosel seinen Zweck und bietet alleinstehenden Männern (und seit den 60er Jahren auch Frauen) ein Obdach bis zum Lebensende: Das 1458 an seinem Geburtsort von Nikolaus von Kues gegründete St. Nikolaus-Hospital legt lange nach dem Tod des Kardinals, Gelehrten und Kirchenpolitikers Zeugnis ab von dessen Heimatverbundenheit und karitativer Gesinnung. Nikolaus von Kues (1401–1464) hat Bedeutung als Universalgelehrter, der nicht nur theologisch und philosophisch, sondern auf verschiedenen Wissensgebieten bis hin zur Mathematik und einer naturwissenschaftlich orientierten Kalenderlehre geforscht hat, war tatkräftiger Kirchenreformer, der das Verhängnis des nahenden reformatorischen Abfalls voraussah und (vergeblich) aufzuhalten trachtete, aber eben auch noch ein Mann des mittelalterlichen Weltbildes, der es am Ende seines Lebens für sinnvoll erachtete, zur Sicherung seines Seelenheiles eine Spitalstiftung zu machen. Nicht nur darin lebt er fort, es gibt in mehreren Ländern, darunter den USA und Japan, rührige Cusanus-Gesellschaften, die sich der Herausgabe der Opera omnia, aber auch der Diskussion neuer Ansätze in der Erschließung des reichen Erbes des zu Lebzeiten besonders reiselustigen Kirchenfürsten widmen, der im umbrischen Todi starb und dessen Herz, wie er es verfügt hatte, den Weg zur heimatlichen Mosel zurückfand.

Unter der bewährten Ägide der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist nun ein Handbuch erschienen, das, in durchweg zugänglicher, lesbarer Form und von den weltweit führenden Cusanus-Experten verantwortet, alles Wichtige zum Leben und Werk dieser faszinierenden Gestalt der europäischen Kirchen- und Geistesgeschichte versammelt. Damit wird zugleich ein Desiderat erfüllt, denn Cusanus war zwar nie vergessen und auch auf dem Buchmarkt durch biografische Werke, vor allem aber eine unübersehbare Zahl von Spezialabhandlungen präsent, eine komprimierte Einführung auf dem Stand der aktuellen Forschung war aber bislang nicht verfügbar. 19 Autoren aus Japan, den USA und Deutschland haben ihre Expertise eingebracht, um die Biografie des Nikolaus, die wichtigsten Werke im einzelnen und deren Rezeption zu beleuchten; eine nützliche ausführliche Zeitleiste und eine umfangreiche Bibliografie schließen sich an.

Regelrecht spannend liest sich der umfangreiche biografische Teil von Alexandra Geissler und Walter A. Euler über Zeitumstände und Leben des als Sohn eines wohlhabenden Moselschiffers Geborenen. Wir erfahren von der Zielstrebigkeit und dem ausgeprägten Erwerbssinn des Moselländers, der bewusst die ihm offenstehende Wissenschaftler-Karriere als Kirchenrechtler ausschlug, weil es ihn zu Höherem zog und er wohl schon früh wusste, dass ihm die akademische Welt nicht genügen würde. In diesen Jahren der Ausbildung schloss er gezielt Freundschaften, die ihm später zugute kommen sollten. An die 30 Pfründe hat Nikolaus – hierin noch ganz Mensch seiner Zeit – im Laufe seines Lebens angesammelt oder wenigstens zu erwerben gesucht. Doch hat er sich auch intensiv um die damit verbundenen Kirchen und die Sicherung von deren Finanzierung, aber auch um die Gewährleistung der Seelsorge gekümmert. Nachdem er sich selber zum Priester hat weihen lassen – reichlich spät, aber auch dies war zeittypisch – feierte Cusanus täglich und mit Andacht die Messe. Es bleibt als einer der charakteristischen Züge des 1448 zum Kardinal Berufenen festzuhalten, dass er ein Händchen für kirchenpolitische Strömungen und deren Einordnung hatte und daher danach trachtete, auf der Gewinner-Seite zu sein. Das Baseler Konzil sah ihn zunächst auf Seiten der Konziliaristen, die die päpstliche Obergewalt anzweifelten, er wechselte dann aber auf die päpstliche Seite und machte sich in der Folge als tatkräftiger und planvoll vorgehender Kurialer unersetzlich. Auch mit einer Niederlage im äußeren Lebenslauf macht das Handbuch vertraut, der Zeit als Fürstbischof von Brixen zwischen 1450 und 1458, in der Nikolaus an den sturköpfigen Tirolern, am Landesfürsten und am eingesessenen Adel scheiterte. Die letzten Lebensjahre verbrachte er im Kirchenstaat an der Kurie, wo er ein folgenlos gebliebenes Programm zur Kirchenreform ausarbeitete und mit Äußerungen zu seiner Umgebung von sich hören ließ, die Papst Franziskus gefallen müssten: „Nichts gefällt mir, was hier an der Kurie getrieben wird. Alles ist verdorben, keiner tut seine Pflicht!“

Bei seinem Testament fällt auf, dass die liturgische memoria in Form von Messstiftungen den Kardinal nicht weiter interessierte. Vielmehr verfügte er, dass der größte Teil seines Nachlasses entweder wohltätigen – siehe das Hospital in Kues –, baulichen – Kusanus' Titelkirche in Rom S. Pietro in Vincoli, wo er auch begraben wurde –, oder wissenschaftspolitischen Zwecken – durch Errichtung einer Studienstiftung in Niederdeutschland – zugute kommen sollte. Die Brixener, die ihn so schlecht behandelt hatten, berücksichtigte er nicht.

Die vom letzten Forschungsstand ausgehenden Werkbeschreibungen, die sich im Handbuch anschließen, geben den Kontext der Entstehung, Struktur und Inhalt der einzelnen Werke wieder, um dann eine Analyse anzubieten und die aktuellen Fragen der Forschung sowie die Wirkungsgeschichte zu referieren. Dabei wird deutlich, dass Nikolaus zwar viele und unterschiedliche Persönlichkeiten mit seinem Denken beeinflusst hat, man aber von einer Schule im strengen Sinn nicht sprechen kann. Zu vielgestaltig waren seine Interessen, so dass man ihn weder einen Nur-Theologen noch einen Philosophen im strengen Sinn nennen kann.

Die einzelnen Artikel zu den 25 Hauptschriften, den wichtigsten Nebenschriften und den weit mehr als 200 Predigten (die Cusanus unbedingt zu seinen Opera gezählt haben wollte) sind, wie in einem Sammelwerk auch nicht anders zu erwarten, nicht alle auf dem gleichen hohen Niveau. Die Forscher, die sich seit Jahren mit den bedeutenden Hauptwerken, wie etwa der „docta ignorantia“, befassen, liefern verlässliche Arbeit ab – wenngleich man sich gerade zu diesem Werk eine etwas tiefere theologische Durchdringung gewünscht hätte. Mit der „gelehrten Unwissenheit“ meinte Nikolaus eine über sich selbst belehrte Unwissenheit, das Nicht-Wissen-Können hinsichtlich der Wahrheit im Ganzen und insbesondere des Wesens Gottes. Er plädierte dafür, dass der sich seiner Endlichkeit bewusste Mensch auch der bescheidenen Möglichkeiten menschlichen Erkennens eingedenk werde, weil die dem Menschen zugängliche Seite der göttlichen Wahrheit, die er in den Begriff der „Coincidentia oppositorum“ (etwa: „Zusammenfall des Entgegengesetzten“) fasste, schlechterdings nicht in ein Wort zu fassen sei.

Nur bedingt hilfreich sind die Ausführungen zu Cusanus' Islam-Schriften, ein Thema, das den Kardinal sehr beschäftigte, weil er den Islam, vor allem in Gestalt des Koran, ernst nahm. Auf die Einnahme Konstantinopels 1453 durch die Türken hatte er mit einem Aufruf zur religiöser Toleranz reagiert. Im Sammelband schleichen sich bei dieser Thematik viele kleine Fehler und Missverständnisse sein – wenn man die Behauptung, die Erklärung „Nostra aetate“ des letzten Konzils sei ein Instrument der Kirchenpolitik, ein solches nennen will.

Bei den Ausführungen zur Rezeptionsgeschichte wird der maßgebliche Einfluss, den Nikolaus beispielsweise auf Giovanni Pico della Mirandola und Giordano Bruno ausgeübt hat, angemessen gewürdigt. Mit Verwunderung nimmt man allerdings zur Kenntnis, dass der Kusaner offenbar nach dem 17. Jahrhundert in der wissenschaftlichen Diskussion nicht mehr recht berücksichtigt wurde – was natürlich nicht stimmt. So wirkte er beispielsweise im 20. Jahrhundert bei der Frage nach der Festlegung des jeweiligen Epochenbeginns als wichtiger Anreger. Ein nützliches Arbeitsinstrument ist die dreißigseitige Bibliographie. Auch hier kann man einige Versäumnisse bemäkeln: Manche wichtige Forscher sind mit Aufsätzen oder gar nur Rezensionen, aber nicht mit ihren Hauptwerken vertreten. Zu manchen Stellen werden ältere Titel, aber nicht die neuere Literatur genannt. Es sind allerdings bei jeder wissenschaftlichen Bibliografie Unschärfen und Unvollständigkeiten schlicht und einfach nicht auszuschließen. Das ändert jedenfalls nichts daran, dass mit dem Handbuch – erwähnt werden sollte, dass es seit 2011 ein ähnliches, wenngleich kürzeres englischsprachiges Werk gibt – ein äußerst nützlicher Begleiter beim Kennenlernen oder auch bei der vertieften Beschäftigung mit einer der spannendsten und anregendsten Figuren der mittelalterlichen Geistesgeschichte zur Verfügung steht. Der Preis wird freilich vielen Studierenden die Anschaffung schwer machen; es gibt im übrigen auch eine elektronische Ausgabe des Bandes in zwei Ausführungen.

Marko Brösch/Walter Andreas Euler/Alexandra Geissler/Viki Ranff: Handbuch Nikolaus von Kues – Leben und Werk. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, 448 Seiten, ISBN 978-3-534-26365-3, EUR 79,95